Godless: Kritik der Episode 1x01 der Netflix-Westernserie

Godless: Kritik der Episode 1x01 der Netflix-Westernserie

Das Western-Genre erlebt derzeit mit diversen Neuerscheinungen eine kleine Renaissance. Mit der Miniserie Godless hat man bei Netflix allerdings ein ganz besonders heißes Eisen im Feuer, welches bereits nach der ersten Episode große Erwartungen weckt.

Sam Waterston in „Godless“ / (c) Netflix
Sam Waterston in „Godless“ / (c) Netflix
© am Waterston in „Godless“ / (c) Netflix

Episode 1.1 markiert den Startschuss für die siebenteilige Miniserie Godless. Der berüchtigte Bandit Roy Goode (Jack O'Connell) spaltet sich nach vielen Jahren von einer Bande von Gesetzlosen und ihrem gnadenlosen Anführer Frank Griffin (Jeff Daniels) ab. Dieser macht von nun an Jagd auf ihn, da Roy sich gemeinsam mit der Beute ihres letzten Raubzuges verabschiedet hat.

Nach ihrer Konfrontation schleppen beide sich beide Männer mit einer Kugel als Andenken davon. Während Griffin und seine Gang in einer nahe gelegenen Stadt medizinische Hilfe suchen, bricht Roy vor der Ranch der jungen Mutter Alice Fletcher (Michelle Dockery) zusammen, welche den verletzten Mann bei sich aufnimmt.

Diese pflegt eine komplizierte Beziehung zum nahegelegenen Örtchen La Belle, welches den Großteil seiner männlichen Population bei einem Minenunglück einbüßte. Bald reitet Gesetzeshüter Marshal John Cook (Sam Waterston) in die Stadt, der sich an die Fersen von Griffin geheftet hat, nachdem dieser in einem Anflug von blindem Hass auf der Suche nach Roy bereits die komplette Bevölkerung einer Stadt massakrierte.

Die Nachricht, dass Griffin auf der Suche Roy die Gegend umkrempelt und möglicherweise auch bald einen Zwischenstopp in La Belle einlegen könnte, kündigt mehr als nur drohendes Unheil an. Roy erholt sich derweil langsam aber sicher und baut sich vorsichtig eine Verbindung zu Alice und den Bewohner der kleinen Farm auf. Doch es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Griffin und seine Bande auf der Suche nach ihm wie eine Bande hungriger Kojoten über La Belle herfallen werden.

Death is Riding Into Town

Eine Gefolgschaft von Reitern betritt aus dem Nebel heraus eine stille Stadt. Es sieht so aus, als ob ein Tornado der Gewalt in dieser Stadt gewütet hat: Überall liegen Männer, Frauen und Kinder verstreut, erschossen, erstochen oder erhängt. Im Zentrum des von Leichen gepflasterten Wegs entdecken die Reiter eine junge Frau, die kniend vor einem der Toten ein trauriges Lied anstimmt, welches die Stille durchbricht, um einsam in den Straßen zu verhallen. Eine weitere Geräuschquelle inmitten des ruhigen Chaos ist der Klang der letzten Nachricht eines Stenographen, dessen Hilferuf noch immer zu hören ist, seine Empfänger jedoch nicht mehr rechtzeitig erreichen konnte.

Die Introseqenz, mit der Godless seine Zuschauer willkommen heißt, verursacht ein enormes Gefühl der Beklemmung und schafft eine schaurige Atmosphäre, die einem ganz schnell klar macht, dass wir uns nicht in der freundlichen Abenteuer-Westernwelt von Karl May oder den glorreichen Helden in Schwarz-Weiß befinden, welche die Banditen mittags zum Glockenschlag in einem fairen Duell niederstrecken. Einen dermaßen wuchtigen Start einer Serie habe ich, wenn überhaupt, schon sehr lange nicht mehr erlebt.

Wir bekommen mit dem für eine Pilotepisode mit circa 70 Minuten Laufzeit umfangreichen Auftakt das Grundgerüst für die Vielzahl an Charakteren und deren Verbindung zur Handlung geliefert und können in Zuge dessen schon einmal unsere ersten Eindrücke sortieren und die Verknüpfungen erkennen, die für die Geschichte relevant sind. Die technische Inszenierung ist dabei nicht nur einwandfrei, sondern sorgt durch durchdachte Kameraführung, authentische Sets und stimmungsvoll komponierten Soundtrack dafür, dass man sich durch diese gelungene Ästhetik nahtlos in der düsteren Welt verlieren kann.

Godless geht dabei mit dem Westerngenre in gespaltener Form um: Einerseits verneigt es sich auf respektvolle Art vor dem Setting und bekannten Charaktertypen, trimmt das Ganze aber auch gleichzeitig mit der dreckigen Realismuspeitsche zurecht und entglorifiziert ein zweifelsfrei chaotisches und rohes Kapitel der amerikanischen Geschichte, denn wie der Titel schon sagt, herrschen hier die Gottlosen über diejenigen, die sich an ethische Maßstäbe einer Zivilisation im Umbruch gebunden fühlen.

Während sich der Begriff gottlos in vielen trostlosen Schicksalen und Situationen widerspiegelt, wird er in erster Linie durch die Figur von Frank Griffin (Jeff Daniels) verkörpert. Dieser liefert genau wie der Rest des talentierten Casts eine einprägsame Performance ab, die im Hinblick auf ihre Qualität bei so gut wie allen beteiligten Darstellern wiederzufinden ist.

Jeff Daniels in „Godless“
Jeff Daniels in „Godless“ - © netflix

Gibt es überhaupt etwas Negatives?

Um es kurz zu machen: sehr wenig. Im Gespräch mit meinem Kollegen Felix, der bereits in einer Vorabkritik seine Eindrücke zur ersten Staffel geschildert hat, kamen wir auch gemeinsam nur auf marginale und subjektive Schwachpunkte: Ihn sorgte, dass sich die erste Episode sehr viel Zeit für Exposition und Fragestellung nimmt, was von ungeduldigeren Zuschauern vielleicht als zu langatmig empfunden werden könnte, was sehr schade wäre, da er dies als wichtiges Fundament empfand, was auch in den kommenden Folgen aufgeht. Für mich stellten die ruhigeren Szenen aber auch willkommenen Pausen auf, um Zeit für Verarbeitung der einprägsameren Ereignisse einzuräumen.

Das bedeutet unterm Strich: Selbst wenn man zu denjenigen gehört, die gerne etwas mehr Dynamik zum Beginn der Serie sehen würden, lohnt es sich darauf einzulassen, denn Godless hat noch sehr viel mehr in Petto. Wiedergutmachung, Einsamkeit, Erlösung, Tragik, Rache, Emanzipation und Konfrontation sind nur einige der Schlagworte, welche die Themen aufzeigen, die ihren Platz in der gnadenlosen Welt der Miniserie finden. Also Aufsatteln und am besten auch gleich Anschnallen.

Fazit

Godless ist brachiale, bildgewaltige Genrepoesie, die bis ins Mark geht und die Herzen von Westernfans höher schlagen lässt. Produktionstechnisch hohes Niveau trifft auf anspruchsvolle Charakterdarstellung, welche den dominierender Faktor in der bisher geradlinigen Exposition einer spannenden Geschichte darstellt.

Wer sich von der expliziten Natur diverser Geschehnisse nicht abschrecken lässt, auf den wartet ein emotionaler und spannungsgeladener Start in eine Miniserie mit enormen Hitpotential, die hoffentlich nicht nur Genrefreunde in den Saloon locken kann.

Serientrailer:

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