Girls sollte eine Serie über vier junge Frauen in New York sein, die versuchen, ihren Platz im Leben zu finden. Soweit, so gewöhnlich. Doch Girls spielt in einer anderen Liga als die einschlägigen aktuellen Sitcoms über Freundescliquen in Großstädten. Ein Review von Loryn Pörschke.

Die vier Hauptdarstellerinnen von „Girls“: Jemima Kirke, Allison Williams, Lena Dunham und Zosia Mamet / (c) HBO
Die vier Hauptdarstellerinnen von „Girls“: Jemima Kirke, Allison Williams, Lena Dunham und Zosia Mamet / (c) HBO

Was der Zuschauer in der Pilotepisode der Serie Girls zu sehen bekommen, sind vier Mädchen in New York City auf dem Weg junge Frauen zu werden, die mit dem Leben kämpfen. Hannah (Lena Dunham) und ihre Freundinnen entstammen einer Generation, die in dem Glauben aufgewachsen ist, besonders zu sein und alles erreichen zu können. Diese Erwartungshaltung zerschellt an der Realität, doch sie tut es quälend langsam. Diesen Prozess begleitet die US-Serie Girls mit scharfem Blick.

Die Girls

Hauptperson der Serie ist Hannah, gespielt von Lena Dunham, dem Mastermind hinter Girls. Hannah möchte Schriftstellerin werden und startet mit einer Sammlung autobiographischer Geschichten, von denen sie bisher nur vier fertig hat. Sie ist anscheinend recht sorgenfrei aufgewachsen. Und ganz deutlich von dem Gedanken beseelt, sie sei etwas Besonderes, womöglich gar „die Stimme ihrer Generation“. Gleichzeitig ist sie unsicher wenn es an Beziehungen geht und lässt sich von ihrem unverbindlichen Sexpartner schlecht behandeln.

Eines ihrer hervorstechenden Merkmale ist ihr schnelles Reden. Es scheint, dass sie oft einfach das sagt, was sie denkt, ohne im Vorfeld zu überprüfen, wie das rüberkommt. Gleichzeitig erscheint es aber auch so zu sein, dass sie sich viele Gedanken über ihr Leben macht und damit oft sogar den Nagel auf den Kopf trifft. Sie ist in einer Phase, in der sie beginnt, ihr Leben mehr oder weniger realistisch zu reflektieren während sie gleichzeitig noch so jung ist, dass diese Gedanken oft ungeordnet und wirr aus ihr sprudeln.

Ihre beste Freundin ist Marnie (Allison Williams). Sie erscheint im Serienauftakt die bodenständigste in der Gruppe zu sein. Marnie hat einen Job, eine Langzeitbeziehung und einen offenbar gesunden Verstand, gemessen an den Erwartungen einer materialistischen Welt.

Aber diese Idylle langweilt sie. Sie hat alles richtig gemacht und trotzdem ist sie nicht zufrieden. Ihr Freund ist einen gehörigen Tick zu liebevoll. Verlassen kann sie ihn aber offenbar auch nicht so ohne weiteres. Es ist schließlich so vernünftig bei ihm zu bleiben. Marnies Beobachtungen der Welt sind nicht unbedingt reflektierter als Hannahs, kommen aber geordneter zum Vorschein.

Dazu stößt in der Pilotepisode die alte Freundin Jessa (Jemima Kirke), die es offenbar mit ihrem Akzent und ihrer Art weit durch die Welt geschafft hat. Sie strahlt eine bisher nur schwer zu definierende Mischung von Weltgewandtheit und Lebensmüdigkeit aus, die von Hannah und Shoshanna (Zosia Mamet) für eine Art coole Weisheit gehalten wird.

Ihre Cousine Shoshanna, bei der Jessa unterkommt, ist ein naives Mädchen. Ein Charakter, der am meisten klischeehaft überzeichnet ist: Sie trägt kindliche Jogginganzüge, sagt peinliche Sachen und himmelt Jessa naiv-dümmlich an.

Es ist der Beginn von etwas

Von was, das wird sich erst zeigen. Aber bereits in der Pilotepisode zu Girls wird deutlich, dass die Macher der Serie mit feinen Linien und wie im Vorbeigehen einen Charakter zeichnen können. Hannah, ob man sie nun mag oder sie einen aufregt, man hat schon nach 20 Minuten das Gefühl, sie lange zu kennen.

Auch die anderen Charaktere bekommen in der Pilotepisode genügend Raum, sich vorzustellen. In nur wenigen Szenen kann der Zuschauer sich ein eingehenderes Bild von Hannas Eltern machen. Selbst das Pärchen beim Abendessen bekommt einen eigenen Charakter. Nichts in dieser Serie scheint Füllstoff zu sein, alles trifft. Wenn man es zulassen will.

Sex and the City vs. Girls

Shoshanna ist es, die das Thema ansprechen darf: Die große, generationsprägende Serie Sex and the City, die, wie nun Girls, bei HBO lief. Ist es ironische Brechung der Erwartungen an Girls? Ist es eine ernst gemeinte Hommage oder Hinweis auf das Ziel der Serie?

Auf jeden Fall sind Parallelen auszumachen zwischen den beiden Serien. Sex and the City hat das Lebensgefühl einer Generation von Frauen in der Großstadt geprägt. Es ist Generation der Mittdreißigerinnen, die sich beruflich verwirklichen will ohne auf die Liebe oder zumindest den Sex zu verzichten. Es sind die, die an sich selbst den Anspruch haben, den Spagat zwischen Karriere und Kinder hinzubekommen. Carrie (Sarah Jessica Parker), Samantha (Kim Cattrall) und Co. sind dringend benötigte Rollenmodelle für eine Generation geworden.

Doch die nachrückende Generation, also diejenigen, die jetzt in den Zwanzigern sind, frisch ins Berufsleben starten und ihren Platz in der Welt erst finden müssen, die suchen neue Rollenmodelle. Es sind andere Fragen, die sie beschäftigen als die, mit denen sich Carrie, Samantha, Charlotte (Kristin Davis) und Miranda (Cynthia Nixon) herumgetragen haben, denn es ist eine andere Welt, in der sie leben und zurechtkommen müssen.

Dieses Erbe könnte Girls - so scheint es bisher - in der Tat antreten. Die Grundlagen hat Lena Dunham geschaffen. Sie stellt die richtigen Fragen, macht die richtigen Beobachtungen und verpackt das ganze äußerst amüsant.

Die Vergleiche, die Shoshanna zwischen sich und Jessa und den Serienfiguren von Sex and the City zieht, sind wohl in Millionen von Gesprächen unter Freundinnen so oder ähnlich schon gezogen worden. Es wird sicher nicht lange dauern, bis die ersten Sätze fallen wie „Ich bin eher eine Marnie mit Ansätzen einer Hannah, die gerne eine Jessa wäre.

Das leidige Thema. Geld.

Die Auftaktszene von Girls zeigt Hannah in einem Restaurant mit ihren Eltern. Sie zeigt zunächst eine Familie, die sich idyllisch mit den Eigenheiten der anderen neckt. Doch dann bricht das Unglück herein: Hannahs Eltern drehen den Geldhahn zu. Und damit ist ein Hauptmotiv der Pilotepisode eingeführt: Das liebe Geld.

Verbunden mit dem Thema Geld ist die Frage nach der Realität, nach der Wahrheit. Hannah hat Geldsorgen, aber der Gast mit den Drogen hat einen noch größeren Schuldenberg und ist genervt von Hannahs Problemen. Er bricht damit eine Diskussion vom Zaun, die eine ganze Generation immer wieder beschäftigt: Wer hat die wirklich ganz echte Realität für sich gepachtet? Wessen Probleme sind im Endeffekt Wohlstandsprobleme, wessen sind die echten, die tatsächlichen Probleme? Wie ernst kann eine Wirtschaftskrise in einem der reichsten Länder der Welt in der Mittelschicht zuschlagen?

In der Schlafzimmerszene mit Hannah, Marnie und Jessa setzt sich das fort. Jessa beschwört eine Welt, in der man nur an sich glauben musste, um berühmt zu werden. In der Authentizität in der Kunst zählt. Marnie ist die Stimme der Vernunft. Sie erinnert daran, dass das Geld für's Essen zunächst mal da sein muss.

Fazit

Sie können nerven. Man kann sie aber auch oft verstehen und sich auch manchmal in ihnen sehen. Die Charaktere sind interessant und nicht eindimensional.

Es sind die peinlichen Sätze und Situationen, die Lena Dunham genau beobachtet und in ihrer Serie bloßstellt. Es gibt natürlich auch Überzeichnungen, klar. In welcher Serie nicht?

Kontroversen wehen der Serie zwar eine rauhen Wind entgegen, aber bringen auch leidenschaftliche Fans hervor.

SERIENJUNKIES.DE® wird in den kommenden Tagen und Wochen die Reviews zur ersten Staffel von Girls veröffentlichen.

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