
Will Arnett ist schon ein kleiner Liebling von Streaminganbieter Netflix. Nach dem kurzen Intermezzo von Arrested Development (Netflix zeichnete für die eher durchwachsene vierte Staffel der Kultcomedy von Mitchell Hurwitz verantwortlich), ergatterte Arnett dort die Hauptsprecherrolle in der sehenswerten Animationsserie BoJack Horseman, die neben amüsanten auch viele düstere Töne anschlägt.
Ohnehin scheint die Zusammenarbeit zwischen dem Darsteller und dem Streamingunternehmen recht gut zu laufen, konnte Arnett doch vor nicht allzu langer Zeit die Dramedyserie Flaked bei seinem ständigen Kooperationspartner unterbringen. Diese entwickelte er wiederum gemeinsam mit dem Briten Mark Chappell und sie ist ab dem heutigen Freitag, den 11. März wie immer auf einen Schlag komplett abrufbar. Die erste Staffel umfasst dabei gerade einmal acht Episoden, die jeweils eine Episodenlänge von circa 30 Minuten umfassen.
The good life
Damit ist das ambitionierte „Flaked“ schon einmal dem letzten Netflix-Serienstart Love um einiges voraus, pendelten hier die Laufzeiten der einzelnen Folgen doch stets zwischen „lang“ und „viel zu lang“. „Flaked“ hat dieses Zeitproblem eher weniger und nutzt sein halbstündiges Format an und für sich geschickt aus. Der Hund liegt in der neuen Dramedy jedoch an einer anderen Stelle begraben. Oder sollte man besser von mehreren Hunden sprechen? Es lassen sich nämlich gleich mehrere Gründe finden, warum „Flaked“ nicht nur nicht besonders originell, sondern bisweilen auch nicht ganz einfach zu ertragen ist.

New challenge
In „Flaked“ folgen wir Chip (Arnett), eine Art Selbsthilfeguru für anonyme Alkoholiker, der recht ziellos im sonnigen Venice, Los Angeles in den Tag hineinlebt. Wirklich große Pläne, mit seinem Leben noch etwas Gescheites anzufangen, hat er nicht. Er strampelt viel lieber mit seinem Fahrrad durch die Gegend und betreibt nebenbei einen Stuhlladen. Als sein bester Freund Dennis (David Sullivan) ihm dann von einer neuen Dame in ihrem Viertel erzählt, die es ihm schwer angetan hat, wird es jedoch kompliziert für Chip: Denn, nachdem er die attraktive London (Ruth Kearney) persönlich getroffen hat, ist es auch um ihn geschehen. So entspinnt sich ein verzwicktes Liebesdreieck, in dem Chip die gute Freundschaft zu Dennis mit Füßen tritt, aber selbst nicht richtig weiß, was er eigentlich will.
So wie die Unentschlossenheit des Hauptcharakters, was eigentlich sein großer Plan fürs Leben ist, ist es auch die Unentschlossenheit der Serie selbst, die dem Zuschauer in „Flaked“ oftmals den Nerv rauben kann. Es spricht ja nichts dagegen, einen emotional verletzten, unsicheren Protagonisten als Hauptattraktion zu haben, ihn dabei zu begleiten, wie er sich durch alltägliche Probleme, seien es Freundschaften oder die Liebe, manövriert und vielleicht auch gar keinen wahren Sinn des Lebens sucht, sondern einfach nur existiert. Die Serie leidet aber gehörig unter dieser ermüdenden Prämisse und Ziellosigkeit, was recht schnell dazu führt, dass die Handlung, sofern man denn von einer sprechen kann, größtenteils nur so vor sich hindümpelt und das Gesehene einen schlichtweg langweilt.
Platitude problem
Man kann eine derartig banale „Slice of Life“-Geschichte ja erzählen - eine Geschichte, in der nicht besonders viel, geschweige denn Relevantes passiert -, aber dann muss man dem Publikum auch etwas bieten, das die trivialen Alltagssituationen zu etwas Besonderem macht. Sonst versandet die Geschichte schnell in der Bedeutungs- und Unterhaltungslosigkeit - was in Flaked viel zu oft der Fall ist. Wo finden wir hier das gewisse Etwas, eine originelle Idee, einen spannenden Haken? Man sucht vergeblich danach. Zumindest ganze sechs Episoden lang, bis endlich mal etwas „Aufregendes“ passiert und die Erzählung ein wenig Fahrt aufnimmt. Zwei Episoden vor dem Staffelende ist dies aber viel zu spät.
Es hätte natürlich auch geholfen, seinen Hauptcharakter etwas aufzupeppen. Bei aller Liebe für Will Arnett, Chip tut nicht besonders viel dafür, die Zuschauer für sich zu gewinnen. Seine tragische Hintergrundgeschichte, die im Laufe der ersten Staffel mehr und mehr aufgedröselt wird und noch ein paar Wendungen nimmt, sowie seine Vergangenheit als Alkoholkranker, seine Rückfälle und psychische Instabilität, sind zunächst ein interessanter, wenn auch vertrauter Nährboden für seine Charakterzeichnung. Nach wenigen Folgen geht einem der permanent gleichgültige, trauerklosartige Gesichtsausdruck Chips aber auf den Senkel, auch weil sich die Autoren oft im Kreis drehen.
Sinister intentions
Es ist nicht einfach, einen latent depressiven Charakter zu entwerfen, der eine Serie tragen kann. Der Zuschauer braucht Identifikation und muss auf irgendeinem Level eine Verbindung mit dem Protagonisten eingehen können, um Empathie für ihn oder sie zu empfinden. Für Chip spricht in „Flaked“ aber leider nicht allzu viel, was auch daran liegt, dass Chip sich teilweise dermaßen unsympathisch verhält, dass einem sein Seelenschmerz herzlich egal ist. Wird er sein Stuhlgeschäft behalten können oder fliegt er aus dem Gebäude? Es ist uns egal, weil er eh kaum Sympathiepunkte bei uns hat. Kleine bis mittelgroße Notlügen stehen bei ihm an der Tagesordnung, generell manipuliert er seine Mitmenschen, bis sich die Balken biegen. Aufgrund seiner schwierigen Vorgeschichte soll er uns aber vor allem leid tun, sein asoziales Verhalten wird nicht wirklich bestraft und er wird ständig zu einem guten Typen gemacht. Aber warum eigentlich?

Dudes
Von Beginn an möchte man uns eine innige Männerfreundschaft zwischen Chip und Dennis verkaufen,. Das funktioniert aber nicht, da uns Anzeichen einer solchen Freundschaft verwehrt bleiben. Ein paar Szenen zu Beginn der Staffel, die das besondere Verhältnis zwischen den beiden verdeutlichen, hätten mir persönlich schon gereicht, aber Chip und Dennis befinden sich von Minute eins an in einem verqueren Konkurrenzkampf miteinander, weil eine bildhübsche Frau in ihr Leben getreten ist.
Der Konflikt zwischen ihnen fühlt sich oft nicht nur extrem erzwungen, sondern auch sinnlos kindisch an. Zum Ende der Staffel möchte man das Ganze etwas retten und führt uns vor Augen, wie wichtig Dennis für Chip und Chip für Dennis ist. Doch erneut kommen Szenen wie diese viel zu spät, der Zug ist längst abgefahren. Wenn in den Augen der Autoren so das Leben zwischen zwei besten Freunden (sie werden auch nicht müde, es ständig zu betonen) aussehen soll, dann möchte man nicht wissen, was für Freundschaften die Serienschöpfer führen. Hinzu kommt das unaufhörliche Lamentieren der Charaktere über ihre first world problems. In „Flaked“ entstehen viel zu einfach zahlreiche Probleme und Konflikte, wo keine Probleme und Konflikte entstehen sollten. Auch hier gilt dann oft dasselbe, wie für die Hauptfigur: Es ist uns herzlich egal.
Doing the right thing
Nachdem Flaked bisher ordentlich sein Fett wegbekommen hat, kann man aber auch ein paar positive Punkte ins Feld führen: So präsentieren sich einige der Nebendarsteller und Nebendarstellerinnen in sehr guter Form, allen voran George Basil in der wunderbar verpeilten Rolle von Chips Kumpel Cooler. Auch die Gastauftritte von Christopher Mintz-Plasse, Mark Boone Junior oder Heather Graham gefallen gut, während Kirstie Alley aufgrund der schrecklich klischeehaften Episode, in der Dennis seine langjährigen Probleme mit seiner Mutter (Alley) angeht, eher untergeht.
Überhaupt muss man festhalten, dass „Flaked“ oft dann am meisten Spaß macht, wenn sich eben nicht alles um Chip dreht. Dennis' täglicher Überlebenskampf als Weinverkäufer oder auch Coolers schräge Eskapaden sind zumeist sehenswerter als Chips immerwährendes Selbstmitleid. Es dauert in der Tat ganze sechs Episoden, bis man eine Art Verbindung zu ihm aufgebaut hat. Ein paar interessante Entwicklungen zum Ende der Staffel sorgen dann noch dafür, dass tatsächlich mal etwas in diesem traumhaften Venice passiert, das eigentliche eine farbenfrohe Kulisse abgibt, würde man sie doch nur noch um ein paar Farbkleckse mehr bereichern.
Collateral
Zum Ende der ersten Staffel von „Flaked“ machen die Serienverantwortlichen nämlich aus ihrem Format noch eine Geschichte über die drohende Gentrifizierung von Venice, das gemeinsame Zusammenleben in einer eingeschworenen Gemeinde sowie das gegenseitige Geben und Nehmen innerhalb dieses besonderes Kreises. Doch auch dieser Aspekt fühlt sich etwas unausgegoren an. Es bot sich die Chance, ein buntes Porträt einer ethnisch vielfältigen Gemeinde zu zeichnen, mit kleinen, sympathischen Randgeschichten über Menschen, für die sich ein leicht geläuterter Chip am Ende beherzt einsetzt. Doch wie kann ich mit ihm und diesen Personen mitfühlen, wenn sie größtenteils anonym bleiben?

This just happened
Ebenfalls etwas eigenartig ist eine große Enthüllung um London in der zweiten Staffelhälfte, die eigentlich dafür sorgen sollte, dass sie und Chip sich mehr voneinander entfernen, letztlich beide aber doch näher zusammenbringt als jemals zuvor. Wieso und warum, ist für mich persönlich ein großes Rätsel, ebenso wie das Verhalten der beiden an manchen Stellen, das für mein Empfinden einfach nicht schlüssig ist. Und wahrscheinlich lässt sich hier auch ein weitere Problem der Serie finden: ihre Künstlichkeit. Man versucht auf Gedeih und Verderb, eine sehr realistische, gefühlvolle Geschichte zu erzählen, die aber immer wieder furchtbar aufgesetzt wirkt und wohl auch in einen schlanken Independent-Film gepasst hätte.
Am Ende von Flaked bleibt etwas Ernüchterung. Die Serie ist solide gefilmt (Christopher Nolans ehemaliger Go-to-Kameramann Wally Pfister führt mehrfach Regie und fungiert als Executive Producer), doch irgendwie bleibt am Ende doch eine luftleere Nummer und viele verpasste Chancen, eine Geschichte zu erzählen, die heraussticht und an die man sich erinnern wird. Wenn man irgendwie vier Stunden totschlagen will, kann man „Flaked“ schon einmal eine Chance geben, wobei man sich nicht wundern sollte, wenn man nach vier Episoden schon wieder genug von der Serie hat. Zweifel, dass sich auch hierfür ein Publikum finden wird, habe ich indes nicht. Ich selbst wollte „Flaked“ ja gerne gut finden. Dafür ist das aber alles einfach viel zu wenig.
Trailer zu „Flaked“: