An diesem True Crime kam Netflix einfach nicht vorbei - lohnt sich Genombrottet?

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Netflix läutet das neue Jahr mit einem True-Crime-Fall aus dem hohen Norden ein. Der schwedische Originaltitel sticht ins Auge: Genombrottet, was übersetzt „Durchbruch“ heißt - und das zum Thema passende Präfix „Genom“ enthält. Die Geschichte dreht sich um einen aufsehenerregenden Doppelmord, der 2004 am hellichten Tag auf den sonst so sicheren Straßen Linköpings geschah. 16 Jahre lang blieb er ungelöst, doch modernste Methoden der Wissenschaft brachten schließlich neuen Schwung in die Ermittlungen...
Alle Infos zur Netflix-Serie „Genombrottet“
Hinter dem Vierteiler, der am 7. Januar weltweit Premiere bei der Streaming-Plattform feierte, steht die Regisseurin Lisa Siwe (Red Rose, Die Brücke). Das Skript schrieb Oskar Söderlund, basierend auf dem gleichnamigen Sachbuch „Genombrottet“ der Journalistin Anna Bodin und des Ahnenforschers Peter Sjölund (beide finden sich auch als Alter Egos in der fiktionalisierten Serien-Adaption wieder). Für die Hauptrollen wurden Peter Eggers (Schnelles Geld) und Mattias Nordkvist (The Restaurant) engagiert - beide inzwischen auch international bekannte Gesichter.
Die Serie beginnt in Folge eins, Das Undenkbare, mit verstörenden Szenen: In einer ruhigen Nachbarschaft läuft ein Unbekannter Amok; und tötet einen kleinen Jungen und eine Frau, die das Kind beschützen wollte. Eine dritte Person beobachtet die Tat und erstarrt, als der Mörder direkt auf sie zuläuft. Warum ausgerechnet sie nicht attackiert wird, soll eines der Rätsel werden, die dem leitenden Ermittler, John (Eggers), in den folgenden Jahren schlaflose Nächte bereiten werden.
Ein Polizist, der zu viel verspricht
Obwohl John privat schon mehr als genug um die Ohren hat - weil er und seine Ehefrau Anna (Emelie Falk) Nachwuchs erwarten -, stürzt er sich vollends in den Fall. Ganz Schweden diskutiert über das, was in Linköping geschehen ist. Und John lässt sich dazu hinreißen, den Angehörigen der Opfer Versprechungen zu machen. Saad (Bahador Foladi), der Familienvater des toten Adnan, vertraut dem Polizisten. Unsensible Fragen zum kulturellen Hintergrund der Familie sorgen allerdings für anfängliche Verstimmungen.
Deutlich zynischer sieht Kjell (Per Burell) die ganze Sache. Er ist der Witwer der ermordeten Heldin Gunilla, die für ihren Mut mit dem Leben bezahlen musste. Als aus den Tagen Wochen und aus den Wochen Monate werden, in denen die Ermittlungen keine nennenswerten Fortschritte machen, bittet Kjell John darum, ihm bitte keine Hoffnungen mehr zu machen, dass der Täter jemals gefasst wird. Dabei sah auf den ersten Blick der Fall so leicht zu lösen aus: Immerhin hatte man DNA-Spuren gefunden und es gab ja auch die Augenzeugin.

Mit diesem Aspekt beleuchtet „Genombrottet“ ein interessantes Thema der Polizeiarbeit und Psychologie. Die Zeugin Karin (Annika Hallin) erleidet durch die Erlebnisse ein Trauma, das zu einer Blockade in ihrem Gedächtnis führt. Wie kann man die wertvollen Informationen in ihrem Gehirn freischalten? Und wie zuverlässig ist ihre Aussage dann noch? In der Fachliteratur findet man viele verblüffende Versuche, wie beeinflussbar die Erinnerungen von Menschen sind. Hat man das erst mal verstanden, will man eigentlich gar keinem Zeugenbericht mehr trauen.
Mit Forschung zum Durchbruch
Auftritt: Naturwissenschaft. Der geniale Genealoge Per (Nordkvist) taucht auf und wärmt den Cold Case 2020 wieder auf. Nun entfaltet „Genombrottet“ die beste Phase der Erzählung, denn es geht endlich an den Kern. Nicht nur werden die Möglichkeiten der neuen Wundertechnologie Genanalyse aufgezeigt, es werden auch ethische Fragen zugelassen. Darf man zigtausende Datensätze Unbeteiligter verwerten, um für Gerechtigkeit zu sorgen? Nicht nur die Datenschutzgrundverordnung würde das verneinen.
Gerade Länder wie Deutschland, die mit Ahnenforschung die furchtbarsten Erfahrungen in der NS-Zeit gemacht haben, wissen von der Sensibilität der Bausteine eines Individuums. Das Ganze erinnert an eine subtilere Variante des euphemistisch betitelten Themas „Rettungsfolter“, das im Daschner-Prozess (der zufällig auch 2004 stattfand) die ganze Bundesrepublik erregt hat. Was „Genombrottet“ angeht, hätte die zentrale Frage gern noch weiter ausgeführt werden können. Zumindest der Protagonist John scheint hier gar keine Bedenken zu haben.

Lohnt sich der neue Krimi?
Insgesamt bleibt dieser Eindruck, dass die Serie an vielen Stellen noch tiefer hätte reinzoomen sollen (genau wie bei der Genanalyse selbst). Das Stärkste an „Genombrottet“ bleibt das Vorhaben, diesen beeindruckenden True-Crime-Fall zu verfilmen. Die Umsetzung bleibt nüchtern und grau, was gut zum Scandi-Noir-Genre und zu einer Ode auf die Wissenschaft passt, aber ein wenig mehr Inspiration hätte der Inszenierung und den Dialogen durchaus geholfen.
Auch die Figuren bleiben recht eindimensional und entwickeln sich über die lange Zeitspanne zu vorhersehbar. John ist das Stereotyp eines Polizisten, den dieser eine Fall all die Jahre nicht loslässt, bis er daran zerbricht. Der Hauptdarsteller Eggers spielt seinen Part sehr reserviert und lässt nur wenige emotionale Anknüpfungspunkte für das Publikum zu. So verlässt sich die Krimiserie voll und ganz auf die Faszination, die der Fall an sich ausstrahlt. Da die Miniserie nur vier Folgen umfasst, reicht das einerseits zwar aus. Trotzdem wäre andererseits mehr möglich gewesen...
So landen wir jedoch bei soliden drei von fünf Genspuren für „Genombrottet“.