For Life: Review der Pilotepisode

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Worum geht's?
Hier ein kurzer Inhaltszusammenschnitt der Gerichtsserie For Life von ABC:
Aaron Wallace (Nicholas Pinnock) ist ein gewöhnlicher Familienvater, der zudem einen eigenen Nachtclub betreibt. Als eines Abends die Polizei in seinen Club einmarschiert und dort ein Drogenversteck ausfindig macht, wird Wallace festgenommen. Woher die illegalen Substanzen stammen und wer sie dort deponiert hat, weiß er nicht, denn er hat mit dem Ganzen nichts zu tun. Natürlich glaubt ihm das keiner und Wallace wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Doch dieser will sich nicht in Selbstmitleid baden und sein Schicksal so akzeptieren. Über zahlreiche Hintertürchen schließt Wallace während seiner Haftstrafe ein Jurastudium ab, um selbst für seine Gerechtigkeit zu sorgen, wenn es schon kein anderer tut.
Neun Jahre nach seiner Inhaftierung setzt die Handlung wieder ein. Wallace tritt seinen ersten Fall an: Er verteidigt seinen Zellgenossen Jose (Andrew Casanova), der mit ihm in Gefangenschaft ist, obwohl er sich nichts Gravierendes zu Schulden hat kommen lassen. Dieser hatte ein Verhältnis mit einem knapp drei Jahre jüngeren Mädchen und wollte entgegen seiner wahren Gefühle die Verbindung auflösen, bevor er volljährig wird. Seine Freundin konnte die Entscheidung aber nicht akzeptieren. Allerdings ließ sich dieser nicht umstimmen und Molly (Lizzy DeClement) verpasste sich daraufhin eine Überdosis, an der sie beinahe starb. Der Suizidversuch wurde Jose angehängt, welcher dann beschuldigt wurde, ihr die Drogen mutwillig beschafft zu haben. Der Abschiedsbrief, den Molly ihm hinterlassen hatte und als einziges Beweismittel seine Unschuld hätte aufzeigen können, verschwand auf mysteriöse Weise...
Sechs Jahre nach dem Gerichtsurteil lässt Wallace den Fall noch einmal aufleben und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Er fälscht den verschwundenen Abschiedsbrief, nur um das Mädchen vor Gericht mit den frei erfundenen Worten zu konfrontieren und ihr damit die Wahrheit zu entlocken. Wallace entscheidet den Fall für sich und sein Freund wird freigesprochen, aber ob er seine eigene Unschuld beweisen kann, ist in der Tat noch fraglich. Denn er hat einen mächtigen Feind, den man nicht unterschätzen sollte: den Staatsanwalt Glen Maskins (Boris McGiver).
Wallace' Familie lebt währenddessen ihr Leben so gut es geht weiter. Seine Frau Marie (Joy Bryant) glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass ihr Mann jemals freigelassen wird und führt eine nicht so ganz durchschaubare Beziehung mit dem ehemaligen besten Freund ihres Gatten. Während sie versucht, mit dem unglücklichen Schicksal abzuschließen und Abstand von der Situation zu erhalten, will seine Tochter Jasmine (Tyla Harris) sich absolut nicht mit der lebenslangen Haft ihres Vaters abfinden. Zumal sie auch noch ein Geheimnis verbirgt und zur Bewältigung dieses ihren Vater zukünftig unbedingt in ihrem Leben braucht.
Als Wallace bei einem Besuch von Jasmines bestimmte Umstände vernimmt, ist er nicht mehr kleinzukriegen und setzt alles daran, auf halbwegs legalem Wege aus dem Gefängnis herauszukommen. Ganz egal, welche Mittel dazu nötig sein werden. Auch Marie hat nach seinem Sieg vor Gericht wieder einen Funken Hoffnung auf eine Rückkehr ihres Mannes...
I used to be just like you
Die Pilotepisode der Serie startet mit einer Rückblende auf den Tag, an dem Wallace' Leben von einem Moment auf den anderen komplett aus den Fugen geriet: der Tag oder besser gesagt die Nacht seiner Inhaftierung. Wallace wusste über das Drogengeschäft in seinem Nachtclub nicht Bescheid, die schlagartige Änderung seines kompletten Lebens traf ihn so unerwartet wie ein Blitz. Sie geschah eben urplötzlich und war unumkehrbar. Ist das etwas, was uns allen passieren kann? Wallace reflektiert im Voice-over rückblickend diesen einschneidenden Tag und wendet sich dabei ganz explizit mit den Worten „I used to be just like you“ an uns Zuschauer. Na ja, ich denke, es ist eher unwahrscheinlich, dass jedermann von uns befürchten muss, eines Tages wegen des Besitzes illegaler Substanzen im Gefängnis zu landen. Doch die Intention ist ja, lediglich darauf hinzuweisen, dass wir alle zu jeder Zeit mit dem Unerwarteten rechnen müssen, das uns erschüttern und unser Leben für immer verändern kann - daher wirkt dieser Anfang auf mich doch insgesamt gelungen.
Jail is the place where time stands still
Neun Jahre arbeitet Wallace lediglich daran, aus dem Gefängnis zu entkommen und sein Leben an dem Punkt fortzusetzen, an welchem es urplötzlich stehenblieb und sich die Welt für ihn nicht mehr weiterdrehte. In seinen Augen und aus der Perspektive aller Insassen, so wird es in der Folge geschildert, scheint die Uhr stehenzubleiben, die Zeit scheint eingefroren zu sein. So lungern die Verbrecher und auch die zu Unrecht Verurteilten vor sich hin und warten. Doch auf was? Wallace selbst will nicht aufgeben, er kämpft für seine Freiheiten und denkt zu keinem Zeitpunkt daran, aufzugeben. Nicht in einer einzigen, noch so deprimierenden Sequenz hat man das Gefühl, Wallace würde nicht mehr weiterkämpfen wollen. Und während andere schon am Boden liegen und aufgeben wollen, ist er es, der sich dennoch für sie einsetzt. So freut es Wallace ungemein, als er seinem Zellengenossen den Freispruch ermöglichen kann, auch wenn er keinen persönlichen Sieg verzeichnen kann.
Was zudem ganz besonders interessant ist, ist die Wahl der Mittel, zu denen er teilweise greift, um seine Ziele zu erreichen. Denn diese sind - wie beispielsweise bei der Fälschung des Beweisstücks - absolut nicht legal, aber trotzdem nutzt Wallace diese nicht dazu, eine falsche Lüge aufrechtzuerhalten, sondern, um die Wahrheit durch diesen Anreiz ans Licht zu bringen.
„For Life“ präsentiert hier einen sehr starken filmischen Charakter, der auch auf schauspielerischer Ebene überzeugt. Denn Nicholas Pinnock vermittelt den unbesiegbaren Kampfgeist und die Hoffnung von Wallace auf eine recht beeindruckende Art und Weise, die einen beim Sichten sicherlich abholt.
The world is gonna keep spinning without you
Der Fokus der Serie liegt hierbei aber nicht unbedingt darauf, das Leben hinter Gittern auf eine möglichst grausame oder lustige Art und Weise in Szene zu setzen. Zwar kennen wir die Bildsequenzen vom Gefängnishof, dem Zellenleben und den Inhaftierten in ihren Kutten schon zu gut von anderen Serien dieser Art, wie beispielsweise Orange Is the New Black. Das Gefängnis fungiert hier hingegen vielmehr als Zwischenstation, nicht als Haupthandlungsstätte. Diese ist und bleibt der Gerichtssaal, in welchem Wallace für seine und die Freiheit anderer kämpft.
Denn die Zeit bleibt keinesfalls stehen. Dies wird Wallace schlagartig klar, als er seine Tochter während eines Besuchs in besonderen Umständen vorfindet. Das Leben außerhalb des Gefängnisses geht weiter und ja, auch seine eigene Lebenszeit läuft davon. Und möchte er noch mehr von dieser hinter Gittern verpassen? Auf keinen Fall. Sowohl seine Familie als auch er selbst entwickeln sich weiter, werden älter. Und Wallace möchte auch wieder ein Teil davon sein, diese Eingebung trifft ihn wie ein Blitz, als er die eindringlichen Worte seiner Tochter vernimmt.
„No matter what power they have, I will bring myself home and I will live my life again.“ Dies sind seine im Voice-over gesprochenen Abschlussworte der Folge und diese leiten somit den weiteren Verlauf der Serie ein.
Fazit
Insgesamt wirkt dieses Konzept auf mich recht gelungen. Sowohl die Charaktere als auch die sonstige filmische Umsetzung machen einen überzeugenden Eindruck. Und, auch wenn man als Zuschauer nicht genau weiß, wie man sich in Bezug auf manche Vorgehensweisen des Protagonisten positionieren soll, so sympathisiert man dennoch mit Wallace und hofft für ihn auf Gerechtigkeit. Neben dem Haupthandlungsstrang fließen zudem wichtige gesellschaftskritische Themen wie Rassismus in die Geschichte mit ein, denn schließlich wird der dunkelhäutige Wallace von einem weißen, feindseligen Staatsanwalt in die Schranken gewiesen und hat auch im Gefängnis mit Nazis zu tun.
Was kann man als Zuschauer für sich selbst nun aus der Serie ziehen? Was sehr schön aufgezeigt wird, ist - wie beschrieben - der unerbittliche Kampf um Gerechtigkeit. Dies lässt sich individuell auch auf alle anderen Lebensbereiche beziehen, in denen man von einem unvorhergesehenen Schlag hart getroffen wird. So kann es zum Beispiel auch auf Ungerechtigkeiten, Verlust oder auch Krankheit ausgedehnt werden. Die Serie lehrt einem, dass es sich lohnt, zu kämpfen, auch wenn es noch so aussichtslos erscheint. Und das ist eine letztlich sehr weise und schöne Moral.
Hier abschließend noch der Trailer zur gerade gestarteten neuen ABC-Serie For Life: