For All Mankind: Kritik zum Auftakt der Raumfahrt-Serie von Apple TV+

For All Mankind: Kritik zum Auftakt der Raumfahrt-Serie von Apple TV+

Das neue Apple-TV+-Retrodrama For All Mankind stellt die Frage, wie die Welt ausgesehen hätte, wenn die USA gegenüber der Sowjetunion in Sachen Mondlandung den Kürzeren gezogen hätten. Ob der anfängliche Reiz dieser alternativen Historie von einer spannenden Erzählung begleitet wird, bleibt abzuwarten.

For All Mankind (c) Apple TV+
For All Mankind (c) Apple TV+
© or All Mankind (c) Apple TV+

Eine gute, interessante Prämisse kann manchmal schon völlig ausreichen, um einen für ein neues Serienprojekt zu begeistern. Wenn es gelingt, eine reizvolle Grundidee einnehmend und nachvollziehbar zu präsentieren, kann man diese zweifelsohne als höchst effektive Starthilfe für eine Erzählung nutzen, die dann bestenfalls wohldurchdacht und packend weitergesponnen wird. Bleibt nur zu hoffen, dass währenddessen nicht der Treibstoff ausgeht oder dieser an Stellen verbrannt wird, deren Bedeutung falsch eingeschätzt oder vielleicht sogar überschätzt wird. Und somit wären wir nach ein paar bemühten Metaphern auch schon bei For All Mankind, einem weiteren Serienneustart des am heutigen 1. November 2019 angelaufenen Streaminganbieters Apple TV+, in dem die drei Serienschöpfer Ronald D. Moore, Matt Wolpert und Ben Nedivi ein spannendes Gedankenexperiment hinsichtlich des „Space Race“ in den 1960er Jahren zwischen den USA und der Sowjetunion bemühen. Doch, ob „For All Mankind“ auch über diesen Punkt einer starken Prämisse hinauswachsen kann, steht noch in den Sternen.

Wir schreiben das Jahr 1969 und die ganze Welt sitzt gebannt vor der Flimmerkiste ob des nächsten großen Schrittes der Menschheitsgeschichte: die Mondlandung. Zunächst entsteht der Eindruck, dass alles so abläuft, wie es uns die Geschichte gelehrt hat: Die USA festigten damals mit der bemannten Raummission Apollo 11 ihre Vorreiterrolle in der Erforschung des Weltalls und bugsierten mit den beiden Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten zwei Menschen auf den Mond. Die Welt von „For All Mankind“ sieht jedoch anders aus, denn: Hier ist es der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow (in unseren Geschichtsbüchern der erste Mensch, der außerhalb einer Raumkapsel jemals im Weltraum schwebte), der als erster Mensch überhaupt die Oberfläche des Mondes betritt, die Flagge der Sowjetunion hisst und den Triumph des marxistischen, leninistischen Lebensstils deklariert. Die USA und speziell die NASA wurden geschlagen, sie sind zu spät dran und fortan im Hintertreffen, nachdem sie von ihrem Widersacher schlechthin kurz vor dem Erreichen des großes Traumes eiskalt abgekocht wurden.

Die Überlegung ist verlockend: Das amerikanische Selbstverständnis als die Pioniere der Menschheit ist in „For All Mankind“ äußerst fragil, als Hintergrund dienen die ideologischen Spannungen des Kalten Krieges. Die Serie möchte aufzeigen, was die vorläufige Niederlage in diesem Wettrennen im Weltraum mit einer ganzen Nation, aber auch im Speziellen mit den Menschen macht, die ihr letztes Hemd gegeben hatten, um ihre ambitionierten Ziele zu erreichen. Dieser Rückschlag im direkten Duell mit der Sowjetunion hat weitreichende Konsequenzen, sowohl auf politischer als auch auf persönliche Ebene, wie der Blick auf die vielen unterschiedlichen Figuren - Astronauten, deren Angehörige, NASA-Angestellte, Wissenschaftler, Politiker - offenbart. Und da kommt der sprichwörtliche Schlips auch schon ein bisschen ins Rad. „For All Mankind“ verfolgt recht offensichtlich große Ideen und setzt dabei auf eine ebenso große Ansammlung an verschiedenen Charakteren, denen man natürlich allen gerecht werden will. Und das birgt durchaus ein gewisses Risiko in sich.

Doch widmen wir uns zunächst den positiven Vorzügen von „For All Mankind“. Grundsätzlich gefällt der Aufbau und die Einführung in diese alternative Version unserer Welt, selbst wenn man sich bei all den ideologischen Grabenkämpfen und der patriotisch-einseitig gefärbten Perspektive (die man stellenweise geschickt zu entkräften und überlegt einzuordnen versucht) hier und da vielleicht ein wenig schütteln muss. Die Serienmacher fangen den Zeitgeist jedoch glaubwürdig ein, ebenso wie das Gefühl und den Stil der Epoche, die durch eine sehenswerte Ausstattung und schicke Kulissen authentisch wiedergegeben wird. Die Pilotfolge erfüllt somit sehr ordentlich ihre Aufgabe, uns zeitlich zu verorten und erste Einblicke in die Dynamiken und Prozesse innerhalb einer Raumfahrtbehörde unter immensem Druck zu geben, aber gleichzeitig auch zentrale Figuren zu etablieren, die die Handlung von „For All Mankind“ in den nächsten Folgen vorantreiben sollen.

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Apple TV+ - © Apple TV+

Up, up and away

So folgen wir zum Beispiel dem Astronauten Edward Baldwin (Joel Kinnaman) und seinem Kollegen Gordo Stevens (Michael Dorman), die nur einen Katzensprung von der Mondlandung entfernt waren und nun in die Röhre schauen, aber sich auch bei der Ehre gepackt fühlen, sich wieder aufzurappeln und einen neuen Lebenssinn zu finden. Wir bekommen einen schnellen Überblick hinsichtlich der Entscheidungsträger bei der NASA, von dem deutschstämmigen Raketenwissenschaftler Wernher von Braun (Colm Feore) über dessen Protegé, die emsige Margo Madison (Wrenn Schmidt), bis hin zum grummeligen Chef-Koordinator Deke Slayton (Allzweckwaffe Chris Bauer), dessen Frau wiederum die Königinmutter über die Ehefrauen (unten ihnen Shantel VanSanten und Sarah Jones) aller NASA-Astronauten ist. Der Cast ist gewaltig und hervorragend besetzt, im späteren Verlauf stoßen dann noch weitere arrivierte Namen wie Jodie Balfour und Sonya Walger hinzu, die als erste weibliche Astronauten ausgebildet werden sollen, was in unserer Realität erst viele Jahre später geschah.

Das alles - die Idee, die Besetzung, die technische Umsetzung - sieht auf dem Papier sehr vielversprechend aus, doch, wie bereits erwähnt, tun sich auch Probleme auf. Bereits zu Beginn von „For All Mankind“ entsteht der Eindruck, dass sich die Figurenvielfalt früher oder später als ein unerwünschter Ballast herausstellen könnte, wodurch die Serie letztlich zu einem sehr sprunghaften Seherlebnis avanciert, das sich in der Summe zu viele Figuren und dementsprechend auch zu viele unterschiedliche Motivationen und Entwicklungsbögen aufbürdet. Man wagt sich an eine riskante Jonglage, die in den kommenden Episoden umso waghalsiger wird, wächst der Pool an Protagonisten doch nur noch weiter an. Die Folge: „For All Mankind“ erzählt zahlreiche Einzelgeschichten, die gar nicht mal so uninteressant sind und von denen jede für sich ihre ganz eigenen Reizpunkte setzen kann. Das große Ganze, ein in sich greifendes Gesamtbild sozusagen, bleibt dabei aber etwas auf der Strecke. So stellt sich unter anderem die Frage, wessen Geschichte hier eigentlich wie wirksam erzählt wird.

Hinzu kommt, dass sich das Format ein sehr ruhiges Erzähltempo auferlegt hat, das die einen als angenehm bedächtig und die anderen wiederum als unnötig schleppend bezeichnen werden. Es hilft, dass zwischendurch immer mal wieder reale Aufnahmen und Fotografien eingestreut werden, um die Erzählung etwas aufzulockern. Doch so dringend die Mission der NASA erscheint, die sowjetische Konkurrenz einzuholen und diese letztlich doch noch irgendwie zu übertrumpfen, so behäbig stellt sich ironischerweise die eigentlich umgehend geforderte Bewältigung dieser schwierigen Herausforderung dar. So kann „For All Mankind“ auch schon mal zu einer von tollen Darstellern und Darstellerinnen überzeugend dargebrachten, hervorragend gestalteten, inhaltlich aber etwas lahmen und im dichten Knäuel von Figuren feststeckenden Geduldsprobe werden, was man nach dem unmittelbaren, sehr direkten Einstieg in die Serie so eventuell nicht erwartetet hat.

Das Potential von For All Mankind, das ich persönlich als spannendsten Titel der insgesamt vier neuen Apple TV+-Serien betrachte, ist riesig, es wird sich jedoch im Laufe der zehnteiligen ersten Staffel (zum Auftakt gibt es drei Folgen auf einmal, die weiteren sieben werden wöchentlich veröffentlicht) erst noch zeigen müssen, ob man die eigenwillige Idee und die Charaktere, auf deren Rücken diese Idee getragen wird, erfolgreich zusammenbringen kann - oder ob es letztlich doch nur bei dem besagten „Was wäre wenn...“-Gedankenexperiment bleibt, das definitiv Zuschauer anlocken wird, aber darüber hinaus ausformuliert und über komplexe Charaktere ausgelebt werden muss, um nachhaltig zu beeindrucken. Ronald D. Moore, äußerst erfahren als Drehbuchautor (diverse „Star Trek“-Serien) und TV-Macher (Battlestar Galactica Outlander), hat zusammen mit seinen Kollegen Matt Wolpert und Ben Nedivi ein ordentliches Paket geschnürt, das nun erst einmal sorgfältig entpackt werden muss und dessen Inhalte stimmig arrangiert werden müssen.

Gelingt ihnen das, dann kann Apple TV+ mit dem Neustart womöglich nach den Sternen greifen. Oder aber die Mission verpufft und muss vorzeitig abgebrochen werden. Denn für das, was man hier alles schultert, benötigt es zweifellos einen langen Atem, weitsichtige Planung und einen gut gefüllten Tank.

(Sorry.)

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen US-Serie „For All Mankind“:

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