Fargo 2x10

Fargo 2x10

Die Episode Palindrome bildet den Abschluss der wunderbaren Reise, auf die uns die Anthologieserie Fargo in diesem Jahr geschickt hat. Manch eine Geschichte kommt zu einem überraschenden, manch andere zu einem erwartbaren Ende - sie alle funktionieren jedoch makellos.

Frohgemut und verzagt - Peggy (Kirsten Dunst) und Ed (Jesse Plemons) bewegen sich stur in unterschiedlichen Sphären. / (c) FX
Frohgemut und verzagt - Peggy (Kirsten Dunst) und Ed (Jesse Plemons) bewegen sich stur in unterschiedlichen Sphären. / (c) FX

Wie es gelingen kann, auf Zuschauerseite innerhalb von nur einer Staffel so viel Identifikation mit den Hauptfiguren einer Serie zu generieren, damit am Ende große Emotionen geweckt werden, beweist die Finalepisode Palindrome in beeindruckender Manier. Die herausragende zweite Staffel kommt damit zum Ende, und gleich zu Beginn der Folge war es mir nahezu unmöglich, vom Gesehenen nicht zutiefst bewegt zu sein. Hawley nutzt einen einfachen Kniff, um uns Zuschauer mit dem emotionalen Vorschlaghammer zu traktieren.

There was happiness there

Hauptdarsteller Patrick Wilson spricht in der Eingangssequenz die berühmten Worte, die schon in der Filmvorlage und in allen bisherigen Episoden zu lesen waren. In der Reihenfolge ihrer Todeszeitpunkte sehen wir die Gefallenen des Gerhardt-Clans, zu denen außer dem im Gefängnis sitzenden Charlie alle gehören, die wir kennengelernt haben. Auch wenn Lou Solverson dabei hörbar unwohl ist, so schafft er es doch, die Fassung zu wahren. Als er jedoch an die Stelle „out of respect for the dead“ gelangt, bricht seine Stimme ein und ein trauriger Seufzer ist zu hören.

Wir Zuschauer sehen währenddessen seine krebskranke Ehefrau Betsy (Cristin Milioti), die mit ihrer Tochter Molly (Raven Stewart) im Bett liegt, während Noreen (Emily Haine) Camus-lesend über sie wacht. Und als wäre das noch kein ausreichender emotionaler Magenschlag, nimmt uns Molly mit in einen Traum, der ihre Zukunft vorzeichnet - bis zu dem Zeitpunkt, den wir bereits aus der ersten Staffel kennen. Neben dem großen Glück, Allison Tolman, Colin Hanks und Keith Carradine noch einmal in ihren Rollen zu sehen, liefert diese Sequenz eine Klammer für die Geschichte der Solversons, die am Ende der Episode endgültig geschlossen wird.

Vor diesem Finale war für mich die spannendste Frage nicht etwa, ob Hanzee die Blomquists einfängt oder Lou den ehemaligen Gerhardt-Getreuen, sondern ob der aufrichtige Polizist rechtzeitig nach Hause zurückkehren würde, um seiner sterbenden Ehefrau Lebewohl sagen zu können. Nicht nur das bekommen wir, sondern noch so viel mehr - was aber immer noch nicht als Happy End bezeichnet werden kann, wissen wir doch, dass Betsy sterben wird. Dafür darf der von seiner Schusswunde genesene Hank (Ted Danson) erläutern, was die Zeichnungen zu bedeuten haben, die Betsy in seinem Arbeitszimmer gefunden hat.

Während Lou (Patrick Wilson) und Betsy (Cristin Milioti) ihr verdientes Ende bekommen;... © FX
Während Lou (Patrick Wilson) und Betsy (Cristin Milioti) ihr verdientes Ende bekommen;... © FX

Die faktische Bestätigung durch Lou, dass es tatsächlich ein Raumschiff war, das Bear davon abgehalten hat, ihn umzubringen, hätte den einfachen Schluss zugelassen, dass Hank tatsächlich nach einem Weg sucht, um mit den Außerirdischen zu kommunizieren. Seine wahre Intention ist jedoch so viel reiner und schöner: nach dem Tod seiner Ehefrau machte er sich Gedanken darüber, was der Auslöser für menschliche Konflikte auf jeglicher Ebene sein könnte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass es den Menschen an ausreichend eindeutiger Kommunikation mangelt. Und so machte er sich daran, eine universelle Sprache zu entwickeln, die statt aus Buchstaben aus Zeichen besteht: „Pictures are clearer than words.

We're put on this Earth to do a job

Betsy belohnt ihn dafür mit einem Kompliment, das schlichter und wahrer kaum sein könnte: „You're a good man.“ Da sitzt sie nun zwischen den beiden Männern in ihrem Leben, die ihr am meisten bedeuten, und weiß vielleicht längst, wie recht ihr Vater mit seiner Theorie hat. Auch wir Zuschauer könnten das schon gewusst haben, schließlich hat es uns Noah Hawley in seiner Geschichte mehrmals vorgeführt. Darin waren es stets diejenigen Figuren, die am eindeutigsten miteinander kommuniziert haben, die überlebten. Die Gerhardts mit ihren innerfamiliären Querelen logen sich stets gegenseitig an, um daraus einen Vorteil für sich zu ziehen. Gefunden haben sie allesamt nur den Tod.

Auch für Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomquist (Jesse Plemons), die beide in unterschiedlichen Ehen miteinander feststeckten, geht die Reise nicht gut aus. Mit seinen letzten Zügen spricht Ed noch einmal den einzigen Lebenswunsch aus, den er jemals hatte: „Get back to what we had.“ Er hat nie verstanden, dass Peggy nicht die Frau ist, mit der er diesen Lebenswunsch erfüllen können wird. Das verdeutlichen die letzten Minuten ihrer gemeinsamen Zeit im Kühlhaus vielleicht mehr als alles Vorangegangene. Sie ist dabei in einer filminduzierten Fantasie gefangen, was ihrem Handlungsbogen einen tragischen Einschlag gibt.

Bisher war alles, was sich Peggy so zusammengesponnen hat, immer ziemlich lustig. Sie in rein wahnsinnigem Zustand zu sehen, ist aber nur noch traurig. Es ist diese außergewöhnliche Mischung, die Fargo wie kein anderes Format herzustellen imstande ist. Das Abdriften von Peggys Geschichte in Richtung Drama findet hernach seine Fortsetzung bei ihrer Heimfahrt als Gefangene von Lou. Er erzählt dabei eine seiner vielen eindrücklichen Kriegsgeschichten, wovon sie aber irgendwie unberührt bleibt, weil sie schon wieder plant, im sonnigen Kalifornien statt im verschneiten Minnesota eingebuchtet zu werden. Hier ist das nicht mehr komisch, nur noch tragisch. Entsprechend kurz ist denn auch Lous Geduldsfaden, was nicht unbedingt bedeutet, dass ihr feministischer Monolog völlig unbegründet ist.

...bekommt Mike Milligan (Bokeem Woodbine) ein ernüchterndes. © FX
...bekommt Mike Milligan (Bokeem Woodbine) ein ernüchterndes. © FX

Lou ist nur noch daran interessiert, nach Hause zu kommen. Bei erster sich bietender Gelegenheit ruft er dort an und erhält von Noreen die nur minimal beruhigende Nachricht, dass es Betsy den Umständen entsprechend gut gehe. Patrick Wilson war in sämtlichen Episoden dieser Staffel in bestechender Form, im Finale kann er selbst aus dieser makellosen schauspielerischen Leistung noch ein zusätzliches Tröpfchen darstellerischer Raffinesse pressen. Seinen stimmlichen Zusammenbruch hatte ich bereits erwähnt - genauso toll ist aber seine Darbietung in der Telefonzelle.

Great empires fall and are forgotten

Am Ende sagen sich er und Betsy wieder gute Nacht, wie sie es schon in der Auftaktepisode getan hatten, womit wir Zuschauer im Unklaren darüber gelassen werden, wann genau sie sterben wird. Für mich hinterlässt diese Ambivalenz keinerlei schalen Beigeschmack. Im Gegenteil: Dieses Ende ist für mich stärker als eine etwaige Gewissheit über Betsys Tod. Ambivalenz ist derweil auch in anderen Handlungsbögen zu finden, wobei zwischen den beiden die Balance zwischen Comedy und Drama erneut fein säuberlich austariert wird.

Mike Milligan (Bokeem Woodbine) darf sich dabei nur kurz als König von Fargo fühlen, bevor er von seinem Chef Hamish Broker (Adam Arkin, der in dieser Episode auch Regie führte) zurechtgewiesen wird. Sein Platz ist fortan ein winziges Büro in der riesigen Geldmaschinerie aus Kansas City. „This is the future“, proklamiert Hamish enthusiastisch, kann Mike damit aber überhaupt nicht anstecken. All das Blutvergießen für zukünftiges Kopfzerbrechen darüber, wie man Produktionsprozesse effizienter gestalten kann? Das darf doch nicht wahr sein!

Mitleid brauchen wir für den kaltblütigen Mörder deshalb nicht empfinden, eher diebische Schadenfreude. Meine Gefühlslage gegenüber Hanzee (Zahn McClarnon) gestaltet sich indes noch komplizierter - auch er ist ein Massenmörder, wurde aber stets als jemand gezeichnet, der sich für vergangenes Unrecht revanchiert. Nach dem Massaker in Sioux Falls entschließt er sich zur Flucht sowie zur Annahme einer neuen Identität, womit ein versteckter Brückenschlag zur ersten Staffel gelingt, wie Kollege Sepinwall hier lesenswert nachweist.

Wer hätte erwartet, dass es diese zweite Staffel schaffen würde, die sowieso schon grandiose erste zu überflügeln? Den tollen Figuren ließen Hawley und Konsorten noch ein bisschen tollere folgen, die Dialoge wurden verfeinert, die visuelle Umsetzung noch anspruchsvoller gestaltet. Auf Schauspielgrößen wie Martin Freeman und Billy Bob Thornton und die Entdeckung Allison Tolman folgten ebenso fähige, nun endlich den großen Durchbruch geschafft habende Könner wie Wilson, Woodbine und Plemons sowie arrivierte wie Jean Smart, Jeffrey Donovan, Ted Danson und Kirsten Dunst. Wieder war es eine wunderbare Reise ins verschneite Fargo, nach Luverne und Sioux Falls - mögen noch viele davon kommen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 15. Dezember 2015

Fargo 2x10 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 10
(Fargo 2x10)
Deutscher Titel der Episode
Palindrom
Titel der Episode im Original
Palindrome
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 14. Dezember 2015 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 16. Dezember 2015
Autor
Noah Hawley
Regisseur
Adam Arkin

Schauspieler in der Episode Fargo 2x10

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