„Fantasmas“ mit Emma Stone und Dylan O'Brien ist die beste Serie des Jahres, die keiner schaut

© HBO
Wie im letzten Jahr The Curse von Nathan Fielder, ist 2024 wohl Fantasmas von Julio Torres die schillerndste Serienperle, die die meisten Menschen nie entdecken werden. Beide Kritikerlieblinge haben mit Emma Stone ein verbindendes Element, das ihrer Strahlkraft nur zugutekommt. Doch: Worauf sich die Oscarpreisträgerin diesmal eingelassen hat, ist schwer in Worte zu fassen - dennoch werden wir unser Bestes versuchen...
„Fantasmas“ kann man endlich auch in Deutschland sehen
In den USA flimmerte „Fantasmas“ bereits im Sommer bei HBO über die Bildschirme. Hierzulande hatten die wenigen Julio-Torres-Fans jedoch kaum Hoffnung, dass es die kleine Serie über den großen Teich schaffen würde. Schließlich kam schon sein vorheriges Werk, Los Espookys, nie nach Deutschland. Umso erfreulicher, dass der Pay-TV-Sender Sky Atlantic nun Mut bewiesen hat: Am Samstag, den 30. November, wurden alle sechs Folgen am Stück ausgestrahlt.
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Daher ist Staffel eins von „Fantasmas“ jetzt auch über die dazugehörigen Streamingdienste Sky Go, Sky Q und WOW abrufbar - wahlweise auf Deutsch oder in der englischsprachigen Originalfassung. Untertitel gibt es ebenfalls. Sehr löblich, wie sehr sich Sky für diesen Titel ins Zeug gelegt hat, wenn man bedenkt, dass vermutlich nur einige hundert Abrufe zustande kommen werden.
Warum Ihr „Fantasmas“ unbedingt eine Chance geben solltet
Bevor wir den Versuch wagen, den fiebertraumartigen Kosmos von „Fantasmas“ inhaltlich aufzuarbeiten, werfen wir einen Blick auf den absolut herausragenden Cast. Welche Weltstars Torres für dieses Projekt gewinnen konnte, ist geradezu wahnwitzig, ebenso wie die Rollen, in denen sie glänzen. Neben Stone, die auch als Produzentin hinter den Kulissen aktiv war, sind unter anderem Dylan O'Brien (Teen Wolf, „Maze Runner“), Paul Dano (Escape at Dannemora, „The Batman“), Alexa Demie (Euphoria), Kim Petras, Steve Buscemi (Boardwalk Empire) und Tilda Swinton mit von der Partie.
Wir haben lange über das Dilemma nachgedacht, ob man einige der überraschenden Gastauftritte spoilern sollte. Einerseits entfalten sie natürlich dann ihre volle Wirkung, wenn man sie völlig unvorbereitet erlebt. Andererseits besteht die Gefahr, dass sie nie gewürdigt werden, weil die Serie nicht genug Aufmerksamkeit erhält. Also ein kleiner Einblick: Dano spielt in einer surrealen ALF-Parodie namens „Melf“ mit, in der er eine überraschend explizite Liebesbeziehung mit dem Alien eingeht. Und Swinton? Sie verkörpert - kein Scherz - Toilettenwasser. Und damit läuft sich „Fantasmas“ gerade erst warm...

Was zur Hölle passiert hier eigentlich?
Julio Torres spielt in „Fantasmas“ einen Mann, der nicht ins System passt. Schon seit seiner Kindheit ist er anders: Nach einem Blitzschlag entwickelte er die Fähigkeit, die Farbe Gelb zu riechen. Er sieht auch durch die Gitterstäbe der dreidimensionalen Welt hindurch. Sein größtes Problem ist jedoch der fehlende Fokus in seinem Leben - während er sich mit den unwichtigsten Anliegen beschäftigt, fliegen ihm die großen Probleme um die Ohren, ohne dass er es bemerkt.
Zum Glück steht ihm seine Agentin Vanesja zur Seite - oder so scheint es zumindest... Tatsächlich ist Vanesja eine method actress, die einfach seit Jahren in der Rolle einer Agentin feststeckt. Martine Gutierrez ist in dieser Rolle eine echte scene stealer und gleicht mit ihrer Coolness sogar die leichte Nervigkeit des Protagonisten aus. Zusätzlich kann er sich auf seinen hilfreichen Roboter Bibo (Joe Rumrill) verlassen, der immer wieder zur Rettung beiträgt, bis er eigene Ambitionen verfolgt...
„Fantasmas“ spielt in einer futuristisch anmutenden Parallelwelt, die soziale Themen der Realität auf absurde und verzerrte Arten und Weisen darstellt. Das Abenteuer wirkt wie eine moderne und übrigens auch sehr queere Version von „Alice im Wunderland“, zumal die Geschichte oft von einer seltsamen Begegnung oder einem skurrilen Sketch zur/zum nächsten gleitet. Das Beste daran? Es bleibt immer unvorhersehbar - ein sprudelnder Brunnen der Kreativität!

Ein großer Kommentar auf den Hollywood-Streik
Zum Ende der Staffel sammelt sich dann die vermeintlich diffuse Serie, um einen überraschend präzisen Punkt zu setzen. Ganz subtil spinnt Julio Torres einen großen Kommentar zur Zäsur, die Hollywood im Jahr 2023 erlebt hatte: der Streik, der die Industrie monatelang lahmlegte. Obwohl damals eine Verhandlungslösung gefunden wurde, schweben Fragen zu KI und digitaler likeness weiterhin wie ein Damoklesschwert über den kreativen Köpfen.
Torres widmet sich auch dem zynisch durchkommerzialisierten Superheldengenre und entlarvt es als kreative Sackgasse. Dabei gelingt „Fantasmas“ genau das, woran die HBO-Serie The Franchise noch gescheitert war. Doch Fantasmas macht es nicht nur besser, sondern tut dies scheinbar beiläufig - und gleichzeitig ist die Serie noch hundert andere großartige Dinge gleichzeitig...
Trotz aller Kritik endet Torres' Werk auf einer hoffnungsvollen Note: In seiner Fantasie triumphiert das Gute. Echte Kunst findet ihre Nische in einer Welt der kalten Zahlen; und Menschen, die sich nirgends zugehörig fühlen, werden für ihre Andersartigkeit gefeiert statt ausgestoßen.
„Fantasmas“ ist schlichtweg fantastisch - und verdient daher die volle Punktzahl: fünf von fünf Austern!