Girls 6x10

Girls 6x10

Im Kreise ihrer letzten verbliebenen Freunde verabschiedet sich Hannah aus der Dramedy Girls. Die Finalepisode Latching setzt einen eigentümlichen Schlusspunkt unter ein Format, das viele Höhen und wenige Tiefen hatte und viel kontroverser diskutiert wurde, als es wirklich war.

Hannah (Lena Dunham) hat einen neuen Lebensabschnitt vor sich. / (c) HBO
Hannah (Lena Dunham) hat einen neuen Lebensabschnitt vor sich. / (c) HBO
© annah (Lena Dunham) hat einen neuen Lebensabschnitt vor sich. / (c) HBO

Die HBO-Dramedy Girls darf ebenso Prestigefernsehen genannt werden wie The Sopranos, Mad Men oder Breaking Bad. Es dürfte also kein Zufall sein, dass die Struktur der sechsten und letzten Staffel ähnlich aufgebaut ist wie die der größten Dramaserien aller Zeiten, die in der allgemeinen Betrachtung oft als wertvoller eingestuft werden. Der emotionale Höhepunkt ereignet sich in der vorletzten Episode, Goodbye Tour, während das Serienfinale Latching als Coda dient.

A dream and a ray of sunshine

Die Serie findet darin nach zwei ihrer besten Staffeln zu einem gebührenden Abschluss, der auch ein Ende der Kontroverse um das Format bedeutet, die so heftig ausgefochten wurde, weil statt vier männlichen Hauptfiguren vier Frauen im Mittelpunkt standen und schamlos ihrer white privileges frönten. Weil viele Zuschauer zum selben Milieu gehören, das in „Girls“ bisweilen satirisch, bisweilen überhöht dargestellt wird, glaubten sie, die Figuren aus dem eigenen Leben wiederzuerkennen, und erhoben die Serie zu etwas, das sie wohl nie sein wollte, auch wenn Hannah Horvath (Lena Dunham) das in der Pilotepisode über sich selbst gesagt hatte: die Stimme ihrer Generation.

Die allgemeine Aufregung, die vielen wütenden Essays, die die Serie begleiteten, konzentrierten sich in der Folge darauf, wie realistisch das Gesehene ist - ganz so, als handle es sich dabei nicht um eine fiktionale Serie, sondern um eine Dokumentation über Hipster im gentrifizierten Brooklyn. Dort spielt die Serie, einen Absolutheitsanspruch hatte sie jedoch nie. Im Gegensatz zur Auffassung vieler Kritiker und Kommentatoren erzählte sie eine sehr spezifische, sehr intime Geschichte, die manchmal das Coming-of-Age von Hannah war, und manchmal auch das der übrigen Ensemblemitglieder.

Zum überraschenden Ende kommt diese Geschichte mit der für eine amerikanische TV-Serie immer noch untypisch konstruierten Episode „Latching“. Darin findet Hannahs Entwicklung zu einem vorläufigen, zutiefst zufriedenstellenden Abschluss, den man sich angesichts ihrer enormen Eigensucht vor wenigen Jahren niemals hätte vorstellen können. Es geht dabei vor allem um die Frage, wieso ihr Baby Grover, das sie so benannt hat, weil sein Vater Paul-Louis (Riz Ahmed) das vorgeschlagen hatte, ihre Brust nicht annimmt.

Marnie (Allison Williams, l.) ist bald überfordert mit Hannah (Lena Dunham),...
Marnie (Allison Williams, l.) ist bald überfordert mit Hannah (Lena Dunham),... - © HBO

Zur Seite steht ihr dabei zunächst nur Marnie (Allison Williams), die ohne Einladung in das kleine Collegestädtchen gekommen ist, sich nachts in Hannahs beeindruckendes Haus geschlichen hat und ihr morgens erklärt, dass sie ihre letzte verbliebene Freundin sei und ihr einiges zu bieten habe. Fünf Monate später ist das Kind da und die Probleme groß, wobei sie von Hannah und Marnie gemäß ihrer Persönlichkeiten natürlich grandios überhöht werden müssen. Hannah macht sich zum Beispiel Sorgen darüber, dass einer ihrer Studenten, mit dem sie möglicherweise schlafen will, nicht mehr attraktiv findet, wenn er sie mit der Brustpumpe sieht.

No one understands

Das ist ebenso charakterkonform wie lustig. Dunham ist es als brillanter Autorin und Schöpferin von „Girls“ stets gelungen, diese verbalen Grenzüberschreitungen nicht zu abstoßend zu formulieren - ganz so, wie es zum Beispiel David Chase gelungen ist, aus Tony Soprano einen liebenswerten Menschen und kein reines Monster zu machen. Dunham, Jenny Konner und Judd Apatow - allesamt Autoren der Finalepisode - verschwenden trotzdem keine Zeit, die letztgenannte Eigenschaft, die des Monsters, zum Vorschein treten zu lassen. Die nahezu unendlich, bis zur Lächerlichkeit selbstsüchtige Marnie kann einem dabei schon leid tun.

In ihrem Leben läuft gerade gar nichts, weshalb es für sie vielleicht eher eine Flucht aus dem grauen Alltag ist, statt das heldenhafte Angebot an Hannah, als das sie ihren Besuch verkauft. Wir wollen ihr nicht die Fähigkeit absprechen, ihrer Freundin in einer schwierigen Situation auszuhelfen, jedoch ist die Frage berechtigt, ob sie das auch getan hätte, wenn ihre Ehe gut laufen, ihre Musikkarriere erblühen und sie nicht bei ihrer Mutter wohnen würde. Also muss sie damit zurechtkommen, dass ihr Hilfsangebot auf keine allzu große Dankbarkeit trifft: „You yelled at me for loving music.

Diese Szene allein könnte als Vorzeigebeispiel genutzt werden, um zu zeigen, welch spalterisches Potential in der Serie schlummerte. Es gibt wahrlich keinen erkennbaren Grund dafür, warum Hannah ihrer Freundin, die ihr nur helfen will, verbietet, im Auto Musik zu hören und mitzusingen - außer vielleicht den, dass sie ihr ihre gute Laune nicht gönnt. Eine zunächst harmlos anmutende Szene geht auf in kindlichem Geschrei und Missgunst. Wer darüber nicht lachen kann, der dürfte an „Girls“ tatsächlich niemals Gefallen finden. Alle anderen sind ebenso fasziniert wie schockiert vom Verhalten der Protagonistinnen.

...weshalb Loreen (Becky Ann Baker) zur Verstärkung anrückt.
...weshalb Loreen (Becky Ann Baker) zur Verstärkung anrückt. - © HBO

Weil Marnie sich selbst und Hannah nicht zutraut, die Kindererziehung gemeinsam zu wuppen, und weil sie es vermisst, einfach so ausgehen und boys kennenlernen zu können, ohne von Hannah gemaßregelt zu werden, unternimmt sie eine Aktion, die Hannah nur weiter erzürnt. Sie ersucht Hilfe bei deren Mutter Loreen (Becky Ann Baker), der wohl letzten Verbündeten, auf die sich Hannah in einer Notlage noch verlassen kann. Auch diese überraschende Begegnung verläuft alles andere als harmonisch. Das wandelnde Pulverfass Hannah trifft verlässlich die Schwachstellen ihrer Erzeugerin, was die aber nicht davon abhält, wichtige Lektionen zu verteilen.

This is forever

So sehr sich Hannah dagegen sträubt, so einsichtig ist sie, als Loreen nicht mehr dabei ist. Das zeigt sich, als sie beim Spaziergang zum Zwecke des Wutabbaus auf ein junges Mädchen trifft, das sich in einer vermeintlichen Notlage befindet. Ohne Hosen und Schuhe ist sie von zu Hause ausgebrochen, weil ihre Mutter, wie sich erst später herausstellt, sie zur Erledigung ihrer Hausaufgaben aufgefordert hat. In diesem Moment erkennt Hannah, die dem Mädchen ihre Hosen und Schuhe gegeben hat und von ihr als „ma'am“ angesprochen wird, dass sie die Seiten gewechselt hat. Sie ist nun nicht mehr die arglose Schülerin, die einem Leben in der verantwortungslosen Eigensucht frönen kann. Sie ist jetzt Mutter.

Belohnt wird diese Erkenntnis damit, dass ihr Junge am Ende endlich die Brust annimmt. Zum Zwecke der Pathossteigerung verläuft der Abspann hernach nahezu geräuschlos, außer Grovers Schmatzen, Hannahs ermutigendem Flüstern und ihrem leisen Summen des Songs, den sie Marnie zuvor noch verwehrt hatte, ist nichts zu hören. Das ist nun ihr Abschluss, ganz ohne Adam (Adam Driver), Jessa (Jemima Kirke), Shoshanna (Zosia Mamet), Elijah (Andrew Rannells) oder Ray (Alex Karpovsky). Sie alle hatten ihren bereits in den hervorragenden Episoden What Will We Do This Time About Adam? und Goodbye Tour.

Wie wenig realistisch Girls sein wollte und wie weit entfernt die Kritiken waren, die dem Format diesen Realismusanspruch andichteten, zeigten auch solch außergewöhnliche Episoden wie One Man's Trash, The Panic in Central Park oder American Bitch. Hannah und Konsorten machten sich darin zu eigenen Abenteuern auf, überhaupt war die Serie eher Charakterstudie als Ensemblestück, was man alleine schon daran erkennt, dass es laut Dunham gerade einmal zwölf Episoden gibt, in denen die vier „Freundinnen“ eine gemeinsame Szene haben.

Und so ist es wenig überraschend, dass sich der Freundeskreis am Ende der Serie aufgelöst hat. Hannah und ihre ehemaligen Freundinnen und Freunde haben neue Lebensabschnitte betreten, was meist mit sich bringt, dass man die meisten Wegbegleiter aus den vorherigen verliert. Wir werden sie schmerzlich vermissen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 18. April 2017

Girls 6x10 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 10
(Girls 6x10)
Deutscher Titel der Episode
Mütter
Titel der Episode im Original
Latching
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 16. April 2017 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 27. Juni 2017
Autoren
Judd Apatow, Lena Dunham, Jenni Konner
Regisseur
Jennifer Konner

Schauspieler in der Episode Girls 6x10

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