Pulp-König Robert Rodriguez adaptiert seinen eigenen Kultfilm From Dusk Till Dawn fürs Fernsehen. Die Auftaktepisode macht Spaß, hat jedoch ein nicht ganz unerhebliches Problem: Sie erzählt den ersten Akt des Films und hat deswegen wenig Neues zu bieten.

Die Gecko-Brüder sind zurück: Richie (Zane Holtz, l.) und Seth (D. J. Cotrona) sorgen erneut für Ungemach. / (c) El Rey
Die Gecko-Brüder sind zurück: Richie (Zane Holtz, l.) und Seth (D. J. Cotrona) sorgen erneut für Ungemach. / (c) El Rey

Die Pilotepisode von From Dusk Till Dawn, die erste Eigenproduktion des neuen Kabelsenders El Rey, hat kein hohes Budget, keine sonderlich herausragenden Protagonisten, kein innovatives Drehbuch. Und trotzdem macht das Zuschauen viel Spaß, denn Filmregisseur und Serienschöpfer Robert Rodriguez umarmt voller Inbrunst das blutende „Pulp“-Herz seines Stoffes.

The Gecko brothers are back

Ein Problem offenbart sich jedoch nach wenigen Minuten: Rodriguez erzählt in der Auftaktepisode nicht viel mehr als den ersten Akt der Filmvorlage. Wir können also damit rechnen, dass mindestens zwei weitere der insgesamt zehn Episoden der ersten Staffel exakte Kopien der Filmhandlung sein werden. Das macht das Gesehene nicht schlechter, in Sachen Originalität kann Rodriguez damit jedoch nicht punkten.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht seine Absicht. Sein größtes Markenzeichen ist ohnehin die Fähigkeit, mit begrenzten Mitteln spannende, schaurige und abgefahrene „Grind House“- und „Pulp“-Geschichten zu erzählen. Das gelingt ihm auch hier wieder. Und zu viel Originalität sollten wir sowieso nicht erwarten - vor allem nicht mit dem Vorwissen, dass Rodriguez seinen eigenen Film für seinen eigenen Sender in eine eigene Serie umwandelt.

Widmen wir uns From Dusk Till Dawn also mit den Augen eines Zuschauers, der die Filmversion nie zu Gesicht bekommen hat - weil er im Jahre 1996 vielleicht im Koma lag oder gerade damit beschäftigt war, sich in einer mexikanischen Bar einer Horde blutlüsterner Vampire zu erwehren. Wir versetzen uns in die Rolle dieses einen Menschenschlags, der nie von irgendwelchen Filmen, Schauspielern oder sonstigen popkulturellen Phänomenen gehört haben will (College Humor hat diese Spezies erst kürzlich treffend karikiert).

Im Tagtraum erscheint Richie Gecko ein verführerisch-gefährliches Halbwesen (Eiza Gonzalez). © El Rey
Im Tagtraum erscheint Richie Gecko ein verführerisch-gefährliches Halbwesen (Eiza Gonzalez). © El Rey

Die Handlung der Pilotepisode wird zeitlich verschachtelt präsentiert - wobei mir bis jetzt nicht ganz klar wurde, wieso Rodriguez sich dazu entschieden hat. Die Geschichte wird dadurch nicht besser und auch nicht komplexer. Wir sehen manche Szenen einfach nur doppelt. Zu Beginn hetzt ein leicht bekleidetes Mädchen durch den Wald. Sie wird von Männern verfolgt, die indianischen Schmuck und Waffen tragen. Nachdem sie das Mädchen erwischt haben, werfen sie es in eine Schlangengrube. Die Schlangen beißen sofort zu, eine kriecht sogar in den Hals des Mädchens.

Something is truly wrong with your brother

Später wird uns dieses Mädchen wieder begegnen - als Hirngespinst von Richie Gecko (Zane Holtz), dem Bruder von Seth Gecko (D. J. Cotrona). Zusammen befinden sie sich auf einem mörderischen Raubzug durch Kansas und Texas. Ihr Ziel ist die mexikanische Grenze, wo sie ihren Auftraggeber Carlos (Wilmer Valderrama) treffen wollen. Mit ihm wollen sie die erbeuteten 30 Millionen Dollar (in Form von festverzinslichen Wertpapieren - habe ich das richtig verstanden?) teilen. Um im Gegenzug sichere Zuflucht zu erhalten.

Zwischen ihnen und der mexikanischen Grenze liegt jedoch ein weiter Weg - oder, um es mit den Worten des obdachlosen Junkies „Bubbles“ (Andre Royo) aus The Wire zu sagen: „It's a thin line 'tween heaven and here.“ Das größte Problem der Brüder ist aber gar nicht die Tatsache, dass sie von sämtlichen Strafverfolgungsbehörden zweier Bundesstaaten gejagt werden. Vielmehr steht der unberechenbare, von Dämonen besessene und schießwütige Richie einer reibungslosen Flucht im Wege.

Im Film wurde dieser Charakter von Drehbuchautor und Regielegende Quentin Tarantino höchstselbst dargestellt. Der ist bei weitem kein begnadeter Schauspieler, doch brachte er eine verstörende Präsenz auf die Leinwand, die diesem Charakter in die DNA geschrieben zu sein scheint. Sein Serienpendant Zane Holtz sieht vermutlich zu gut aus, um eine ähnlich verstörende Präsenz zu generieren. Der Schauspieler liefert hier keinesfalls eine misslungene Darstellung ab. In manchen Szenen fragt man sich jedoch, warum irgendjemand vor diesem gutaussehenden Typen (der auch noch, ganz modisch, eine Brille mit schwerem Rahmen trägt) Angst haben soll.

Richies Bruder Seth wurde im Film von Hollywood-Superstar George Clooney gespielt - da ist es wahrlich kein Wunder, dass D. J. Cotrona es nicht schafft, das Publikum in ähnlicher Weise für sich einzunehmen. Trotzdem funktionieren die beiden als Brüderpaar, das die Kunden eines liquor stores in Atem hält. Die Geschichte wird zunächst aus der Sicht eines in die Jahre gekommenen Rangers erzählt. Don Johnson schlüpft in die Rolle von Earl McGraw, der am Ende der Episode den Heldentod stirbt.

Freddie Gonzalez (Jesse Garcia) schwört Rache für seinen ermordeten Partner. © El Rey
Freddie Gonzalez (Jesse Garcia) schwört Rache für seinen ermordeten Partner. © El Rey

Im Sterben liegend ringt er seinem Partner Freddie Gonzalez (Jesse Garcia) ein letztes Versprechen ab: „You kill these bastards, no matter what it takes. Even if you have to follow them to the gates of hell.“ Richie verspricht es mit der gebotenen Gravitas: „I swear on my daughter, I will.“ Am Ende produziert die Serie ein Bild, das zwar schon in hunderten Western- und „Pulp“-Filmen gezeigt wurde, das aber sehr treffend die Tonalität der Serie einfängt. Da steht Freddie im Licht der untergehenden Sonne breitbeinig auf der Straße und schaut dem flüchtenden Bruderpaar hinterher. In seinem Kopf wiederholen sich die Worte seines soeben verstorbenen Partners und Mentors.

It's gonna be a long day

Wem das alles zu kitschig und einfach ist, der wird an dieser Serie keinen Spaß haben. Wer sich jedoch auf das einfache Produktionsdesign, abgedroschene Dialoge und viel Kunstblut einlassen kann, der dürfte erfreut sein. Der Serie würde erst dann ein Problem entstehen, wenn sie nach mehreren Episoden noch keine differenzierenden Merkmale gegenüber dem Film entwickelt hätte. Das ist auch der größte Makel der Pilotepisode: Sie erweckt stellenweise den Eindruck, als würde die Geschichte des Films lediglich aufgebläht werden.

Nach nur einer Episode will ich Robert Rodriguez (noch) nicht vorwerfen, dass er in From Dusk Till Dawn eine auf knapp achteinhalb Stunden hochgezogene Version seines Films präsentiert. Laut eigener Aussage stimmt das sowieso nicht. Er sagte vielmehr, dass die Serie eine Romanversion des Films präsentieren und tiefer in die Einzelgeschichten der Charaktere eintauchen würde. In der Auftaktepisode wurde dies bereits bestätigt: Wir kennen jetzt die Hintergrundgeschichte von Ranger Gonzalez.

Größtenteils hält sich die Pilotepisode jedoch an ihre filmische Vorlage. Es fallen altbekannte Sätze („Everybody be cool. You, be cool.“) und Richie erleidet einen sauberen Handdurchschuss, den er mit Paketklebeband notdürftig verarztet. Nehmen wir also an, dass die drei Akte des Films auf drei Episoden verteilt werden. Dann bekämen wir ab der vierten Episode neue Geschichten serviert. Damit kann ich leben. „I'm in!

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