Griselda: Lady Comes to Town - Review der Pilotepisode

Griselda: Lady Comes to Town - Review der Pilotepisode

Die sechsteilige Crime-Dramaserie „Griselda“ entführt uns in die Welt der Drogenkartelle in Kolumbien und Miami in den 70er und 80er Jahren und heroisiert dabei eine der schlimmsten Verbrecherinnen der jüngeren Geschichte. Das Ergebnis ist unterhaltsam, aber moralisch fragwürdig.

Szenenfoto aus der Serie „Griselda“
Szenenfoto aus der Serie „Griselda“
© Netflix

Das passiert in der Serie „Griselda“

Griselda Blanco (Sofia Vergara) ist seit zehn Jahren in Kolumbien im Drogengeschäft und hat gerade aus Rache ihren Mann getötet. Nun setzt sie sich mit einem Kilo Kokain im Gepäck nach Miami ab und versucht dort Kontakte zu knüpfen. Auf ihrem Weg sterben die Menschen wie die Fliegen. Doch Griselda schreitet voran und tastet sich langsam an die wichtigen Dealer der Stadt heran, bis sie schließlich ihr Ziel erreicht und einen lukrativen Handel mit dem Großhändler Amilcar (José Zúñiga) eingeht.

Solide Kost

Der einzige Mann, vor dem ich je Angst hatte, war eine Frau namens Griselda Blanco“. Mit diesen Worten beginnt die Crime-Drama-MiniserieGriselda“ von Netflix. In Anbetracht der realen Geschichte Blancos tat der Drogenbaron Pablo Escobar sehr gut daran, sich vor der Frau zu fürchten, denn sie ging als eine der brutalsten und sadistischsten Kartellführerinnen in die Kriminalgeschichte der USA ein. Über 200 Morde sollen auf ihr Konto gehen, einige Dutzend verübte sie persönlich, wobei sie den Quellen nach ein perverses Vergnügen dabei empfand, ihre Opfer zuvor ausgiebig zu quälen.

Einerseits bietet dies einen soliden Background für eine spannend inszenierte Crime-Dramaserie mit hohem Actionanteil. Was diesen Part anbelangt, kann man den Serienerfindern Ingrid Escajeda, Doug Miro und Eric Newman sicherlich keine Vorwürfe machen. Wem der reale Hintergrund herzlich egal ist, wird also sicherlich seine Freude an der Miniserie haben. Sofiá Vergara (Modern Family) verleiht ihrer Figur die perfekte Mischung aus Verführungskunst und Kaltblütigkeit und sorgt dafür, dass man die Protagonistin trotz ihrer Taten irgendwie mag.

Spaßfaktor

Szenenfoto aus „Griselda“ mit Sofia Vergara als Griselda
Szenenfoto aus „Griselda“ mit Sofia Vergara als Griselda - © Netflix

Es macht schon Spaß, ihr nach Miami zu folgen und mitzuerleben, wie sie das Kilogramm Kokain, das sie in Kolumbien mitgehen lassen hat, an den Mann zu bringen versucht. Dabei spielt sie alle ihr zur Verfügung stehenden Trümpfe aus und scheut sich keineswegs davor, sich die Hände schmutzig zu machen. Flankiert wird sie unter anderem von José Zúñiga und Alberto Mateo, die ihren Gauner-Alter-egos ebenfalls einen gewissen Sympathiestempel aufdrücken. Das Ziel des Produktions-Teams ist dabei ganz klar: das Publikum an die Figuren zu binden, was auch recht gut gelingt. Man fiebert mit Griselda mit, als dem Großdealer Amilcar das erste Mal gegenübersteht und er sie abblitzen lässt und grinst in sich hinein, wenn sie Eddie „The Bird“ markige Sprüche um die Ohren haut.

Garniert sind diese Szenen nicht selten mit gut getimten und choreografierten Actioneinlagen, so dass sich insgesamt eine ansehnliche Kombination aus Dialogen, Rückblenden, die Griseldas Vergangenheit beleuchten, und Actionmomente ergibt. Hinzu gesellt sich ein Kostüm- und Setdesign, die die 70er Jahre, in der die Serie zu Beginn angesiedelt ist, authentisch aufleben lassen. Der Look versprüht einerseits den Disco-Neoncharme der Zeit, ist aber andererseits genau da hübsch dreckig, wo man es erwartet. Als weiteres Plus lässt sich verbuchen, dass immer wieder einige der bekanntesten Ohrwürmer jener Zeit zu hören sind.

Damit hat die Serie rein drehbuchtechnisch und auf inszenatorischer Ebene eigentlich alles, was es braucht. Die Krux an der Geschichte liegt indes weniger in den künstlerischen Details verborgen, als vielmehr in den historischen, sofern man sich dafür interessiert. Denn die Lockerheit und Leichtigkeit, mit der die Serienmacher in der Pilotfolge Lady Comes to Town vorgehen, ist durchaus ein wenig erschreckend.

Moralisches Dilemma

Szenenfoto aus „Griselda“ mit Sofia Vergara als Griselda und Alberto Ammann als Alberto Bravo
Szenenfoto aus „Griselda“ mit Sofia Vergara als Griselda und Alberto Ammann als Alberto Bravo - © Netflix

Griselda“ heroisiert die Titelfigur und stilisiert sie zur Antiheldin. Lockere Sprüche, Verführungsattitüden und ihre Kaltschnäuzigkeit stehen im Vordergrund, wobei zumindest in der Pilotfolge die wahre Persönlichkeit unter den Tisch gekehrt wird. Sicherlich, die Serie zeigt, wie Griselda ihren Mann und dessen Leibwächter tötet und wie sie den Kleindealer Johnny („Wilmer Calderon“) mit einem Baseballschläger vermöbelt, als dieser versucht, sie um ihr Kokain zu bringen.

Doch all das steht unter dem Deckmantel der armen Frau, die von ihrem Mann in die Prostitution gezwungen wurde und die sich nun in Miami auf die einzige Art ein neues Leben aufzubauen versucht, die sie eben kennt. Tatsache ist hingegen, dass sie eine unbarmherzige Kartellführerin war, die Miami und später Südkalifornien mit Drogen überschwemmte und einen Bandenkrieg auslöste, dem Hunderte, darunter viele Unschuldige, zum Opfer fielen. Sie quälte und ermordete ihre beste Freundin, tötete zwei Ehemänner und unterhielt eine Armee von Auftragskillern, wobei zwei davon ihre eigenen Söhne waren.

Insofern darf und muss die Frage erlaubt sein, ob es der richtige Weg ist, dem Publikum eine derartig grausame, sadistische und psychopatische Person, die so viel Leid verursachte, als Opfer zu präsentieren. Vergleichen wir Griselda beispielsweise mit dem kannibalischen Serienkiller Hannibal Lecter, so verspüren wir auch bei diesem eine gewisse Sympathie. Dennoch schwingt in der Figur immer die Gefahr und das Wissen mit, dass wir es hier mit einem Menschenfresser zu tun haben. Wir erliegen also der Faszination des nie verleugneten Bösen, was absolut in Ordnung ist. Eine ähnliche Herangehensweise wäre auch bei „Griselda“ ratsam gewesen, weil so von vornherein klar geworden wäre, welche Art Person wir vor uns haben.

Man mag nun argumentieren, dass es sich hier lediglich um eine Geschichte handelt, die unterhalten und Spaß machen soll. Das trifft selbstverständlich zu. Doch ganz so einfach ist es aufgrund des realen Backgrounds der Story dann eben doch nicht. Schließlich käme auch niemand auf die Idee, den „Kannibalen von Münsterberg“ alias Karl Denke oder - etwas plakativ ausgedrückt - politische Massenmörder wie den Anführer der Roten Khmer Pol Pot zu Antihelden zu stilisieren. Insofern wirkt „Griselda“ stellenweise zu sensationslüstern und zu wenig an den Tatsachen orientiert.

Fazit

Wem solche moralischen Feinheiten egal sind und wer Serien wie Narcos mag, wird mit Griselda sicherlich seinen Spaß haben. Wie oben bereits gesagt, kann man der Serie ausgehend von der Pilotfolge aus einem technischen Blickwinkel heraus nicht viel vorwerfen. Zuschauenden, die sich für den historischen Background interessieren und von einer Show, die auf einer realen Persönlichkeit basiert, Authentizität und Tiefgang erwarten, werden aber wohl manche Kröte schlucken müssen. Dreieinhalb von fünf Punkten.

Hier noch der Originaltrailer zur Serie „Griselda“:

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