Grand Army: Brooklyn 2020 - Review der Pilotepisode

© malia Yoo in Grand Army (c) Netflix
Nachdem bereits Bücher, Filme, Comics und zuletzt vermehrt auch Podcasts als Vorlagen für Serien hergehalten haben, sieht man inzwischen ab und zu auch Theateradaptionen. Nach Chewing Gum von Michaela Coel und P-Valley von Katori Hall erschien nun Grand Army bei Netflix. Hier hat Katie Cappiello ihr kontroverses Stück „Slut“ aus dem Jahr 2013 neu aufbereitet. Unterstützung fand sie dabei vom House of Cards-Schöpfer Beau Willimon, der ebenfalls von der Bühne kommt.
Die einstündige Pilotepisode vom Coming-of-Age-Drama, die den Titel Brooklyn 2020 trägt, stellt uns die fünf Hauptfiguren vor: Joey Del Marco (Odessa A'zion), Dominique „Dom“ Pierre (Oldey Jean), Siddhartha „Sid“ Pakam (Amir Bageria), Jayson Jackson (Maliq Johnson) und Leila Kwan Zimmer (Amalia Yoo). Das Drehbuch stammt von Cappiello höchstpersönlich. Die Regie übernahm derweil ihre koreanische Kollegin So Yong Kim („Treeless Mountain“).
Worum geht's?
Die Geschichte spielt an einer Highschool im Brooklyner Szeneviertel Grand Army. Das erklärt auch den leicht irreführenden Namen der Serie, die tatsächlich nichts mit Krieg zu tun hat. Obwohl es gleich zu Beginn trotzdem eine Bombenexplosion gibt, die die Schule unversehens in den Lockdown schickt. Ein junger Mann hat in der Nachbarschaft einen Terrorangriff verübt, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen. Für die Schüler kein großes Drama, immerhin haben sie so keinen Unterricht.
Nur eine kriegt die Krise: Leila Kwan Zimmer, eine adoptierte Musterschülerin, die zwar aus China stammt, aber von jüdischen Eltern in Amerika großgezogen wurde. Kein Wunder, dass sie sich nirgends richtig zuordnen kann und daher von Einsamkeit geplagt ist. Verändert wird ihr trostloses Leben, das sie am Tag des Anschlags bereits enden sieht, durch einen dummen Jungenstreich. Das machohafte Sportteam nutzt die Zeit des Wartens, um eine Liste mit den heißesten Mädchen der Schule anzufertigen. Und durch Zufall wird Leila ebenfalls als „Bomb Pussy“ nominiert. Das bringt ihr auch den neuen Spitznamen „JAP Pussy“ ein, der ihr komischerweise sogar zu gefallen scheint. Allgemein genießt sie die neue Aufmerksamkeit...

Dieser seltsame Handlungsstrang war wohl einer der Gründe dafür, dass Anfang September drei Autoren der Serie, übrigens allesamt People of Color, ihre Kündigung bekannt gaben. Eine von ihnen, Ming Pfeiffer, spricht bei Twitter von „rassistischer Ausbeutung und Missbrauch“ und beschimpfte ihre Chefin Cappiello als „komplette Karen“, nachdem diese offenbar die Personalabteilung informiert hatte, als eine ihrer Angestellten mit einem neuen Haarschnitt zur Arbeit erschienen war.
Unglaubliche Ereignisse, die sich hinter den Kulissen von Grand Army abgespielt haben müssen. Und da man nicht weiß, wer nun die Wahrheit sagt, bringt es nichts, darüber zu diskutieren. Allerdings zeugt das Ganze von einer schlechte Stimmung am Set, was sich fast immer auch in der Serie selbst bemerkbar macht. Zumindest im Pilot merkt man bislang nicht viel davon. Beim ersten Kennenlernen wirken die meisten Charaktere interessant genug, um Neugier zu wecken. Ähnlich wie bei Euphoria scheint es an der Schule kaum Untergruppen zu geben. Soll heißen: Trotz aller großen Differenzen gehen abends alle auf dieselbe Party, was durchaus etwas Schönes hat. Zumal Realismus beim Theater nie der höchste Anspruch ist.
Geschönt wird in Grand Army aber nichts, das machen Showrunner Cappiello und die Regisseurin Kim gleich mit der allerersten Szene klar. Diese spielt nämlich auf der Mädchentoilette und dreht sich darum, wie die taffe Joey ein weggerutschtes Kondom aus ihrer besten Freundin herausholt. Hochglanz-Gossip Girl ist das hier wirklich nicht...
Fazit
Alles in allem ein wilder Auftakt, der sowohl Stärken als auch Schwächen erkennen lässt. Besonders optimistisch stimmen das vielfältige Jungensemble und die verspielte Inszenierung von So Yong Kim, die sich zwischenzeitlich sogar einer actionreichen Comicsequenz mit Zombies hingibt. Die Serienschöpferin Katie Cappiello fürchtet sich nicht vor Kontroversen, wie ja schon der Titel des Stücks beweist, auf dem die Serie basiert. Das macht Grand Army einerseits aufsehenerregend, birgt andererseits aber viele Gefahren. Am Schlimmsten wäre es wohl, wenn die Geschichte Langeweile auslösen würde. Immerhin kann ja nicht jede Woche eine Bombe explodieren, damit die Zuschauer weiterhin brav gebannt bleiben.
Hier abschließend noch der Trailer zur Netflix-Serie Grand Army: