Die Serie Golden Boy schildert rückblickend den Aufstieg eines hochbegabten, aber ungestümen Ermittlers im Morddezernat des NYPD. Die Auftaktepisode präsentiert die überzeugenden Charaktere in einem mitreißenden Setting. Siegt am Ende der gute Hund?

Die Ermittler Walter Clark (Theo James), Tony Arroyo (Kevin Alejandro) und Don Owen (Chi McBride) in „Golden Boy“ / (c) CBS
Die Ermittler Walter Clark (Theo James), Tony Arroyo (Kevin Alejandro) und Don Owen (Chi McBride) in „Golden Boy“ / (c) CBS

Die neue Crimeserie Golden Boy von Nicholas Wootton (NYPD Blue, Law & Order, Chuck) beginnt mit einem Raubüberfall und der anschließenden Schießerei zwischen den beiden Ganoven und zweier Cops des NYDP. Zwar ist die Trefferquote im Vergleich zu anderen fiktiven Formaten überdurchschnittlich hoch - neben dem Kollegen des augenscheinlichen Protagonisten liegen auch die beiden Kriminellen am Boden. Doch richtig ungewöhnlich wird es erst mit dem Ausflug in die sieben Jahre entfernte Zukunft des heroischen Polizisten Walter Clark (Theo James aus Bedlam, Kemal Pamuk aus Downton Abbey).

Mit nur 34 Jahren hat er sich zum jüngsten Police-Commissioner in der Geschichte des NYPD gemausert. Doch er hinkt und auch sein Gesprächspartner betont unheilschwanger, dass sein Erfolg durch einen hohen Preis erkauft wurde. Clark beginnt, dem Reporter Paul Daly (Richard Kind) die Geschichte seines Aufstiegs zu schildern.

Der Golden Boy

Für seinen heroischen Einsatz bei dem Raubüberfall wird der „Golden Boy“ auf seinen Wunsch hin direkt in die Abteilung Homicide befördert. Der Ehrgeiz des Polizisten, dem alles zu gelingen scheint, speist sich aus einer von ärmlichen Familienverhältnissen geprägten Kindheit . Der Jüngling ist in seiner grenzenlosen Zielstrebigkeit kein Charakter, den man umgehend ins Herz schließt. Erst einmal muss sich Clark unter ungünstigen Bedingungen beweisen. Sein neuer Partner ist nicht der schicke Musterermittler Tony Arroyo (Kevin Alejandro, True Blood), sondern dessen behäbig erscheinender und in die Jahre gekommener Kollege Detective Don Owen (Chi McBride). Und dieser afroamerikanische Koloss lässt sich zu allem Überfluss nicht von den allgemeinen Huldigungen anstecken, die Clark durch die Öffentlichkeit entgegengebracht werden. So öffnet er dem eitlen Gesellen die Autotür, um ihn dann mit einem zynischen „Who am I? Morgan Freeman? Open your own damn door!“ zurechtzuweisen.

Clark und seine Schwester Agnes © CBS
Clark und seine Schwester Agnes © CBS

Zunächst ist es noch angenehm, den cocky little snot abgestraft zu sehen. Denn dieser setzt sich über seinen eigentlichen Partner arrogant hinweg und versucht, sich direkt bei Arroyo anzubiedern. Doch je mehr wir über den Polizisten erfahren, desto stärker wächst er einem ans Herz. Anhand seiner problemgeplagten Schwester Agnes (Stella Maeve) erhält Clark die Gelegenheit, auch seine zugänglichere Seite zu zeigen. Außerdem wird er in brenzligen Situationen von traumatischen Erinnerungsfetzen gepeinigt, die seine Hand in ein unkontrolliertes Zittern versetzen.

Der Fall

Oliver Esten (Roe Hartrampf), der Sohn einer reichen Familiendynastie und ein racist pig kristallisiert sich als Tatverdächtiger heraus. Es wird schnell klar, dass Esten aus Eifersucht einen jungen Schwarzen ermordet hat, doch seine Anwälte beschützen ihn.

Dank seines Wissens über die kriminellen Mechanismen der Stadt, einer ausgeprägten Beobachtungsgabe und seiner Menschenkenntnis kann Clark falsche Fährten enthüllen. Außerdem steht er in Kontakt mit einer attraktiven Journalistin, mit der er nicht nur Körperflüssigkeiten, sondern auch Informationen austauscht. Was ausgesprochen klischeelastig klingt, macht im Szenario von Golden Boy einen stimmigen Eindruck.

Als Clark auch vor Taschendiebstahl und einem Einbruch nicht zurückschreckt, um Esten zu überführen, wird er durch seinen Kollege Owen als Stimme der Vernunft getadelt. Der zukünftige Freund und Mentor, der Clark einen Mangel an Geduld und Reife attestiert, wird durch Chi McBride außerordentlich authentisch und liebenswert porträtiert. Auch Kevin Alejandro leistet als dessen Kollege Arroyo sehr gute schauspielerische Arbeit. Wie sich herausstellt, mutiert der vordergründig freundliche Platzhirsch mit der Zeit zu einem von Clarks gewichtigsten Gegenspielern. Bereits in der Pilotfolge bemüht er sich auf verschlagene Weise, den Emporkömmling durch Diffamierung in seine Schranken zu verweisen.

Ein Ende mit Aussichten

Am Ende kann Esten doch noch überführt werden, auch wenn die Lorbeeren dafür nicht Cark selbst zufallen. Er kann sich aber damit trösten, in Owen einen verlässlichen Partner gefunden zu haben. Zum Abschluss dieser Rückblende in Episodenlänge gibt er Clark noch eine metaphorische Lebensweisheit mit auf den Weg zum Erfolg: Im Inneren eines jeden Menschen tobt ein Hundekampf zwischen Gut und Böse. Durchsetzen wird sich dabei die Eigenschaft, der man am meisten Nahrung zukommen lässt...

Clark und sein Kollege Owen. © CBS
Clark und sein Kollege Owen. © CBS

Dem Zuschauer wird anhand der Entstehung eines neuen Wolkenkratzers im Zeitraffer auf unaufdringliche und innovative Weise vor Augen geführt, dass die Erzählperspektive wieder in die Zukunft verlagert ist. Der Journalist Daly sorgt für das Aufkommen von gehöriger Spannung. Er berichtet nämlich sowohl von der eklatanten Verschlimmerung des Verhältnisses zwischen Arroyo und Owen als auch von einem Mord mit anschließendem Selbstmord.

Wir hatten bereits erfahren, dass zwischen Arroyo und Owen ein feindliches Klima herrscht, weil Arroyo eine Informantin Owens enttarnt und ihrem Leben somit ein Ende bereitet hatte. Die düsteren Prognosen Dalys und ein Erinnerungsbild von Owen in Clarks zukünftigem Büro fungieren als sehr, sehr schlechte Omen für die Zukunft des sympathischen Ermittlers. Doch in gewisser Weise unterzeichnet Owen - wie in jedem fiktiven Copuniversum - bereits dadurch sein Todesurteil, dass er verkündet, dass ihm nur noch zwei Arbeitsjahre bis zu seiner Pensionierung bevorstehen...

Fazit

Die Luftaufnahmen New Yorks sind zwar imposant, aber gleichzeitig ein zu oft genutztes Motiv, um noch als atmosphärische Höhenflüge zu geten. Einige Aspekte der Handlung - wie Clarks selbstgerechtes Versprechen gegenüber den Verbliebenen, den Mörder dingfest zu machen - hätten origineller ausfallen können. Dazu gehören auch die Ermittlungen über den tiefen Fall eines überprivilegierten Sprösslings.

Fest steht aber, dass Golden Boy von einer überdurchschnittlichen Besetzung profitieren kann. Diese schafft es, sämtliche Charaktere - wie auch Clarks weitere Kollegen Deborah McKenzie (Bonnie Somerville) und Joe Diaco (Holt McCallany) - ungewöhnlich schnell zum Leben zu erwecken. Außerdem überzeugt der Protagonist in seiner charakterlichen Vielschichtigkeit. Die Serie an sich ist ansprechend inszeniert und kreiert einen vielversprechenden Hintergrund. Vor diesem kann sich der 27-jährige Heißsporn seinen eigenen Weg durch die moralischen Irrwege des Polizistenlebens kämpfen.

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