
Kaum ein Serienpilot in der TV-Season 2014/2015 wurde so sehnlichst erwartet wie Gotham. Nun hat die Serie ihre Premiere gefeiert und eine Pilotepisode abgeliefert, die durchaus überzeugen kann.
Lil' Gotham - Die Anfänge des dunklen Ritters
Die Pilotepisode der neuen US-Serie Gotham fängt ganz vorne im Batman-Mythos an. Alles beginnt in der Nacht, in der Thomas und Martha Wayne vor den Augen ihres Sohnes Bruce (David Mazouz) umgebracht werden. Innerhalb der ersten fünf Minuten werden vier zentrale Figuren mit einfachen, aber effektiven Mitteln eingeführt. Die junge Selina Kyle (Camren Bicondova), die später einmal zu Catwoman werden soll, schleicht sich durch eine gut besuchte Nachbarschaft, die wie Chinatown aussieht, und klaut sich ihre Verpflegung zusammen. Dabei denkt sie nicht nur an sich, sondern auch an streunende Straßenkatzen, zu denen sie ja auch irgendwie gehört. Denn ein Zuhause sieht man von Selina (noch) nicht. Vielmehr ist sie als fast stumme Beobachterin in den Straßen Gothams unterwegs. Als solche ist sie Zeuge des besagten Mordes und könnte vielleicht im Verlauf der Staffel oder der Serie beim Ergreifen des Täters helfen.
Der schrille Schrei des jungen Bruce ist jedenfalls ein früher Gänsehaut-Moment in diesem Piloten. Es ist ein Moment, der direkt aus dem Comic stammt und dort zu einer Bildikone für die Batman-Origin-Story wird. Hier ist der Moment so effektiv, weil er in Mark und Bein geht - und nicht etwa unfreiwillig komisch daherkommt wie Darth Vaders „No!“ aus dem dritten Star-Wars-Prequel.
Die Einführung von James Gordon (Ben McKenzie) ist ebenfalls simpel wie effektiv. Der Neuankömmling in Gotham und beim GCPD darf einen Verbrecher aufs Kreuz legen, der seine Pillen verlangt und eine Geisel nehmen möchte. Mit ruhigen Worten und wenigen Schlägen bringt Gordon den Rüpel zur Strecke. Gleichzeitig wird hier demonstriert, dass etwas im Argen liegt bei der Polizei. Statt ihn abzuführen, wird auf den Verbrecher eingeschlagen; statt der Arbeit nachzugehen, sehnt sich Harvey Bullock (Donal Logue) dem Feierabend entgegen, als der Notruf eines Doppelmordes gemeldet wird.
Lt. James Gordon und Bullock werden zum Tatort des besagten Raubmordes gerufen. Der Fall ist deswegen so brisant, weil die Waynes zu den reichsten und beliebtesten Gönnern der ganzen Stadt gehören. Der Druck, jemanden zu verhaften und der Öffentlichkeit schnell einen Schuldigen zu servieren, ist also enorm.
Der Fall Wayne
Die Pilotfolge dreht sich zentral darum, den Täter zu finden und dem Waisen Frieden zu bringen. Denn der junge Bruce steht unter Schock und hat seit dem Vorfall mit niemandem geredet. Erst als Gordon ihm gut zuredet und von dem tragischen Verlust des eigenen Vaters erzählt, öffnet sich Bruce und schildert verstört den Tathergang. Der junge Milliardärserbe kann die Tat nicht verstehen, er sucht einen Grund, warum seine Eltern sterben mussten. Gordon versucht Trost zu spenden, doch der Schaden ist bereits irreparabel. Zum Glück erscheint bald Familienbutler Alfred (Sean Pertwee, Sohn des dritten Doctor Who-Darstellers) und nimmt Bruce unter seine Fittiche. Alfred nimmt Gordons Versprechen, den Fall aufklären zu wollen, zur Kenntnis, weiß aber auch, dass diese Stadt im Kern verdorben ist. Aber wer weiß, vielleicht reicht ein guter Cop, um einen Wandel herbeizuführen.
Bullock und Gordon sind nicht die einzigen, die am Fall interessiert sind. Crispus Allen (Andrew Stewart Jones) und Renee Montoya (Victoria Cartagena) aus der Major-Crimes-Abteilung strecken ebenfalls ihre Fühler aus und werfen ein Auge auf die Beamten in Bullocks Abteilung, die nicht den besten Ruf genießt.
Denn der Mob, repräsentiert durch Leute wie Fish Mooney (Jada Pinkett Smith), hat die Polizei geschmiert, die dann gerne mal wegschaut, wenn die Clubbesitzerin einen Angestellten verprügeln lässt, der ihr Geld schuldet. Gordon jedoch ist anderes gewohnt und steckt seine Nase auch in unbequeme Situationen.
Leg dich nicht mit Falcone an
Eine heiße Spur führt bald zu Mario Pepper, der die Wayne'sche Halskette in seinem Besitz haben soll. Doch im Laufe der Episode stellt sich heraus, dass die Polizei und das organisierte Verbrechen sich den Vater der jungen Ivy (Clare Foley), die eine besondere Liebe für Pflanzen aller Art hegt, als Bauernopfer ausgesucht hat, um der Stadt möglichst schnell einen Täter zu präsentieren. Doch als dieser Fakt an die Oberfläche dringt, ist Pepper bereits tot, seine Tochter eine Halbwaise und Gordon wieder am Anfang seiner Ermittlungen.
Das entscheidende Detail hinsichtlich des getürkten Beweises und der fingierten Spur wird dem Major-Crimes-Dezernat durch Oswald Cobblepot (Robin Taylor) mitgeteilt, und über den Umweg Barbara Kean (Erin Richards) dringt die Information auch zu James Gordon vor.
Das geht Gordon gewaltig gegen den Strich, ebenso wie die gesamte etablierte Dynamik zwischen der geschmierten Polizei und dem Mob. Dass man sich mit diesen Kräften nicht anlegt, erfährt er spätestens, als Mooney ihn in ihrem Club zusammenschlagen und ihn anschließend in ein Schlachthaus bringen lässt, wo er beseitigt werden soll. Bullocks Versuch Mooney zur Raison zu bringen, scheitert auf ganzer Linie und er wird ebenfalls kopfüber an einen Fleischerhaken gehängt.
Die Rettung kommt von unerwarteter Stelle, nämlich von Falcone (John Doman) und seinen Männern, die sich um die Beseitigung von Mooneys Gefolgsleuten kümmern. Erneut wird Gordon mit den ungeschriebenen Regeln der Stadt konfrontiert: Er soll im Anschluss Cobblepot erledigen, um zu beweisen, dass er die Regeln verinnerlicht hat. Doch genau dagegen wehrt er sich, schießt in die Luft und schickt ihn lediglich über die Hafenkante mit dem Hinweis, sich in Gotham nicht wieder blicken zu lassen.
Batman: Year Zero
Gotham mischt im Serienpiloten Crimedrama mit urbanem Superheldenmythos und präsentiert dabei (bisher) vor allem die bodenständigen Elemente aus dem Comicuniversum. Alle zukünftigen Superschurken kommen ohne Superkräfte aus und werden außerdem vor dem Zeitpunkt gezeigt, an dem sie einen entscheidenden Wandel durchmachen.
Dass Selina Kyle schon in jungen Jahren eine Verbindung zu Karten und zum Diebstahl hat, oder dass Edward Nigma (Cory Michael Smith) einen Hang dazu hat, Informationen in Rätseln zu verpacken, und die junge Ivy (hier natürlich noch ohne Poison) lieber mit Pflanzen als mit Menschen spricht, das alles sorgt dafür, dass man auch weiß, um wen es sich handeln soll. Mal funktioniert die Charakterisierung (Kyle), mal weniger (Ivy). Doch da es sich hier um einen Piloten handelt, ist klar, dass noch nicht jede Figur vollends ausgeschmückt charakterisiert werden kann. Positiv muss man anmerken, dass die zahlreichen Charaktere dieses Piloten sogar überraschend gut eingeführt werden und für jeden mindestens ein netter Moment geschaffen wird.
Oswald Copplepot steht ganz am Anfang seiner Karriere als Krimineller und ist mehr ein Handlanger und Mitläufer als ein Lenker. Dennoch sieht man klar seine Ambitionen und erkennt sein Machtstreben, sonst würde er nicht Mooney frontal durch seinen Hinweis in Richtung Major Crimes verraten. Gleichzeitig sieht man die Feigheit und den Opportunismus der Figur sehr anschaulich, als der spätere Pinguin seiner Chefin Mooney als Wiedergutmachung für den Verrat anbietet, sich die Pulsadern aufzuschneiden, oder als er Gordon anbettelt, sein Leben zu verschonen.
Ein interessantes Detail ist der Auftritt des Stand-Up-Komikers in Mooneys Club, der eventuell ein Hinweis auf den Erzfeind des späteren dunklen Ritters sein könnte. Ansonsten haben die Produzenten pro Episode schon mehr oder minder subtile Hinweise auf den Joker versprochen. Es bleibt zu hoffen, dass man den Clownprinz des Verbrechens behutsam aufbaut und dann mit möglichst heftigem Effekt präsentiert, vielleicht als Staffelcliffhanger, oder weiterhin als Bedrohung im Hintergrund.
Auch Figuren wie Montoya, Allen und Captain Sarah Essen (Zabryna Guevara) sind Comiclesern durchaus vertraut und stellen eine schöne Referenz dar. Doch der Star der Serie ist James Gordon, der durch Ben McKenzie einen Darsteller erhält, der wunderbar zur Figur passt und ihr auch die richtige Integrität verleiht. Auch wenn Donal Logue optisch nicht wie sein Comicgegenpart aussieht, so spielt er seine Rolle doch mit der nötigen Mischung aus Korruption, Festgefahrenheit und Engagement. Man kann erahnen, dass in Bullock ein guter Cop steckt, doch das System sorgt dafür, dass er gewisse Zustände einfach akzeptiert und sich lieber nicht einmischt, weil er die Konsequenzen fürchtet. Vielleicht fehlte ihm bisher auch nur ein Katalysator wie Gordon, der seine gute Seite zum Vorschein bringt. Denn Gordon lässt sich nicht einschüchtern. Sein Moralverständnis bleibt trotz Drohungen durch den Mob, die Gesetzeshüter selbst und dritte Kräfte wie der Major-Crimes-Einheit unangetastet bestehen. McKenzies Performance kann im Piloten jedenfalls überzeugen, auch wenn man als langjährigen Wegbegleiter des Schauspielers auf seine Marotten (wie der Blick nach unten, der jedem The OC-Zuschauer bekannt sein sollte) achtet.
Mazouz hat als Bruce Wayne in dieser Episode nicht viel zu tun, aber seine wenigen Szenen funktionieren bereits vorzüglich. Wie bereits erwähnt, erhält er direkt zu Beginn einen echten Magic Moment. Toll ist auch die Interpretation der Figur Alfred, die vor allem im englischen Original durch ihren Akzent und die Wortwahl gut zur Geltung kommt und sympathisch rüberkommt.
Fazit
Der Pilot zu Gotham erzählt in seiner Laufzeit von etwas über 48 Minuten eine recht komplette Geschichte, die dennoch genug Handlungsstränge offen lässt, so dass man in der kommenden Woche wieder einschalten möchte. Besonders die Saga des Pinguins verspricht spannend zu werden, aber auch der weitere Werdegang anderer Figuren - wie Selina Kyle, die hauptsächlich als Beobachterin eingesetzt wird, und Edward Nigma, der spannenderweise als Polizeiberater zum Zug kommt - bieten genug Stoff für ansprechende Wendungen. Nicht zu vergessen sind auch die Möglichkeiten weitere Schurken einzuführen. Wie würde eine frühe Form von Mr. Freeze, Killer Croc oder ein Hugo Strange in dieser Welt aussehen? Bleibt es bei der bodenständigen Präsentation der Figuren, die auf Superkräfte und Special Effects verzichtet? Wird es vermehrt Fälle-der-Woche geben oder überwiegt eine staffelübergreifende Handlung? Das alles werden die folgenden Wochen zeigen.
Für FOX ist Gotham aus anderen Gründen wichtig, denn ausgenommen Sleepy Hollow im letzten Jahr fehlen aktuell die Einschaltquotenleuchttürme. Fraglich ist nur, ob dies am durchaus umkämpften Montagabend gelingen wird. Zu wünschen ist es der Serie, denn der Pilot ist ein durchaus vielversprechender Start, der eine Batman-Zeitperiode behandelt, die sonst sehr häufig ausgeblendet oder gar übersprungen wird. Funktioniert eine Batman-Serie ohne Batman? Die Comicreihe „Gotham Central“ hat das bereits sehr lesenswert bewiesen „62540“. Ein Crimeprocedural mit Superkräften fehlt im TV-Markt aktuell, auch wenn mit Powers (basierend auf dem Comic von Brian Michael Bendis und Michael Avon Oeming) bald schon die nächste Serie, die in eine ähnliche Kerbe schlägt, in den Startlöchern steht und ähnliche Serien wie Arrow und Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. zumindest teilweise Elemente davon bieten. Die Zuschauer stehen jedenfalls auf Krimiserien, sonst gäbe es nicht so viele von ihnen. Und „Gotham“ bietet mit dem Batman-Franchise eine weltweit etablierte Marke, die sicherlich viele Leute zum Einschalten bewegen wird.