Gestern waren wir noch Kinder: Kritik der Pilotepisode der ZDF-Serie

© estern waren wir noch Kinder: Peter Klettmann (Torben Liebrecht) steht mit seiner Tochter Emmi Klettmann (Nele Richter) an einer Schaukel. Er versucht Emmi zu beruhigen. (c) ZDF und Walter Wehner
Das Mastermind hinter der ZDF-Serie Gestern waren wir noch Kinder ist die Produzentin und Autorin Natalie Scharf. Von ihr könnte man unter anderem die ZDF-Reihe „Frühling“ mit Simone Thomalla kennen. Mit der neuen Dramaserie versucht sie sich an einer emotional-spannenden Mischung aus Thrillerserie und Familiendrama.
Wovon handelt die Serie Gestern waren wir noch Kinder?
Peter Klettmann (Torben Liebrecht) hat alles, wovon man allgemein träumen kann: Er ist erfolgreicher Anwalt, wohnt in einer sympathisch gealterten, lichtdurchfluteten Villa im Grünen, seine hübsche Frau Anna (Maria Simon) kümmert sich um die drei bezaubernden Kinder. Das Glück stellen die fünf auch am 44. Geburtstag der Mutter eindringlich zur Schau, als sie sich um die luxuriöse Kücheninsel versammeln, um den Kuchen anzuschneiden. Doch wenige Stunden später ist das Geburtstagskind tot. Erstochen vom eigenen Ehemann, der gottergeben die Polizei ruft und die Kinder sich selbst überlässt.
Doch der Reihe nach: Was wir nach der Kuchenszene erfahren, ist, dass die älteste Tochter, Vivi (Julia Beautx), gerade 18 Jahre alt geworden und durch das Abi an der Privatschule - nicht ganz unbeschadet durch ihre privilegierte Kindheit - gekommen ist. Mit ihrer Freundin beschimpft sie vor und hinter deren Rücken gerne eine Mitschülerin, deren familiärer Hintergrund eine teure Privatschule eigentlich unwahrscheinlich erscheinen lässt.
Als der Sportlehrer Robert Krug (Peter Schneider) die verzogenen Teenager zum Waldlauf schickt, halten die beiden Mädchen lieber ein Auto an und lassen sich den Weg kutschieren. Sie landen im Streifenwagen von Polizist Tim (Julius Nitschkoff), dem sie vorgaukeln, Lehramtsanwärterinnen im Referendariat zu sein. Um die Lüge nicht auffliegen zu lassen, erfindet Vivi anschließend vor dem Sportlehrer einen angeknacksten Knöchel und wird daher zum Arzt geschickt.
Unterdessen hat Mutter Anna erfahren, dass die Grundschule aufgrund Läusen geschlossen ist. Das jüngste Kind, Emmi (Nele Richter), bleibt also heute zu Hause. Als Mutter und Tochter zurück ins Haus gehen, findet Anna etwas in der Küche vor, was sie nicht zeigen will und schickt das Kind in den Garten. Wenig später schon liegt sie mit einem Messer im Rücken auf dem Küchenboden.
Was den Kindern anschließend widerfährt, ist tragisch. Mithilfe der Krisentherapeutin finden sie ein Zimmer in einem Motel, doch die beiden jüngeren Kinder werden schnell ins System aufgenommen, während Vivi sich selbst überlassen bleibt.
Wie kommt es rüber?
Für diese Bewertung konnte ich zwei Episoden der ersten Staffel schauen, über die im folgenden geschrieben wird, wenn auch weitgehend versucht wird, auf Spoiler zum zentralen Rätsel zu verzichten. Ohnehin wird es den Zuschauer:innen nicht einfach gemacht, die Antwort auf die Warum-Frage frühzeitig zu durchschauen, denn vorhersehbar ist nun wirklich nichts in dieser Serie...
Schon während der idyllischen Phase der Klettmann-Familie zwischen Geburtstagskuchen und Mordtat streut die Serienmacherin verstörende Signale, die unerklärlich im Raum stehenbleiben. So sammelt der Familienvater Klettmann, nachdem er seine Tochter in der Privatschule abgeholt hat, die unbeliebte, arme Mitschülerin mit seinem Auto ein. Ganz zu schweigen von der Einleitungserzählung, in der er seiner Tochter aus dem Off erklärt, dass er in ihrem Alter bereits vier Menschen auf dem Gewissen hatte.
In der Mediathek ist die Produktion als siebenteilige Serie zu sehen, für die lineare Ausstrahlung ist sie in drei Filme aufgeteilt. Im Fall der Serienaufteilung bedeutet das Folgendes: Die Pilotepisode zeigt uns die Ereignisse, genauer gesagt, die 16 Stunden um den Mord herum. Die zweite Episode springt über weite Strecken in das Jahr des Abiturs von Anna und Peter, die Zeit, in der sie sich verlieben. Schon in diesen beiden Episoden kann man als Zuschauer immer wieder interessante Hinweise auffangen, wie tief alle Figuren in einem Sumpf aus Geheimnissen stecken. Man achte in beiden Zeitlinien auch bei Nebenfiguren immer wieder auf die Nachnamen, solche, die gesagt werden und solche, die geschrieben stehen... Offensichtlich sind die Bausteine nicht, übertrieben kryptisch aber auch nicht.
In der Vergangenheit begegnen uns Ulrich Tukur (Tatort) und Karoline Eichhorn als problematisches Elternpaar des späteren Mörders. Doch auch die weniger bekannten Mitglieder des Casts liefern eine durchweg überzeugende Darbietung ab. Am Ende funktioniert das, womit man beim Heimatsender ZDF bereits geworben hat: Die Produktion ist spannend und emotional. Selbst, wenn man fraglos hinnimmt, dass Vater Klettmann sich selbst als Mörder bezeichnet, sind so viele Fragen offen und so viel ist auch nach dem Mord noch in der Schwebe, dass man den erhöhten Puls durchaus beim Zuschauen einberechnen muss.
Alle Episoden der ersten Staffel der neuen Serie Gestern waren wir noch Kinder sind in der ZDF-Mediathek zu streamen.