Freud 1x01

Freud 1x01

Wenn die allererste Szene einer Serie namens Freud direkt mit Hypnose spielt, kann man sich schon denken, wie tiefgründig der Rest wird. Die erste österreichische Eigenproduktion von Netflix ist leider nicht empfehlenswert.

Brigitte Kren und Robert Finster in Freud (c) ORF/Netflix
Brigitte Kren und Robert Finster in Freud (c) ORF/Netflix
© rigitte Kren und Robert Finster in Freud (c) ORF/Netflix

Anders, als ihr Titel impliziert, ist die erste österreichische Netflix-Produktion Freud gerade nichts für Fans des berühmten Psychoanalytikers, sondern eher für alle anderen, die möglichst wenig über das Leben und Werk des Wissenschaftlers wissen. Warum der arme Mann überhaupt als Aufhänger für die Serie benutzt wurde, ist ein Mysterium. Zumal Regisseur Marvin Kren (4 Blocks), der gemeinsam mit Stefan Brunner und Benjamin Hessler auch das Drehbuch schrieb, offenbar eh viel lieber eine Wiener Version von Babylon Berlin drehen wollte. Oder vielleicht einen inoffiziellen Ableger zumindest thematisch verwandter amerikanischer Serien wie The Knick oder The Alienist alias „Die Einkreisung“.

Statt ein Biopic mit psychologischem Bildungsauftrag, sollte man von Freud eher einen blutigen Krimi mit Hang zur Spiritualität erwarten, sowie ein Zeitporträt des späten 19. Jahrhunderts in Wien. Und all das wäre wohl auch gar nicht schlimm, wenn der Serientitel erstens nicht so frech irreführend wäre, der zentrale Kriminalfall zweitens nicht so nervtötend klischeebeladen und das historische Stadtbild drittens nicht so künstlich-digital. Wer dem Ganzen trotzdem eine Chance geben will, kann die achtteilige Auftaktstaffel ab dem 23. März bei Netflix streamen. Beim österreichischen Heimatsender ORF ging die Serie derweil schon jetzt an den Start, nachdem sie im Februar ihre Weltpremiere bei der Berlinale zelebrierte.

Worum geht's?

Nein, ausnahmsweise geht es mal nicht um den alten bärtigen Sigmund Freud, wie man ihn von vielen schicken Fotos kennt, sondern um den jungen, ebenso bärtigen Freud. Gespielt wird er von Robert Finster („SOKO Kitzbühel“), der die Figur mit seiner bewusst gewählten stocksteifen Darbietung leider auch nicht ausschmücken kann. Die beiden anderen Hauptrollen gingen an Ella Rumpf („Tiger Girl“) und Georg Friedrich (Morgen hör' ich auf). Sie mimt ein sogenanntes Geistermedium namens Fleur Salomé, er den kriegstraumatisierten Inspektor Alfred Kiss. Zu dritt bilden sie ein untypisches Team, das einen gefährlichen Mörder stoppen will und dadurch letztendlich in eine umso gefährlichere Verschwörung verstrickt wird...

Die bloße Anwesenheit eines Hokuspokuscharakters wie der Fleur kann ein Psychologiestudent nur als persönlichen Affront ansehen. Denn genau diese Schwäche für das Transzendentale oder auch die eingangs erwähnte Hypnoseszene sorgen dafür, dass Psychologinnen und Psychologen bis heute noch betonen müssen, dass sie eine richtige echte Naturwissenschaft betreiben. Aus dieser Verteidigungshaltung heraus, wurde übrigens auch Freud selbst als einer der Urväter „der Lehre der Seele“ ins Exil der Bedeutungslosigkeit verdammt. Heutzutage werden seine Theorien allenfalls belächelt, statt sie wenigstens als wichtige Wegbereiter wahrzunehmen. Ich gebe also zu: Das Ganze triggert mich!

Ella Rumpf und Anja Kling in Freud
Ella Rumpf und Anja Kling in Freud - © ORF/Netflix

Ebenfalls im Ensemble: Brigitte Kren (4 Blocks) als Freuds Haushälterin Lenore, Christoph Krutzler (M - Eine Stadt sucht einen Mörder) als Kiss' Kollege Franz Poschacher, Anja Kling („Jenseits der Angst“) als ungarische Gräfin Sophia von Szápáry und Philipp Hochmair (Vorstadtweiber) als böser Graf Viktor von Szápáry, der Ungarn von der österreichischen Krone befreien will. Darüber hinaus treten ein paar weitere Berühmtheiten der damaligen Zeit auf, so etwa der Schriftsteller Arthur Schnitzler (Noah Saavedra), Dr. Josef Breuer (Merab Ninidze), Prof. Dr. Theodor Meynert (Rainer Bock), Kronprinz Rudolf (Stefan Konarske) und natürlich Ihre Majestät höchstpersönlich, Kaiser Franz Josef I. (Johannes Krisch).

Was Kostüm und Ausstattung angeht, muss man der Serie sicherlich ein Lob aussprechen. Doch scheinbar hat das Produktionsbudget lediglich für hochwertige Innenaufnahmen gereicht. Vor allem die Panoramaeinstellungen des altehrwürdigen ersten Bezirks, in dessen Herzen der berühmte Stephansdom steht, lassen einen vor Unechtheit erschaudern. Und so muss ich leider sagen, dass ich mich nicht nur als Psychologiestudent, sondern nun auch als Bürger Wiens persönlich angegriffen fühle. Zumal einige Szenen von Freud offenbar in meiner alten Straße gedreht wurden, was die Vorfreude durchaus steigerte. Dass die Atmosphäre nun so wenig zum Eintauchen einlädt, ist eine weitere herbe Enttäuschung.

Was die eigentliche Geschichte angeht, scheint sich Freud fast genauso ungeordnet zu entwickeln wie das identifizierte Vorbild Babylon Berlin. Aber eben mit dem Manko, dass die Produktion aus Österreich von ihrem fehlenden Fokus leider kaum mit spektakulären Schauwerten ablenken kann. Selbst in Sachen Humor, der in der Alpenrepublik - und ganz besonders in ihrer edlen Hauptstadt - normalerweise groß geschrieben wird, lässt das Ganze nach den ersten zwei Episoden, die vollkommen erwartbar Hysterie und Trauma heißen, klar zu wünschen übrig. Die Art und Weise, wie die Figuren mit einander reden, wirkt schwülstig und geheimnisvoll, aber ohne Neugier zu wecken. Wer Lust auf einen tollen Wiener Krimi hat, wird womöglich eher bei David Schalkos Miniserie M - Eine Stadt sucht einen Mörder fündig, die vor circa einem Jahr erschien.

Fazit

Dass Netflix' erste österreichische Eigenproduktion Freud nicht gerade eine Doku über das Leben des Psychoanalytikers werden würde, war den meisten wohl klar. Redaktionsintern wurde die Serie im Vorfeld gern auch als „Sexy Freud“ beschrieben, wobei sich nun herausstellt, dass das genauso wenig zutrifft. Nicht etwa, dass der Hauptdarsteller Finster nicht gut aussehen würde, nein, seine Figur ist schlichtweg fad - und das, obwohl sich Chefautor Kren eh vom Zwang der Faktenbasiertheit befreit hat. An Wissenschaft ist die Geschichte überhaupt nicht interessiert, sondern verfestigt sogar gängige Fehlannahmen. Stattdessen stehen Verbrechen im Zentrum, wie man sie schon zigmal gesehen zu haben glaubt. Und traurigerweise kann das Ganze nicht mal oberflächlich glänzen, sprich mit visuellen Reizen oder Atmosphäre.

Hier abschließend der Trailer zur Netflix-Serie Freud:

Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 17. März 2020

Freud 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Freud 1x01)
Titel der Episode im Original
Hysterie
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Sonntag, 15. März 2020 (ORF 1)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 23. März 2020
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Montag, 23. März 2020
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Montag, 23. März 2020
Autoren
Stefan Brunner, Benjamin Hessler
Regisseur
Marvin Kren

Schauspieler in der Episode Freud 1x01

Darsteller
Rolle
Robert Finster
Ella Rumpf
Georg Friedrich
Christoph F. Krutzler
Brigitte Kren

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