Flaked 1x01

Flaked 1x01

Flaked, die neue Netflix-Serie von und mit Will Arnett, fĂ€llt leider viel zu oft in die Kategorie Durchschnittsware und schafft es nur selten, in den acht Episoden seiner ersten Staffel zu ĂŒberzeugen. Das grĂ¶ĂŸte Problem liegt dabei vor allem an der Hauptfigur selbst.

Will Arnett in „Flaked“ / (c) Netflix
Will Arnett in „Flaked“ / (c) Netflix

Will Arnett ist schon ein kleiner Liebling von Streaminganbieter Netflix. Nach dem kurzen Intermezzo von Arrested Development (Netflix zeichnete fĂŒr die eher durchwachsene vierte Staffel der Kultcomedy von Mitchell Hurwitz verantwortlich), ergatterte Arnett dort die Hauptsprecherrolle in der sehenswerten Animationsserie BoJack Horseman, die neben amĂŒsanten auch viele dĂŒstere Töne anschlĂ€gt.

Ohnehin scheint die Zusammenarbeit zwischen dem Darsteller und dem Streamingunternehmen recht gut zu laufen, konnte Arnett doch vor nicht allzu langer Zeit die Dramedyserie Flaked bei seinem stÀndigen Kooperationspartner unterbringen. Diese entwickelte er wiederum gemeinsam mit dem Briten Mark Chappell und sie ist ab dem heutigen Freitag, den 11. MÀrz wie immer auf einen Schlag komplett abrufbar. Die erste Staffel umfasst dabei gerade einmal acht Episoden, die jeweils eine EpisodenlÀnge von circa 30 Minuten umfassen.

The good life

Damit ist das ambitionierte „Flaked“ schon einmal dem letzten Netflix-Serienstart Love um einiges voraus, pendelten hier die Laufzeiten der einzelnen Folgen doch stets zwischen „lang“ und „viel zu lang“. „Flaked“ hat dieses Zeitproblem eher weniger und nutzt sein halbstĂŒndiges Format an und fĂŒr sich geschickt aus. Der Hund liegt in der neuen Dramedy jedoch an einer anderen Stelle begraben. Oder sollte man besser von mehreren Hunden sprechen? Es lassen sich nĂ€mlich gleich mehrere GrĂŒnde finden, warum „Flaked“ nicht nur nicht besonders originell, sondern bisweilen auch nicht ganz einfach zu ertragen ist.

Will Arnett und Ruth Kearney in %26bdquo;Flaked%26ldquo; © Netflix
Will Arnett und Ruth Kearney in %26bdquo;Flaked%26ldquo; © Netflix

New challenge

In „Flaked“ folgen wir Chip (Arnett), eine Art Selbsthilfeguru fĂŒr anonyme Alkoholiker, der recht ziellos im sonnigen Venice, Los Angeles in den Tag hineinlebt. Wirklich große PlĂ€ne, mit seinem Leben noch etwas Gescheites anzufangen, hat er nicht. Er strampelt viel lieber mit seinem Fahrrad durch die Gegend und betreibt nebenbei einen Stuhlladen. Als sein bester Freund Dennis (David Sullivan) ihm dann von einer neuen Dame in ihrem Viertel erzĂ€hlt, die es ihm schwer angetan hat, wird es jedoch kompliziert fĂŒr Chip: Denn, nachdem er die attraktive London (Ruth Kearney) persönlich getroffen hat, ist es auch um ihn geschehen. So entspinnt sich ein verzwicktes Liebesdreieck, in dem Chip die gute Freundschaft zu Dennis mit FĂŒĂŸen tritt, aber selbst nicht richtig weiß, was er eigentlich will.

So wie die Unentschlossenheit des Hauptcharakters, was eigentlich sein großer Plan fĂŒrs Leben ist, ist es auch die Unentschlossenheit der Serie selbst, die dem Zuschauer in „Flaked“ oftmals den Nerv rauben kann. Es spricht ja nichts dagegen, einen emotional verletzten, unsicheren Protagonisten als Hauptattraktion zu haben, ihn dabei zu begleiten, wie er sich durch alltĂ€gliche Probleme, seien es Freundschaften oder die Liebe, manövriert und vielleicht auch gar keinen wahren Sinn des Lebens sucht, sondern einfach nur existiert. Die Serie leidet aber gehörig unter dieser ermĂŒdenden PrĂ€misse und Ziellosigkeit, was recht schnell dazu fĂŒhrt, dass die Handlung, sofern man denn von einer sprechen kann, grĂ¶ĂŸtenteils nur so vor sich hindĂŒmpelt und das Gesehene einen schlichtweg langweilt.

Platitude problem

Man kann eine derartig banale „Slice of Life“-Geschichte ja erzĂ€hlen - eine Geschichte, in der nicht besonders viel, geschweige denn Relevantes passiert -, aber dann muss man dem Publikum auch etwas bieten, das die trivialen Alltagssituationen zu etwas Besonderem macht. Sonst versandet die Geschichte schnell in der Bedeutungs- und Unterhaltungslosigkeit - was in Flaked viel zu oft der Fall ist. Wo finden wir hier das gewisse Etwas, eine originelle Idee, einen spannenden Haken? Man sucht vergeblich danach. Zumindest ganze sechs Episoden lang, bis endlich mal etwas „Aufregendes“ passiert und die ErzĂ€hlung ein wenig Fahrt aufnimmt. Zwei Episoden vor dem Staffelende ist dies aber viel zu spĂ€t.

Es hĂ€tte natĂŒrlich auch geholfen, seinen Hauptcharakter etwas aufzupeppen. Bei aller Liebe fĂŒr Will Arnett, Chip tut nicht besonders viel dafĂŒr, die Zuschauer fĂŒr sich zu gewinnen. Seine tragische Hintergrundgeschichte, die im Laufe der ersten Staffel mehr und mehr aufgedröselt wird und noch ein paar Wendungen nimmt, sowie seine Vergangenheit als Alkoholkranker, seine RĂŒckfĂ€lle und psychische InstabilitĂ€t, sind zunĂ€chst ein interessanter, wenn auch vertrauter NĂ€hrboden fĂŒr seine Charakterzeichnung. Nach wenigen Folgen geht einem der permanent gleichgĂŒltige, trauerklosartige Gesichtsausdruck Chips aber auf den Senkel, auch weil sich die Autoren oft im Kreis drehen.

Sinister intentions

Es ist nicht einfach, einen latent depressiven Charakter zu entwerfen, der eine Serie tragen kann. Der Zuschauer braucht Identifikation und muss auf irgendeinem Level eine Verbindung mit dem Protagonisten eingehen können, um Empathie fĂŒr ihn oder sie zu empfinden. FĂŒr Chip spricht in „Flaked“ aber leider nicht allzu viel, was auch daran liegt, dass Chip sich teilweise dermaßen unsympathisch verhĂ€lt, dass einem sein Seelenschmerz herzlich egal ist. Wird er sein StuhlgeschĂ€ft behalten können oder fliegt er aus dem GebĂ€ude? Es ist uns egal, weil er eh kaum Sympathiepunkte bei uns hat. Kleine bis mittelgroße NotlĂŒgen stehen bei ihm an der Tagesordnung, generell manipuliert er seine Mitmenschen, bis sich die Balken biegen. Aufgrund seiner schwierigen Vorgeschichte soll er uns aber vor allem leid tun, sein asoziales Verhalten wird nicht wirklich bestraft und er wird stĂ€ndig zu einem guten Typen gemacht. Aber warum eigentlich?

Will Arnett und David Sullivan in %26bdquo;Flaked%26ldquo;. © Netflix
Will Arnett und David Sullivan in %26bdquo;Flaked%26ldquo;. © Netflix

Dudes

Von Beginn an möchte man uns eine innige MĂ€nnerfreundschaft zwischen Chip und Dennis verkaufen,. Das funktioniert aber nicht, da uns Anzeichen einer solchen Freundschaft verwehrt bleiben. Ein paar Szenen zu Beginn der Staffel, die das besondere VerhĂ€ltnis zwischen den beiden verdeutlichen, hĂ€tten mir persönlich schon gereicht, aber Chip und Dennis befinden sich von Minute eins an in einem verqueren Konkurrenzkampf miteinander, weil eine bildhĂŒbsche Frau in ihr Leben getreten ist.

Der Konflikt zwischen ihnen fĂŒhlt sich oft nicht nur extrem erzwungen, sondern auch sinnlos kindisch an. Zum Ende der Staffel möchte man das Ganze etwas retten und fĂŒhrt uns vor Augen, wie wichtig Dennis fĂŒr Chip und Chip fĂŒr Dennis ist. Doch erneut kommen Szenen wie diese viel zu spĂ€t, der Zug ist lĂ€ngst abgefahren. Wenn in den Augen der Autoren so das Leben zwischen zwei besten Freunden (sie werden auch nicht mĂŒde, es stĂ€ndig zu betonen) aussehen soll, dann möchte man nicht wissen, was fĂŒr Freundschaften die Serienschöpfer fĂŒhren. Hinzu kommt das unaufhörliche Lamentieren der Charaktere ĂŒber ihre first world problems. In „Flaked“ entstehen viel zu einfach zahlreiche Probleme und Konflikte, wo keine Probleme und Konflikte entstehen sollten. Auch hier gilt dann oft dasselbe, wie fĂŒr die Hauptfigur: Es ist uns herzlich egal.

Doing the right thing

Nachdem Flaked bisher ordentlich sein Fett wegbekommen hat, kann man aber auch ein paar positive Punkte ins Feld fĂŒhren: So prĂ€sentieren sich einige der Nebendarsteller und Nebendarstellerinnen in sehr guter Form, allen voran George Basil in der wunderbar verpeilten Rolle von Chips Kumpel Cooler. Auch die Gastauftritte von Christopher Mintz-Plasse, Mark Boone Junior oder Heather Graham gefallen gut, wĂ€hrend Kirstie Alley aufgrund der schrecklich klischeehaften Episode, in der Dennis seine langjĂ€hrigen Probleme mit seiner Mutter (Alley) angeht, eher untergeht.

Überhaupt muss man festhalten, dass „Flaked“ oft dann am meisten Spaß macht, wenn sich eben nicht alles um Chip dreht. Dennis' tĂ€glicher Überlebenskampf als WeinverkĂ€ufer oder auch Coolers schrĂ€ge Eskapaden sind zumeist sehenswerter als Chips immerwĂ€hrendes Selbstmitleid. Es dauert in der Tat ganze sechs Episoden, bis man eine Art Verbindung zu ihm aufgebaut hat. Ein paar interessante Entwicklungen zum Ende der Staffel sorgen dann noch dafĂŒr, dass tatsĂ€chlich mal etwas in diesem traumhaften Venice passiert, das eigentliche eine farbenfrohe Kulisse abgibt, wĂŒrde man sie doch nur noch um ein paar Farbkleckse mehr bereichern.

Collateral

Zum Ende der ersten Staffel von „Flaked“ machen die Serienverantwortlichen nĂ€mlich aus ihrem Format noch eine Geschichte ĂŒber die drohende Gentrifizierung von Venice, das gemeinsame Zusammenleben in einer eingeschworenen Gemeinde sowie das gegenseitige Geben und Nehmen innerhalb dieses besonderes Kreises. Doch auch dieser Aspekt fĂŒhlt sich etwas unausgegoren an. Es bot sich die Chance, ein buntes PortrĂ€t einer ethnisch vielfĂ€ltigen Gemeinde zu zeichnen, mit kleinen, sympathischen Randgeschichten ĂŒber Menschen, fĂŒr die sich ein leicht gelĂ€uterter Chip am Ende beherzt einsetzt. Doch wie kann ich mit ihm und diesen Personen mitfĂŒhlen, wenn sie grĂ¶ĂŸtenteils anonym bleiben?

Will Arnett in %26bdquo;Flaked%26ldquo;. © Netflix
Will Arnett in %26bdquo;Flaked%26ldquo;. © Netflix

This just happened

Ebenfalls etwas eigenartig ist eine große EnthĂŒllung um London in der zweiten StaffelhĂ€lfte, die eigentlich dafĂŒr sorgen sollte, dass sie und Chip sich mehr voneinander entfernen, letztlich beide aber doch nĂ€her zusammenbringt als jemals zuvor. Wieso und warum, ist fĂŒr mich persönlich ein großes RĂ€tsel, ebenso wie das Verhalten der beiden an manchen Stellen, das fĂŒr mein Empfinden einfach nicht schlĂŒssig ist. Und wahrscheinlich lĂ€sst sich hier auch ein weitere Problem der Serie finden: ihre KĂŒnstlichkeit. Man versucht auf Gedeih und Verderb, eine sehr realistische, gefĂŒhlvolle Geschichte zu erzĂ€hlen, die aber immer wieder furchtbar aufgesetzt wirkt und wohl auch in einen schlanken Independent-Film gepasst hĂ€tte.

Am Ende von Flaked bleibt etwas ErnĂŒchterung. Die Serie ist solide gefilmt (Christopher Nolans ehemaliger Go-to-Kameramann Wally Pfister fĂŒhrt mehrfach Regie und fungiert als Executive Producer), doch irgendwie bleibt am Ende doch eine luftleere Nummer und viele verpasste Chancen, eine Geschichte zu erzĂ€hlen, die heraussticht und an die man sich erinnern wird. Wenn man irgendwie vier Stunden totschlagen will, kann man „Flaked“ schon einmal eine Chance geben, wobei man sich nicht wundern sollte, wenn man nach vier Episoden schon wieder genug von der Serie hat. Zweifel, dass sich auch hierfĂŒr ein Publikum finden wird, habe ich indes nicht. Ich selbst wollte „Flaked“ ja gerne gut finden. DafĂŒr ist das aber alles einfach viel zu wenig.

Trailer zu „Flaked“:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 11. MÀrz 2016

Flaked 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Flaked 1x01)
Titel der Episode im Original
Westminster
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 11. MĂ€rz 2016 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 11. MĂ€rz 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 11. MĂ€rz 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 11. MĂ€rz 2016
Regisseur
Wally Pfister

Schauspieler in der Episode Flaked 1x01

Darsteller
Rolle
David Sullivan
Ruth Kearney
Lina Esco

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?