Ghosts of Beirut: Review der ersten beiden Episoden

© Paramount+/Showtime
Das passiert in Ghosts of Beirut
1982: Nach dem Libanon-Feldzug ist die Region ein Pulverfass, in dem die USA verzweifelt versucht, ein Friedensabkommen mit einer Zweistaatenlösung zu erreichen. Doch das Leid der Menschen schürt nur noch mehr Hass und ruft schließlich den ehemaligen Arafat-Leibwächter Imad Mughniyya alias Haddsch Radwan auf den Plan. Er wird zum Terroristen und zieht in einen heiligen Krieg, der ein neues Phänomen in die Kriegsführung einbringt: den Märtyrertod durch Autobombenattentate. Mit allen Mitteln versuchen die CIA und der Mossad, Radwan zu stoppen, doch der hat nicht umsonst den Beinamen „Der Geist“.
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Zum historischen Hintergrund
Ghosts of Beirut spielt vor dem Hintergrund des langwierigen und blutigen Libanesischen Bürgerkriegs in den frühen 80er Jahren, weshalb es sinnvoll erscheint, einen kurzen Blick auf die historischen Ereignisse jener Tage zu werfen. Nachdem die israelischen Streitkräfte 1982 in ihrem Bemühen, den bewaffneten Arm der Palästinenser zu zerschlagen, West-Beirut zu belagerten, zog die PLO ab. Die Israelis sowie 800 französische, 100 britische und circa 1200 US-Marineinfanteristen überwachten den Abzug und verblieben in der Stadt.
Ende August desselben Jahres wurde der christlich-maronitische Kommandeur der westlich orientierten paramilitärischen Kata'ib namens Bachir Gemayel zum Präsidenten gewählt. Das stellte für zahlreiche Schiiten ein Affront dar, zumal Gemayel mit der israelischen Regierung zusammenarbeitete. Noch vor seiner Amtseinführung fiel der Politiker einem Bombenattentat zum Opfer, das schwerwiegende Konsequenzen nach sich zog.
Zwei Tage nach seinem Tod kam es am 16. September zur heute als Massaker von Sabra und Schatila bekannten barbarischen Ermordung von bis zu 2000 Flüchtlingen, darunter auch 35 Frauen und Kinder. Die Unterstützung der Milizionäre durch die israelische Armee brachte das Fass zum Überlaufen und zog eine Welle des Terrors nach sich, die unter anderem die Zerstörung der US-Botschaft in Beirut durch ein Autobombenattentat am 4. Juli 1983 mit 63 Todesopfern zur Folge hatte.
Fiktion
Als Drahtzieher für diesen und viele weitere Anschläge in den 80er und 90er Jahren galt der libanesische Ex-Elitesoldat Imad Mughniyya alias Radwan, „Der Vater des Rauchs“ beziehungsweise „Der Geist“. Seine Taten und die jahrzehntelange Jagd nach ihm (Radwan starb am 12. Februar 2008 in Syrien) sind die Basis für „Ghosts of Beirut“.
Erzählt wird die Geschichte einerseits auf fiktionaler, andererseits auf dokumentarischer Ebene, was der vierteiligen Miniserie eine besondere Brisanz verleiht. Im Fokus steht dabei ganz klar der filmische Aspekt, wobei der Terrorist Radwan glaubwürdig und eindringlich vom israelisch-arabischen Schauspieler Amir Khoury (Red Skies) gespielt wird. Khoury verleiht der Figur des Imad Mughniyya nicht nur die notwendige verbrecherische Brillanz eines Top-Terroristen, sondern stellt Radwan darüber hinaus als liebenden Ehemann dar, um seinem glühenden Patriotismus etwas entgegenzusetzen.
Trotz der brutalen und aus westlicher Sicht sinnlosen Attentate auf die US-Botschaft sowie französische und US-amerikanische Militäreinrichtungen kann man diesen Menschen, der so viel durchgemacht und so viel Leid erlebt hat, daher nicht hassen.
Als Kontrapunkt zu ihm setzen die Serienmacher von Ghosts of Beirut seine Frau Wafa, gespielt von Zineb Triki einfühlsam verkörpert wird. Lena will nicht, dass ihr Mann in einen Krieg zieht, den er eigentlich nicht gewinnen kann. „Wir haben nicht viel, doch ich liebe unser Leben“, sagt sie in einer erinnerungswürdigen Szene zu Radwan.
Doch der ehemalige Leibwächter Arafats ist fest entschlossen. Sein Anführer hat ihm ein Waffendepot hinterlassen, das mit Hilfe der Iranischen Revolutionsgarden zu nutzen gedenkt, um die Feinde aus dem Libanon zu vertreiben. Dabei stört ihn tragischerweise nicht, dass er auch den pro-arabischen Nahostdirektor der USA Robert Ames tötet, der auf eine Zweistaatenlösung hinarbeitete.
Fakten
Die politikhistorischen Hintergründe zu den spannenden und intensiv vorgetragenen Ereignissen liefern die Serienerfinder Greg Barker, Avi Issacharoff und Lior Raz in dokumentarischer Interviewform. Zu Wort kommen in den kurzen, informativen Szenen Journalisten und Menschen wie der ehemalige „operations officer“ der CIA im Nahen Osten, Samuel Wyman.
Die je etwa 3 bis 4-minütigen Beiträge unterbrechen zwar den narrativen Fluss, beleuchten aber diejenigen Details, die im filmischen Part aus dramaturgischen Gründen unerwähnt bleiben. Stark ist, dass die Interviewpartner sich dabei durchaus auch kritisch über die Politik der USA äußern. Eingestreut werden außerdem immer wieder interessante Fakten, wie die Tatsache, dass der westlichen Welt bis zum oben erwähnten Autobombenanschlag Märtyrerattentäter fast gänzlich unbekannt waren. So kommt Imad Mughniyya möglicherweise die zweifelhafte Ehre zu, diese schändliche Art der terroristischen Kriegsführung mit ins Leben gerufen zu haben.
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Die Mischung macht es
Insgesamt ergibt sich so ein sehenswertes Dokudrama, das sich einerseits eng an die bekannten Tatsachen hält, andererseits aber da schauspielerisch eingreift, wo sich das Leben des „Vaters des Rauchs“ in Mythen und Legenden auflöst. Gespickt ist das Ganze mit dramatischen und routiniert inszenierten Action-Elementen, die für Kurzweil sorgen und mit historischen Nachrichtenbildern kombiniert werden.
Hier liegt bei allem Unterhaltungswert aber auch die Krux. Als Zuschauer muss man sich nämlich jederzeit darüber bewusst sein, dass Ghosts of Beirut letztlich mehr der Unterhaltung, als der Vermittlung von Wissen dient, und das die geschilderten Ereignisse insgesamt recht subjektiv gefärbt sind.
Zumindest in den ersten beiden Episoden mit den sinnigen Titeln „Auftauchen“ (Emergence) und „Gejagt“ (Hunted) ist im dokumentarischen Teil keine palästinensische oder libanesische Stimme zu vernehmen. Das ist schade, weil so der etwas bittere Beigeschmack bleibt, dass Geschichtsschreibung eben nicht nur auf Fakten, sondern eben auch auf Sichtweisen beruht.
Fazit

„Ghosts of Beirut“ ist intensiv, spannungsgeladen und unterhaltsam. Als Bildungsmedium eignet sich das Format hingegen nicht, auch wenn die eingestreuten Interviews dies implizieren könnten. Dennoch animieren die Meinungen und Fakten möglicherweise zum Nachforschen. Wer das tut, wird herausfinden, dass die Erkenntnisse der Politikhistoriker gut recherchiert sind, was der Geschichte umso mehr Brisanz verleiht - zumal im Nahen Osten wohl auf lange Sicht kein Frieden in Sicht ist.
Insofern macht der Vierteiler vieles richtig, aber aufgrund der (zumindest bisher) einseitigen Sichtweise auf die Dinge eben auch nicht alles. Von uns gibt es dafür vier von fünf Punkten.
Hier abschließend noch der Trailer zum vierteiligen Dokudrama „Ghosts of Beirut“ auf dem Streamingdienst Paramount+: