Forever packt mich nicht – das sind die Gründe

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Das passiert in der ersten Episode der Serie „Forever“
Der aus einer wohlhabenden Familie stammende Teenager Justin (Michael Cooper Jr.) lernt in Forever (2025) auf einer Silvesterparty die aus ärmlichen Verhältnissen kommende Keisha (Lovie Simone) kennen und verliebt sich in sie. Einer Beziehung stehen aber nicht soziale Unterschiede im Weg, sondern auch eine Dummheit, die Keisha vor einiger beging und die sie immer wieder einholt.
Trotz aller Widrigkeiten gelingt es Justin aber, sie von seinen ehrlichen Absichten zu überzeugen, doch bevor er auf ihr WhatsApp-Liebesgeständnis antworten kann, erwischt ihn seine Mutter bei einer Lüge und nimmt ihm das Smartphone ab...
Tausendmal gesehen
Wenn Euch beim Lesen der der obigen einleitenden Inhaltsangabe das Gefühl beschleicht, „Forever“ könnte unter Umständen eine vollkommen generische Geschichte erzählen, wie man sie in ähnlicher Form schon zigmal gesehen hat, dann liegt Ihr nicht falsch...
Tatsächlich lässt sich die von Mara Brock Akil (Black Lightning) erdachte Formel nämlich auf den Satz „reicher Junge verliebt sich in armes Mädchen und überwindet alle Schranken, um sie zu bekommen“ reduzieren. Viel mehr gibt die 50-minütige Pilotfolge mit dem passenden Titel Pilot aus der ersten achtteiligen Staffel dann auch nicht her, sowohl narrativ als auch audiovisuell.
Tatsächlich zaubert die Autorin jedes nur erdenkliche Klischee aus dem Hut, um ihr Zielpublikum zu erreichen. Angefangen bei Bemerkungen darüber, dass die schwarze Hauptfigur Justin sich nicht auf eine Beziehung mit einem weißen Mädchen einlassen darf bis zu den Standesunterschieden zwischen ihm und Keisha, die er auf einer Silvesterparty kennenlernt.
Kennenlernen ist dabei eigentlich zu viel gesagt, denn sie schmachtet ihn schon seit Kindheitstagen an und war schon immer ein wenig verliebt in ihn, während er sich anfangs nicht einmal daran erinnern kann, wen er da eigentlich gerade vor sich hat.
Als wäre das nicht schon genug altbekanntes Material, wird Keisha auch noch gemobbt, weil sie vor einiger Zeit mit einem Jungen geschlafen hat und ihm dummerweise erlaubte, ein Video zu drehen. Dieses kursiert nun in Teeniekreisen und macht der jungen Frau das Leben schwer.
Keine echte Sozialkritik
Nicht falsch verstehen: Diese Form der Sozialkritik ist ungemein wichtig und sollte in Young-Adult-Formaten selbstverständlich ausgiebig thematisiert werden. Zu viele Leben werden wegen rücksichtsloser Menschen, die sich nur stark fühlen, wenn sie eine vermeidlich hilflose Person mit Cybermobbing-Attacken quälen können, zerstört.
Doch im Fall von Keisha zeigt der Ansatz kaum Wirkung, da er erstens lediglich eine Randnotiz ist und zweitens innerhalb des Narrativs eigentlich so gut wie keine Rolle spielt. Die Vergangenheit ist da und sorgt für ein Missverständnis. Mehr als ein paar dumme Sprüche seitens einiger männlicher Mitschüler kommt dabei aber nicht heraus - und das war es dann auch schon. Das ist zu wenig, um zum Nachdenken anzuregen - und damit, auf den Kern heruntergebrochen, ein unnötiger Twist.
Auch Sprüche wie „Die Polizei schießt auf schwarze Jungs als sei die Jagdsaison eröffnet“ seitens Justins strenger Mutter Dawn (Karen Pittman) würden eine wesentlich größere Wirkung erzielen, wenn Justin aus einer armen Gegend stammen würde, in der Straßengangs ihr Unwesen treiben.
Stattdessen lebt er aber nicht nur behütet in Wohlstand, sondern im puren Luxus. Er erhält Privatunterricht und bekommt von seiner Oma mehr Weihnachtsgeld, als Keishas Mutter Shelly (Xosha Roquemore) mit ihren zwei Jobs in einem Monat verdient. Alles in allem hinterlassen die kritischen Ansätze den Eindruck, als sollten sie eben irgendwie unbedingt in der Geschichte vorkommen, wobei sich die Autorin anscheinend keine tieferen Gedanken um eine sinnvolle Integration gemacht hat.

Lovestory
Das ist schade, weil etwas mehr Kontrast der Pilotfolge im Plot durchaus gutgetan hätte. So sehen wir nicht mehr als den Beginn einer Teenager-Lovestory, die in den 52 Minuten Laufzeit der Pilotfolge zwar einige warmherzige Momente zeigt, aber auch viel zu viel Leerlauf offenbart. Ob Keisha beispielsweise mit ihrem Opa nebst Cousinen in einer spanischen Bar sitzt, ist für den Handlungsbogen vollkommen irrelevant. Genauso irrelevant sind kleine Streitigkeiten zwischen Mutter Edwards und Justin sowie einige der Dialoge zwischen Keisha und ihren Freundinnen.
Auf gewisse Weise unverständlich ist auch eine Schlüsselszene, die zum vorübergehenden Zerwürfnis zwischen den Hauptfiguren führt. Justin und Keisha sitzen in einem Kino und beginnen, sich zu küssen. Die Situation mündet darin, dass sie ihm die Hose öffnet und beginnt, ihn oral zu befriedigen, obwohl sie eine ganz ähnliche Situation kurze Zeit zuvor erst in die oben beschriebene Lage gebracht hatte...
Ein wenig mehr Lernfähigkeit könnte man von einer jungen Frau, die immerhin als sehr intelligent und sportlich hochbegabt dargestellt wird, wohl schon erwarten. Klar, gerade bei Teenagern geht es mit den Emotionen ständig bergauf und bergab, doch was im Kino geschieht, ist in mehrerlei Hinsicht unnötig. Mit anderen Worten wirkt das Ganze stark konstruiert, um einen Konflikt heraufzubeschwören, der sich aber ohnehin eine Viertelstunde später ins Nichts auflöst. Das hätte man sicherlich geschickter lösen können.
Schöne Momente
Auf der positiven Seite lässt sich indes die zwischen den Protagonisten stimmende Chemie verbuchen. Justin ist geradezu schockverliebt, als er Keisha zum ersten Mal sieht. Sie mag ihn hingegen schon seit Kindheitstagen, was dann die Anziehungskraft der beiden zueinander für ein Coming-of-Age-Format ausreichend erklärt. Die romantischen Szenen zwischen Michael Cooper Jr. und Lovie Simon funktionieren ebenfalls recht gut. Den Darstellenden ist die Sympathie füreinander in jedem Moment des Zusammenspiels anzumerken.
Auch der Kontrast zwischen reichem Jungen und armen Mädchen ist gut ersichtlich und wird mittels kleiner, aber bemerkenswerter Ereignisse thematisiert. Als sich Keisha und Justin in einer Mall treffen, hat er einen Gutschein für einen teuren Bekleidungsshop bei sich. Sorglos kauft er sich ein paar Sneaker, während sie nur davon träumen kann, eines der schönen Teile zu besitzen. Als er sie schließlich dazu einlädt, sich etwas auszusuchen, wird der unterschiedliche Lebensstil besonders deutlich. Justin ist es schlicht egal, ob er gerade 100 Dollar für eine Sporttasche hinblättert, Keisha ist das Geschenk hingegen fast schon peinlich.
Es bleibt zu hoffen, dass die Produktion in den kommenden sieben Folgen genau hier ansetzt und das ganze Konfliktpotential der Geschichte ausnutzt. Ausgehend von der Debütepisode sollte man nämlich nicht allzu sehr mit humoristischen Einlagen oder wunderschön kitschiger Romantik rechnen. Wie es also aussieht, scheint „Forever“ mehr auf das dramatische Element zu setzen - und davon gibt es bisher bei weitem nicht genug.
Fazit
Young Adult und Coming-of-Age gehen eigentlich immer. Serien dieser Couleur offenbaren oft eine ansprechende Mischung aus Dramaserie, Lovestory und Humor. Sie sind ein Vehikel für die Gefühle junger Menschen und erinnern ältere daran, wie schön die Jugend war.
In der Serie „Forever“ schlummert all dieses Potential fraglos, kommt aber in der Pilotepisode leider nur teilweise zum Tragen, weil die Laufzeit der Folge mindestens zehn Minuten zu lang ist. 35 bis 40 Minuten hätten für den Expositionsteil ausgereicht, warum also den Plot unnötig in die Länge ziehen? Schlecht ist der Einstieg deswegen nicht, wirklich gut aber eben auch nicht...
Wir vergeben mit der Hoffnung auf eine Steigerung bisher drei von fünf romantischen Dates.