Godless 1x07

© ??Godless“ / (c) Netflix
Deadwood. Hell on Wheels. Im Grunde genommen auch Justified. In den letzten zwei Dekaden hat der eine oder andere (Neo-)Western die TV-Landschaft bereichert, zuletzt zum Beispiel auch das viel diskutierte Westworld (wenn auch mit einer ordentlichen SciFi-Note) oder das eher durchschnittliche The Son mit Pierce Brosnan. Ob nun gut oder schlecht, als Genrefan freut es einen, dass nach wie vor zahlreiche kreative Köpfe am Wilden Westen und dem Genre hängen, das seit seiner ersten Stunde die verschiedensten Abstufungen durchlebt hat.
Auf der einen Seite haben wir die „guten Western“, in denen das Frontier-Leben in der Prärie romantisiert wird und der heldenhafte John-Wayne-Typ am Ende stets den Tag rettet. Auf der anderen sind die teils sehr brutalen, weniger eindeutigen und dreckigen Italowestern von Leone, Corbucci et cetera. Das Western-Genre lässt sich nicht auf eine bestimmte Art festnageln, was wahrscheinlich auch den Reiz ausmacht. Seit der Jahrtausendwende hat man indes das Gefühl, dass ein zynischer Ton das Genre dominiert. Lebensnah und entmystifizierend sind Western, so wie das bereits erwähnte „Deadwood“ oder auch Filme wie „3:10 to Yuma“ und „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“.
Unfinished nusiness
Scott Franks siebenteilige, abgeschlossene Minserie Godless, die ab Mittwoch, den 22. November auf Netflix zu sehen ist, folgt ebenfalls diesem Trend. Dabei vollführt der renommierte Drehbuchautor, der bei bei allen Folgen Regie geführt hat, jedoch ein kleines Kunststück. Denn „Godless“ ist zum einem eine ehrliche, mitunter brachiale Entromantisierung des Wilden Westens, in dem Tod, Unglück und Verderben zum wenig glorreichen Alltag der Menschen gehören. Zum anderen ist das Format ein Kniefall vor dem Genre an sich sowie eine Art Liebesbrief und herrliche Ode an weite Steppen, das Cowboysein, rauchige Saloons und eben all das, was in früheren Western idolisiert wird.
Die Prämisse von „Godless“, welche in der ersten Folge klar etabliert wird, könnte simpler nicht sein und weckt Erinnerungen an einen x-beliebigen Western von vor über 50 Jahren: Ein junger Mann namens Roy Goode will sein Leben als Gesetzloser hinter sich lassen, was Frank Griffin, sein Ziehvater und Anführer einer Gangsterbande, überhaupt nicht gefällt. Nachdem beide eher unschön auseinandergegangen sind, verschlägt es Roy Goode in die kleine Stadt La Belle. Dieser Ort wird hauptsächlich von Frauen bewohnt, die ihre Ehemänner im Zuge eines schrecklichen Minenunglücks verloren haben.
Während sich Roy in der Region einlebt, rückt das Unvermeidbare immer näher: Griffin kommt ihm auf die Schliche und hinterlässt auf der Suche nach Roy eine Spur der Verwüstung. La Belle und seine Bewohnerinnen befinden sich somit in großer Gefahr. Während die etwas behäbige und mit vielen offenen Fragen gespickte Pilotfolge von „Godless“ die Frage aufwirft, ob es hier nicht vielleicht doch einfach nur ein Film getan hätte, wird man in den darauffolgenden Episoden vom absoluten Gegenteil überzeugt: Nach dem zwar stilvollen, aber auch ein wenig überladenen Auftakt öffnet sich plötzlich eine aufregende, vielschichtige Western-Welt, die einen von Episode zu Episode immer mehr fesseln kann.

Welcome to No-Man's-Land
Godless schafft es mit authentischen Bildern und einprägsamen Charakteren eine geerdete Geschichte über Wiedergutmachung, Schuld und Sühne sowie das einfache Leben in einer alles andere als einfachen Welt zu erzählen. Zur gleichen Zeit gelingt es der Serie, eine gekonnte, stilsichere Genre-Hommage zu sein, ohne sich jemals in ein unreflektiertes Loblied zu verwandeln. Harter, gnadenloser Realismus trifft in „Godless“ auf die unschuldige Traumvorstellung, wie herrlich es doch vor gut 200 Jahren gewesen sein muss, frei und uneingeschränkt durch die endlosen Weiten New Mexicos reiten zu können.
Scott Frank, der dieses Projekt einst als epischen, dreistündigen Film geplant hatte und gemeinsam mit den ausführenden Produzenten Casey Silver und Steven Soderbergh (The Knick) nun eine Serie daraus gemacht hat, findet hier eine hervorragende Balance zwischen glorreichem Western-Flair und teils erschütterndem Charakterdrama. Was recht klar und gewöhnlich beginnt, entwickelt sich zu einem komplexen, aber eben nicht komplizierten Gebilde an Figuren mit eigenen Zielen und packenden Einzelschicksalen. Binnen kürzester Zeit entsteht um den Handlungsort La Belle ein packender Mikrokosmos, über dem permanent eine Bedrohung schwebt, die früher oder später Wirklichkeit wird.
Auf diese Weise hält man natürlich die Spannung extrem hoch, doch dies ist nur die halbe Miete. Dadurch, dass jeder Charakter seine ganz persönlichen Eigenheiten bekommt und dass die Macher ihre Figuren auch gerne mal etwas skurriler, aber nie lachhaft lächerlich, sondern stets originell und markant zeichnen, baut man als Beobachter schnell eine Verbindung zu ihnen auf. Dass man eine tolle, außergewöhnliche Besetzung - darunter Jeff Daniels, Michelle Dockery, Scoot McNairy und Jack O'Connell - zusammengetrommelt hat, ist das eine. Man ruht sich aber keinesfalls auf diesen großen Namen aus und macht aus dem gesamten Ensemble einen Trumpf, der sticht.
Allen voran in der Riege der vielen anfangs eher unscheinbaren Nebenfiguren findet man die eine oder andere größere Überraschung, so zum Beispiel Merritt Wever, die sich schnell als Sprachrohr von La Belle profiliert und die kleine Gemeinde an gebeutelten Frauen furchtlos anführt. Auch einen Thomas Brodie-Sangster möchte man als Kleinstadt-Deputy so schnell nicht mehr missen. Während wir durch zahlreiche, hier und da mit kleinen Kniffen angepassten Genretropen galoppieren, wächst dank vieler kleinen, sehr menschlichen Momentaufnahmen unser Verständnis und die Zuneigung für das Gros der Charaktere, von denen jeder etwas zu beweisen hat.
Diese Gemeinsamheit sticht heraus, sei es der als Feigling verschriene Sheriff, der es noch einmal allen zeigen will, die scheinbar vom Pech verfolgte Außenseiter-Witwe mit traumatischer Vergangenheit, die irgendwie einen Abschluss sucht, oder aber der junge Pistolero, der nach Führung und Zugehörigkeit gesucht hat, seine Gräueltaten plötzlich reflektiert und nun einen anderen Weg einschlagen will. Im Zuge der Entwicklung des Drehbuches von einem Film zu einer siebenteilige Serie (in der einige Episoden die Stundenmarke deutlich überschreiten) hat Scott Frank mit der Hilfe von Steven Soderbergh, selbst ein Spezialist für komplexe Figurenzeichnung und das Entwerfen von eigenwilligen sowie einzigartigen Charakteren, ein vielseitiges Ensemble geschaffen, das hervorragend abgestimmt ist. Dabei blitzt in den Dialogen immer wieder eine sehr lebensnahe, humorvolle Note auf, die man so nicht erwarten würde, die Interaktionen der Figuren aber nur noch umso greifbarer macht. Es dürfte tatsächlich einige verwundern, wie komisch und witzig „Godless“ sein kann. Weil es eben so real und menschlich ist.

Peace to all who enter
Hinzu kommen beeindruckende Bilder von traumhaften Landschaften in New Mexico, wo die Produktion von Godless stattfand und das fiktive Städtchen La Belle - bestehend aus insgesamt 28 Gebäuden - in etwas mehr als zwölf Wochen von gut 130 Setgestaltern errichtet wurde. Diese Hingabe zum Detail, sei es bei den Kulissen oder auch Kostümen, ist spürbar. Ebenso wie das feine Auge von Kameramann Steven Meizler, der bereits an diversen Produktionen von Steven Soderbergh beteiligt gewesen ist. Weite, epische Landschaftsaufnahmen, intime Close-ups sowie dynamische Kamerafahrten, ja selbst die klassische Western-Einstellungen wie der „Italian Shot“ hat die abwechslungsreiche Bildsprache von „Godless“ zu bieten.
All dies - die authentische Ausstattung, die visuelle Komponente, der eigens komponierte Score von Tom Kramer und David Stal (neben vielen wiederkehrenden Themen durchläuft ein Lied namens „The Girls of La Belle“ gleich mehrere denkwürdige Variationen) - trägt dazu bei, dass man sich als Fan des Genres mal wieder in den Wilden Westen verliebt. Wenn in einem Moment mühevoll widerspenstige Pferde gezähmt werden, dann möchte man sich am liebsten selbst auf die Koppel begeben und das Lasso schwingen. Doch dann holt einen sofort der brutale Alltag ein, wie zum Beispiel das unbeschreibliche Drama, dass sich in La Belle zugetragen hat oder aber die bestialischen Taten von skrupellosen Banditen und indigenen Stämmen in dieser Region.
Denn „Godless“ ist, wie der Titel es verrät, gottlos. Du kannst auf eine höhere Kraft bauen, auf irgendeinen Erlöser hoffen, der seine schützende Hand über dich hält und dich vor schlimmen Dingen bewahren wird. Oder du kannst der beinharten Realität in die Augen schauen. Dies tun die Charaktere in „Godless“, die allesamt mal eine andere, idealistische Vorstellung vom Leben hatten. So zum Beispiel auch der Antagonist der Serie, Frank Griffin, ein manischer Bastard vor dem Herrn, der sich selbst wie ein Priester kleidet und seine eigene Gnade walten lässt. Er hat längst erkannt, dass der Wilde Westen ein Niemandsland ist, in dem sich jeder selbst der Nächste ist, nein, vielleicht sogar sein muss, um zu überdauern.
Somit ist Godless nicht nur eine ausgezeichnete und handwerklich exzellent gemachte Genreserie, es ist auch eine tiefgründige Auseinandersetzung mit einer der nostalgisch verklärtesten Zeitepochen der US-amerikanischen Geschichte. Dabei funktioniert die Miniserie aber nicht nur auf dieser übergeordneten, sehr allgemeinen Ebene, sondern eben auch dann, wenn sich der Fokus auf eine eher unbedeutende Ansammlung von Menschen richtet, die diese Welt bevölkern und ihrer Herr beziehungsweise Frau werden wollen. Und müssen. Genau dieser Aspekt macht „Godless“ nicht nur für Möchtergern-Cowboys und Western-Fans ansprechend, sondern für jeden, der an starken Charakteren und deren kräftezehrendem Überlebenskampf interessiert ist. In der Hoffnung, dass man all dies eines Tages hinter sich lassen kann und vielleicht doch noch die eine Sache findet, die einen glücklich macht. Sei es Liebe, innere Ruhe und Frieden oder der einfache Abschluss eines viel zu düsteren, persönlichen Kapitels.
Die siebenteilige Miniserie Godless ist ab Mittwoch, den 22. November 2017 komplett auf Netflix zu sehen.
Trailer zu „Godless“:
Verfasser: Felix Böhme am Sonntag, 19. November 2017(Godless 1x07)
Schauspieler in der Episode Godless 1x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?