
© o feurig geht es in der Pilotepisode von „Gypsy“ nur äußerst selten zu. / (c) Netflix
In diesem Jahr gab es vielleicht noch kein stärkeres Argument für die Rückkehr zur Episode als den Auftakt zum neuen Netflix-Drama Gypsy. Wäre man den darin involvierten Machern - Serienschöpferin Lisa Rubin, Regisseurin Sam Taylor-Johnson sowie Hauptdarstellerin und Executive Producer Naomi Watts - besonders wohlgesonnen, könnte man höchstens eine Szene auswählen, in der etwas Spannendes passiert. Der Rest ist so dröge, dass es wahrlich einer Herausforderung gleichkommt, dabei nicht einzuschlafen. Das altbekannte Netflix-Problem fehlender Einhegung grassiert hier besonders akut.
The key to happiness
Watts spielt die Psychotherapeutin Jean Holloway, die sich mit stetig wachsender Langeweile die Geschichten ihrer Patienten anhört. Man kann sie als Zuschauer gut verstehen, haben diese Leute doch tatsächlich überhaupt nichts Interessantes zu erzählen. Claire (Brenda Vaccaro) beschwert sich beispielsweise mit beeindruckender Konstanz über ihre Tochter Rebecca (Brooke Bloom), die sich erstens nicht melde, zweitens nur für ihren Job und das Fitnessstudio lebe und drittens kein Interesse daran zeige, einen Freund zu finden. Dürfte jeder Zuschauer von seiner eigenen Mutter kennen.
Ähnlich banal geht es im Seelenleben von Sam (Karl Glusman) zu. Er kann einfach nicht überwinden, dass seine Freundin ihn verlassen hat. Nun schüttet er sein Herz gegenüber Jean aus, wobei Glusman eine gute schauspielerische Leistung abliefert, aus dem sehr dünnen Dialog aber trotzdem nichts Nennenswertes machen kann. Der bemitleidenswerten Watts geht es nicht anders, sie darf nur folgenden Allerweltstipp abgeben: „Give it some time.“ Die Zeit heilt alle Wunden, Leute. Nothing to see here. Move along. Sie hält den Ratschlag für so effektiv, dass sie ihn am Ende der Episode gegenüber Claire gleich wiederholt - und zwar im genauen Wortlaut.
Immerhin versieht sie das Gesagte noch mit einer Nullaussage: „Emotions change like the wind.“ Angesichts solcher Banalität eine Frage an die Psychotherapeuten da draußen: Redet Ihr wirklich so? Falls ja, kann ich mir solche Termine zukünftig wohl sparen, sollte jemals der Bedarf dafür bestehen. In Jeans Privatleben geht es indes auch nicht aufregender zu. Tochter Dolly (Maren Heary) könnte lesbisch oder transsexuell sein, Ehemann Michael (Billy Crudup) eine Affäre mit seiner Assistentin Alexis (Melanie Liburd) unterhalten. Ist aber bislang alles nur Vermutung.

Ansonsten wird sich die Zeit damit vertrieben, an langweiligen Dinnerparties inklusive trivialem Tratsch und Klatsch teilzunehmen oder mit Kollegin Larin (Poorna Jagannathan) über andere Kollegen zu lästern. Es muss also etwas passieren, und was läge näher, als in die Leben der Patienten einzutauchen - ohne deren Wissen, versteht sich. Angespitzt von einer neu entdeckten Lust auf Whisky nimmt Jean das Mädchen in Augenschein, über dessen Verlust sich Sam in ihrem Büro so unausstehlich ausgeweint hat. Schon bei der ersten Begegnung mit Sidney (Sophie Cookson) knistert es leicht.
Active denial
Jean gibt sich gegenüber der Barista und Sängerin als Autorin und Journalistin aus, verpasst sich den Decknamen Diane und behauptet, Single zu sein. Von der drögen Dinnerparty und ihrem Ehemann verabschiedet sie sich mit der Entschuldigung, sich noch mit Larin treffen zu wollen. Stattdessen besucht sie Sidneys Konzert, nach dessen Ende ein erster eindeutiger Flirt entsteht. Wegen Naomi Watts musste ich dabei unweigerlich an den David-Lynch-Film „Mulholland Drive“ denken - genau wie der Kritiker des Hollywood Reporter, Dan Fienberg, der die Serie „Mulholland Drive for Dummies“ genannt hat.
Das passt ganz gut, weil Rubin und Taylor-Johnson die Fähigkeit vermissen lassen, lange Einstellungen mit Bedeutung aufzuladen, wie es David Lynch in unnachahmlicher Manier beherrscht. Hier sind lange Einstellungen einfach nur eines: lang, und somit auch langweilig. Die übrigen Elemente können das nicht auffangen. Die visuelle Umsetzung ist gewöhnlich, Sounddesign und Soundtrack vergessenswert, die Dialogarbeit völlig unambitioniert. Mit Watts und Crudup konnten zwei Könner engagiert werden, aber auch sie schaffen es nicht, aus der dürftigen Vorlage etwas Bemerkenswertes zu machen.
Nichts an der Pilotepisode von Gypsy ist so aufregend, wie es der Pressetext verspricht, der das Format als „psychologischen Thriller“ anpreist. Es ist ja schön zu sehen, dass auch mal eine weibliche Hauptfigur in die großen Fußstapfen von Don Draper treten darf. Gleichzeitig ist es unendlich schade, dass sie diese niemals wird füllen können. Jedenfalls nicht bei Netflix, wo es offensichtlich schon bei der ersten Episode egal ist, ob sie fesselt oder wenigstens eine interessante Grundlage legt. Ist ja egal, die faulen Couchpotatoes zu Hause lassen ja eh die nächste Episode laufen. Beim Streamingriesen mag niemand so denken - den Eindruck macht es trotzdem.