Seit heute gibt es auf Netflix die Adaption der Autobiografie von Sophia Amoruso: Girlboss. Die Protagonistin der Comedy, gespielt von Brittany Robertson, trägt die Serie durch ihren skurrilen, witzigen, rebellischen und übertriebenen Charakter.

Szenenfoto aus „Girlboss“ / (c) Netflix
Szenenfoto aus „Girlboss“ / (c) Netflix
© zenenfoto aus „Girlboss“ / (c) Netflix

Girlboss ist eine Netflix-Comedy, die lose auf der Autobiografie #Girlboss der Besitzerin des Modeunternehmens „Nasty Gal“, Sophia Amoruso, basiert. Diese schaffte es alleine, ein eigenes Unternehmen aufzubauen, das auf Vintageklamotten spezialisiert ist. Hierzu wurden 13 Folgen à 30 Minuten produziert, die man seit heute bei dem Streaminganbieter anschauen kann.

Der Pilot schafft es, uns innerhalb der 30 Minuten eine Person zu präsentieren, die viele Facetten hat und vor allem weiß, wie man wieder aufsteht, wenn man am Boden liegt. Der starke Fokus auf der Protagonistin, gespielt von Brittany Robertson, hilft dabei, einen Bezug zu Sophia aufzubauen und ihre Geschichte weiterverfolgen zu wollen. Man weiß ja, wo diese Geschichte endet, trotzdem will man sie auf diesem Weg auch begleiten.

San Francisco, 2006

Bereits in der ersten Szene schafft es die Serie, uns ein Gefühl sowohl für den Charakter der Protagonistin als auch für die Serie selbst zu liefern. Sophia hat nicht genug getankt, weshalb sie mitten in San Francisco auf einer steilen Straße mit ihrem Auto kurz vor einer geraden Ebene steckenbleibt. Dieses muss sie nun bis zur nächsten Tankstelle vor sich herschieben, während eines der berühmten Cable Cars von San Francisco hinter ihr hertuckern muss. Jedem anderen wäre dies wahrscheinlich total unangenehm, so aber nicht bei Sophia. Anstatt sich für die Situation zu entschuldigen oder das Auto kurz aus dem Weg zu rollen, schreit sie den Fahrer der Straßenbahn an und zeigt ihm den Mittelfinger. Die Protagonistin ist eine rebellische junge Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und sich für nichts schämt.

Adulthood is where dreams go to die

Sophia hat über die Jahre hinweg ihre Kreativität und Nonkonformität behalten. Im Inneren ist sie noch ein junges Kind, das einfach nur spielen will. Leider kommt ihr hierbei die Realität in den Weg, die das Erwachsensein mit sich bringt. Das bekommt man über die Pilotfolge hinweg sehr zu spüren. Während eines Gespräches mit einer Rentnerin legt sie diese Weltansicht offen dar. „Conformity is prison.“ Das zeigt sie auch der Außenwelt. Sie gibt nichts auf Konformität oder Konventionen. Sie hält nichts von Autoritäten. Sie versteht die Normen der Welt nicht.

Could you make ocean sounds?

In einer Disco sie ihre beste Freundin, Annie (Ellie Reed), die genauso verrückt drauf zu sein scheint wie sie selbst. Diese hat sich am Tag zuvor den Barkeeper Dax Alphonso McAuley geangelt und hält diesen nun für den Mann fürs Leben. Dort lernt Sophia den Mitbewohner von Dax, Shane (Johnny Simmons), kennen und geht auch sofort mit ihm nach Hause. Jedoch passiert hier nicht das, was man vermuten würde. Sie ist kein Mensch für One-Night-Stands und aus diesem Grund liegen sie einfach nur zusammen im Bett, während er Ozeantöne von sich gibt, damit sie einschlafen kann. Die beiden geben zusammen ein gutes Paar ab: sie, die quirlige junge Frau in Vintageklamotten, und er, der lockere, charmante Drummer.

Love you, in case I die

Sophia verdient ihr Geld als Schuhverkäuferin. Dieser Job scheint ihr jedoch nicht besonders viel zu bedeuten, wenn man bedenkt, dass sie während ihrer Arbeit bei ebay nach weiteren Vintageschnäppchen sucht. Das bleibt auch nicht von ihrer Chefin unbemerkt. Diese feuert sie, nachdem Sophia zu spät zur Arbeit kommt und keinen Respekt vor ihr geschweige denn der Arbeit zeigt. Den Auslöser hierfür bildet ein Sandwich ihrer Chefin, das Sophia mit Absicht isst.

Netflix
Netflix - © Netflix

Obwohl sie hier auf große Hose macht, merkt man, dass sie doch nicht diese junge, taffe Frau ist, an der alles einfach spurlos vorbeigeht. Sie fühlt sich wie eine Versagerin und um das Gefühl so schnell wie möglich loszuwerden, beschließt sie, das zu tun, was sie am besten kann: Vintageklamotten shoppen. Dort entdeckt sie eine „original 1970s Eastwest Leather Jackett in perfect condition“. Sie kennt sich nun mal gut in diesem Gebiet aus. Es ist ihre Leidenschaft und das merkt man. Der Triumph darüber, dass sie diese einzigartige Jacke für so wenig Geld auf eine so tolle Art und Weise erhalten hat, rettet ihr den Tag.

Original 1970s Eastwest Leather Jacket in perfect condition

Sie kauft einen passenden Teppich und setzt sich damit auf eine Wiese im Park - zusammen mit einem Brötchen, das sie aus dem Müll gefischt hat. Dort verschläft sie, so dass sie zu spät zu dem geplanten Abendessen mit ihrem Vater (Dean Norris) kommt. Als Tüpfelchen auf dem i läuft sie auch noch mit dem riesigen Teppich durch das schicke Restaurant und beweist damit nur noch einmal ihrem Vater, was für eine Versagerin sie in ihrem Leben doch ist.

Sophias Leben gerät aus den Fugen.
Sophias Leben gerät aus den Fugen. - © Netflix

Ihr Vater stellt hier den typischen Erwachsenen, aber auch den typischen Vater dar. Er versucht seiner Tochter etwas Vernunft einzubläuen, deren Leben, für ihn, total aus den Fugen geraten zu sein scheint. Sie hat zurzeit keinen Job, hat ihren Ausweis verloren, hat keinen Plan für die Zukunft und ihre Wohnung wird zwangsgeräumt. Als dieser sie darauf anspricht, meint sie, dass sie noch nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Diese Aussage ist weder besonders ungewöhnlich für eine Heranwachsende noch besonders schlimm. Jedoch wird es schlimm, wenn die Realität dazwischenkommt - und das passiert hier gerade mit ihr. Sie ist am Tiefpunkt und muss sich ihren offenkundigen Realitätsproblemen stellen.

Bringing on adulthood, motherfucker

Sophia entscheidet sich dazu
Sophia entscheidet sich dazu - © ihre Klamotten auf ebay zu verkaufen. Netflix

Sophia schafft es, sich dem Leben und ihren Problemen zu stellen, ohne dabei zu vergessen, wer sie ist. Sie hat ein Auge für Vintage und insbesondere für solches, das Geld einbringt. Bis eben wusste sie nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, doch nun hat sie eine Idee: Sie verkauft ihre eigenen Klamotten auf eBay, indem sie für sie posiert. Sie nimmt ihre Zukunft selbst in die Hand und verkauft ihre tolle Jacke auf eBay, indem sie dafür selbst als Model posiert.

Fazit

Die Pilotfolge ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle für die Protagonistin. Sie hat nicht besonders viel und kommt immer gerade so durchs Leben, jedoch schafft sie es stets, ihren eigenen Weg zu gehen - ob dieser nun gut für sie ist oder nicht. Zunächst scheint es so, als ob dieser Weg nicht gut für sie wäre und sie damit scheitern würde. Am Ende der Folge beweist sie uns jedoch, dass sie mit ihrem eigenen Weg viel besser vorankommt und sie es auch so schafft. Obwohl sie nicht den konventionellen Weg geht, der viel sicherer wäre. Am Ende der Folge bleibt nur noch ein Gefühl zurück: Man will wissen, wie es diese junge Frau schafft, eine so große Modeindustrie von dort aus aufzubauen, wo sie jetzt steht.

Diese Serie ist für jeden etwas, der sich nicht sagen lässt, wo es lang geht oder zumindest gerne so wie sie wäre. Die quirlige Protagonistin spiegelt auch das Bild und die Stimmung der Serie wider: skurril, witzig, ironisch, sarkastisch und übertrieben.

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