Five Days At Memorial 1x01

© era Farmiga in der Serie Five Days At Memorial - hier unser Review zu den ersten drei Episoden. (c) Apple TV+
Im Spätsommer 2005 traf der Hurrikan Katrina auf New Orleans, Louisiana. Fast 2000 Menschen kamen durch den Sturm und seine Folgen ums Leben. Zwar handelte es sich um eine Naturkatastrophe, doch es wurden auch Entscheidungen getroffen, die verheerende Konsequenzen mit sich brachten. In der neuen Miniserie Five Days At Memorial bei Apple TV+ konzentriert man sich auf ein spezielles Krankenhaus, das damals in den tödlichen Fluten versank. Auch hier musste das Personal Dinge entscheiden, die sie wahrscheinlich bis heute um den Schlaf bringen.
Im Zentrum steht die Chirurgin Dr. Anna Pou, gespielt von Vera Farmiga (Bates Motel, American Horror Story). Stellvertretend für ihre gesamte Kollegschaft saß sie später auf der Anklagebank, weil man ihr Euthanasie vorwarf, zu der es angeblich gekommen sei, weil einige Patient:innen nicht evakuiert werden konnten. Die Serie zeigt uns, in welch unglaublich belastenden Umständen sich Pou und Co befunden haben. Die Showrunner John Ridley („12 Years a Slave“) und Carlton Cuse (Lost, Tom Clancy's Jack Ryan) zeichnen das bis dato schockierendste Bild der Katastrophe.
Als Vorlage zum Achtteiler, von dem heute die drei ersten Episoden erschienen, dient das gleichnamige Sachbuch der Journalistin Sheri Fink, die den Fall akribisch recherchiert hat. Zum Cast gehören auch Adepero Oduye (The Falcon and the Winter Soldier), Cornelius Smith Jr. (Scandal), Julie Ann Emery (Better Call Saul), Cherry Jones (Succession), Molly Hager (Happyish), Michael Gaston (Blindspot), Joe Carroll (Ordinary Joe) und Robert Pine („CHiPs“).
Worum geht's?
Das Unheil nimmt seinen Lauf, wie es echten Leben am ehesten geschieht, nämlich, indem niemand wirklich daran glaubt, wie schlimm es werden könnte. Die Belegschaft des Krankenhauses hat schon manchen Hurrikan überstanden. Für sie ist das Chaos, wenn sie sich auf eine extralange Notschicht einstellen und auch ihre Haustiere mit zur Arbeit nehmen, damit sie nicht allein bleiben, fast schon Routine. Für Dr. Pou ist dies aber der erste Sturm, weshalb sie das Durcheinander noch beunruhigt. Sie ist auf jeden Fall bereit, sich nützlich zu machen, um die Schwächsten zu beschützen.
Jetzt das Angebot von Apple TV+ entdecken
Als der eigentliche Hurrikan nach einem Tag vorbei ist, breitet sich rasch Erleichterung aus. Da ahnen die Mitarbeiter:innen des Memorial allerdings noch nicht, dass ihnen das Schlimmste erst bevorsteht. Als nämlich die ersten Dämme der Stadt brechen, zeichnet sich ab, dass nicht nur der Keller, sondern auch das Erdgeschoss geflutet werden könnten. Dummerweise stehen die Notfallgeneratoren dort, sodass ein totaler Stromausfall unvermeidbar scheint. Und ein Krankenhaus ohne Strom und sauberes Leitungswasser ist keine medizinische Einrichtung mehr, sondern eine Todesfalle...

Susan Mulderick, gespielt von der großartigen Cherry Jones, ist die Erste, die das volle Ausmaß der Gefahr erkennt. Auch ist sie in solchen Situationen für das Krisenmanagement tätig. Nur leider findet sie im Handbuch der Worst-Case-Szenarien kein einziges Kapitel zur Evakuierung der Einrichtung bei einem Hochwasser (dafür gibt es natürlich zig Pläne gegen Terroranschläge und Amokläufe). Auch die Nationalgarde kann dem Memorial kaum helfen, weil einfach zu viele SOS-Signale gleichzeitig in der Stadt gesendet werden. Zumal ein Drittel der Soldat:innen gerade im Irak stationiert ist.
Jetzt das Angebot von Apple TV+ entdecken
Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Außerdem breiten sich auf den überfluteten Straßen längst die übelsten Gerüchte über Plünderungen und Vergewaltigungen durch Gangs aus. Die Serienmacher Ridley und Cuse, die gemeinsam auch das Drehbuch schrieben und die aufwendige Inszenierung übernahmen, schaffen es, die allgemeine Überforderung, die damals aus den distanzierten Nachrichtenbildern nur zu vermuten war, lebensecht widerzuspiegeln. Aber auch die moralischen Dilemmata, die sich durch Themen wie Triage und Euthanasie auftun, behandeln sie schmerzlich mitfühlbar.
Wie ist es?
Obwohl Katrina im nationalen Gedächtnis der USA noch so präsent ist, gab es bislang kaum sehenswerte filmische Aufarbeitungen der Katastrophe. Zuletzt sollte es ja eine Staffel der Anthologieserie American Crime Story geben, die sich um die Schuld der politischen Verantwortlichen gedreht hätte. Warum das Projekt nicht realisiert wurde, wissen wir nicht. Und so bleiben eigentlich nur die Filme „Hours - Wettlauf gegen die Zeit“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, die dem historischen Ereignis kaum gerecht werden (bei „Benjamin Button“ spielt Katrina eh nur eine Nebenrolle).
Ansonsten kann man vielleicht noch das oft übersehene HBO-Drama Treme von Kritikerliebling David Simon (The Wire) nennen, das im New Orleans nach dem Desaster spielt. Dank Apple TV+ haben wir mit Five Days At Memorial nun aber auch eine Serie, die wirklich die Katastrophe direkt dokumentiert. Dass der Fokus dabei ganz nah auf nur ein Krankenhaus gelegt wird, ist sicher eine kluge Entscheidung. Ein Rundumschlag aller Tragödien, die sich damals ereigneten, hätte sich womöglich wieder zu distanziert angefühlt (eben wie die Nachrichten).
In den drei ersten Episoden der achtteiligen Miniserie fühlt man sich hin und wieder an Chernobyl erinnert, die vielleicht stärkste Serie im Jahr 2019. Das amerikanische Dokudrama über den sowjetischen Super-GAU von 1986 stellte ähnliche Fragen wie nun Ridley und Cuse. Was musste alles zusammenkommen, dass ein solches Unglück überhaupt möglich war? Ist die menschliche Natur zu fehleranfällig oder ist es eine Systemfrage, wenn schlechte Vorbereitung auf die Unfähigkeit trifft, Verantwortung zu übernehmen? Und was ist mit denen, die dann doch Verantwortung übernehmen und unendlich schwierige Entscheidungen treffen? Dürfen wir diese Menschen überhaupt verurteilen?
Man kann nur hoffen, dass die neue Apple-Miniserie diese Fragen nicht zu simpel, sondern möglichst differenziert beantwortet - oder besser noch dem Publikum selbst die Antwort überlässt. Kluge Serien regen zum Denken an. Ob „Five Days At Memorial“ klug ist, wissen wir noch nicht. Klar ist nach dem Auftakt nur, dass die Serie eine emotionale Wucht entfaltet.
Hier abschließend der Trailer zur Apple-Miniserie Five Days At Memorial:
Verfasser: Bjarne Bock am Freitag, 12. August 2022Five Days At Memorial 1x01 Trailer
(Five Days At Memorial 1x01)
Schauspieler in der Episode Five Days At Memorial 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?