Get Millie Black: So gut ist die neue Crime-Serie gelungen

Get Millie Black: So gut ist die neue Crime-Serie gelungen

Die HBO-Crimeserie „Get Millie Black“ führt die Zuschauenden von London nach Jamaika, wo Schauspielerin Tamara Lawrance nicht nur in einem Vermisstenfall ermittelt, sondern auch den Geistern ihrer Kindheit hinterherjagt. Die Pilotfolge erweist sich dabei als packendes Paradebeispiel für einen rasanten Erzählstil.

Tamara Lawrance in der Serie „Get Millie Black“
Tamara Lawrance in der Serie „Get Millie Black“
© HBO

Das passiert in der Crime-Thrillerserie „Get Millie Black“

Nach dem Tod ihrer tyrannischen Mutter kehrt die Scotland-Yard-Beamtin Millie-Jean Black (Tamara Lawrance, Invasion) in Get Millie Black nach Jamaica zurück, um das Haus der Familie zu übernehmen. Ihr Job als Detective führt sie dabei an die dunkelsten Orte von Kingston-Downtown.

Als sie eines Tages auf den Vermisstenfall der minderjährigen Janet angesetzt wird und der reichen weißen Familie Summerville auf die Füße tritt, gerät sie jedoch in große Schwierigkeiten. Denn der Sohn der Summervilles hat nicht nur eine Vorliebe für Mädchen wie Janet, sondern ist in eine Sache hineingeraten, die weite Kreise zieht. Schließlich teilt ihre Chefin ihr den aus London angereisten Ermittler Luke Holborn (Joe Dempsie, Game of Thrones) zu, der aber lediglich Interesse daran zu haben scheint, einen großen Fisch an Land zu ziehen, egal, welche Kollateralschäden dies auch nach sich zieht...

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Exposition leicht gemacht

Wer einmal eine wirklich hervorragend strukturierte und erzählte Pilotfolge sehen möchte, die keine Längen aufweist, aber dennoch alle für die Geschichte notwendigen Informationen preisgibt, sollte sich einmal Millie des Crime-Formats „Get Millie Black“ anschauen.

Alles beginnt mit einem Rückblick auf das Leben der Protagonistin als Kind in Jamaica. Verlassen von ihrem Vater und einer die Kinder schlagenden Mutter ausgesetzt, ist ihr Bruder Orville der einzige Halt für das Mädchen. Doch Orville interessiert sich mehr für Kleider und Nagellack als für „typische Jungendinge“ und trägt damit für seine gläubige und extrem queerfeindliche Mutter ein Stigma mit sich herum.

Als sie eines Tages ungehemmt auf ihn einschlägt, geht Millie dazwischen und wird von ihr nach London zu Verwandten geschickt, wo aus dem Mädchen eine Frau und gute Polizistin wird. So viel zur Vorgeschichte der Hauptfigur, die für den weiteren Verlauf der Story noch sehr wichtig wird. Währenddessen verhindert die Mutter über Jahre hinweg, dass sich die Geschwister sehen dürfen und meldet sich erst, als Orville spurlos verschwunden ist.

Dieses Trauma brachte Millie überhaupt erst zur Polizei - wo sie nun in der Abteilung für Kindesmisshandlung arbeitet - und führt sie schließlich zurück nach Kingston. Was hier nach einer langen und schwerfälligen Einleitung klingt, ist auf dem Bildschirm aber in wenigen Minuten abgehakt, wobei die eindrücklichen Bilder in Form eines stark geschriebenen Voice-Overs von ihr kommentiert werden.

Auch die Rückkehr nach Jamaica und der Einzug ins leerstehende Elternhaus nach dem Tod der Mutter ist in wenigen Szenen durchexerziert, so dass wir nun erstens erfahren, dass Orville nicht tot, sondern eine Transfrau ist und Hibiscus heißt, und Millie zweitens in Kingston denselben Job ausübt wie in London. Wofür andere Serien viel zu oft eine ganze Episode oder sogar zwei benötigen, bringt Serienerfinder Marlon James somit in fünfzehn Minuten auf den Tisch, so schreibt man eine gute Exposition.

Hart angefasst

Nach Adam Riese bleiben also für die Einführung der Prämisse 32 Minuten übrig, und die haben es wahrlich in sich. Denn von nun an geht es Schlag auf Schlag. Millie und ihr Kollege Curtis (Gershwyn Eustache Jnr, Andor) werden auf den Fall des vermissten Teenagermädchens Janet angesetzt und stoßen während ihrer Ermittlungen in ein Wespennest. Denn der Hauptverdächtige ist ausgerechnet der Sohn einer der reichsten Männer in ganz Kingston, dessen Familie ihr Geld auf dem Rücken von hunderten Sklaven gemacht hat.

Nun könnte man der Serie vorwerfen, woke sein zu wollen, da sowohl Queerness als auch Rassismus zum Themenspektrum gehören. Doch beides fügt sich nahtlos in das Setting ein, zumal Jamaica noch bis 1962 von der britischen Kolonialmacht beherrscht wurde und heute noch immer unter den Auswirkungen leidet.

Queerfeindlichkeit und Gewalt gegen LTGBQIA+-Menschen ist indes im Inselstaat einerseits aus Glaubens- und andererseits aus patriarchalischen Motiven heraus weit verbreitet. Entsprechend erlebt Hibiscus, was es heißt, auf der Straße zu leben, verprügelt oder sogar ermordet zu werden, nur weil man keiner aufoktroyierten angeblichen Norm entspricht.

In einer Szene werden sie und ihre Straßenschwestern von einer Gruppe männlicher Schläger verfolgt, was in dem grausamen Tod ihrer Freundin mündet. Andererseits betont sie, dass sie lieber als Hibiscus auf der Straße lebt, als Orville im sicheren Elternhaus mit Millie zu sein...

Marlon James spart in solchen Momenten weder an Ehrlichkeit noch an Härte und lässt uns die Brutalität des Alltags in Downtown Kingston mit voller Wucht spüren. Dasselbe gilt allerdings auch für Millies Arbeit, die sie durch die Abgründe der Stadt führt, während die Villen und Straßenzüge in Uptown sowohl bildlich als auch metaphorisch gesprochen im weißen Glanz erstrahlen.

Millie

Tamara Lawrance in der Serie „Get Millie Black“
Tamara Lawrance in der Serie „Get Millie Black“ - © HBO

Wie oben bereits erwähnt greifen diese Themenspektrum wie ein Uhrwerk ineinander und sind ausgehend von der Pilotfolge Teil des sich um den Milliardärssohn Frederic Summerville drehenden, groß angelegten Krimi-Thriller-Plots. Durch die Suche nach Janet schlittern Millie und Curtis nämlich in eine Geschichte viel größeren Ausmaßes als es ein Vermisstenfall um ein möglicherweise missbrauchtes Mädchen eigentlich hergeben sollte.

Frederic wird von irgendwelchen üblen Typen verfolgt, die auch nicht davor zurückschrecken, auf die Cops zu schießen, als sie eines von Summervillles Häusern durchsuchen. Zwar finden sie Janet, aber Curtis wird bei dem Schusswechsel schwer verletzt, womit klar ist, dass die beiden Polizisten hier in etwas tödlich Gefährliches hineingestolpert sind.

Das wird auch durch das plötzliche Auftauchen des Scotland-Yard-Beamten Luke Holborn unterstrichen, der sich zunächst betont bedeckt hält. Millie wird ihm gegen ihren Willen zugeteilt, erfährt aber zumindest, dass er ebenfalls hinter Summerville her ist. Interessant ist hier die Behauptung Holborns, dass jener ein wichtiger Zeuge sei, den es zu finden und zu schützen gilt, auch wenn dies Kollateralschäden zur Folge hat.

Was genau der britische Cop in Kingston zu suchen hat und warum der reiche Sohn so wichtig ist, verrät uns Marlon James am Ende der ersten Episode natürlich noch nicht. Dass sich alles um das organisierte Verbrechen dreht, ist klar - doch: in welcher Form? Haben wir es mit einem Menschenhändlerring zu tun?

Mit einer Form der modernen Sklaverei? Mit von außen gesteuerter Gewalt aus Machtstreben? Drogen? Bisher scheint alles möglich, zumal die Summervilles ganz offensichtlich Dreck am Stecken haben und vor nichts zurückstecken, um ihre Macht zu festigen. Es bleibt also spannend.

Fazit

Get Millie Black“ legt einen rasanten Start hin und präsentiert uns eine desillusionierte, taffe Ermittlerin mit einem guten Herzen, die aber nicht immer zwangsläufig auch das Richtige tut. Die Figur der Millie Black wird von Tamara Lawrance stark als Person mit Haken, Ösen und voller Vorurteile dargestellt, die zwar verständlich, aber möglicherweise nicht immer berechtigt sind.

Kingston stellt sich als ganz besonderes und toll fotografiertes Setting heraus. In der Stadt prallen Welten aufeinander, die Gewalt scheint allgegenwärtig zu sein und die rassistischen Strukturen der Kolonialzeit sind noch immer spürbar. Im armen District Downtown herrscht das Gesetz der Straße, dem Millie und ihre Kollegen jederzeit ausgesetzt sind.

Eingebettet in die Familiengeschichte der Protagonistin, die uns ein tiefes Verständnis für ihre Motive und Handlungsweisen vermitteln, erleben wir zudem den Beginn einer Story, die reichlich Spannung und Action verspricht. So darf es gerne weitergehen.

Von uns gibt es dafür viereinhalb von fünf Punkten.

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