
Schon die Auftaktepisode The Box der neuen HBO-Comedyserie Family Tree sprüht vor unterschwelligem Humor und selbstironischen Andeutungen. In typisch englischer Art stellen beinahe alle Charaktere tragische Figuren dar. Keiner der Protagonisten porträtiert die phlegmatische Traurigkeit jedoch besser als Chris O'Dowd in seiner Rolle als Tom Chadwick.
Good, you know. Crying myself to sleep.
Die Serie bedient sich eines Stilmittels, das heutzutage schon fast zur Standardausstattung diverser Comedyformate gezählt werden kann: der direkten Kommunikation mit der Kamera. Ob Family Tree dieses überhaupt nötig gehabt hätte und wie sehr sich die Erzähler darauf ausruhen können, dass die Charaktere ihre Lebensgeschichte dem Zuschauer im Zwiegespräch näherbringen, ist eine Streitfrage, die einen eigenen Artikel verdient hätte. Sicherlich sparen sich die Produzenten damit wertvolle Screentime, die eleganteste dramaturgische Lösung ist dieser Kniff jedoch nicht.

In diesem Punkt hat sich die negative Kritik an Family Tree dann auch schon erschöpft. Denn der leise Witz, den die Protagonisten mit ihrer dauerschwelenden Traurigkeit kombinieren, macht sie zu wunderbar warmen Charakteren, denen der Zuschauer sofort seine Sympathien entgegenbringt. O'Dowd ist ein Meister seines Faches, sein hundsäugig untermaltes Dauerphlegma wird nur noch von seiner Fähigkeit zur Selbstironie übertroffen. Oftmals bleibt der Zuschauer im Unklaren darüber, ob sich sein Tom Chadwick nun über sich selbst oder sein Gegenüber lustig macht.
Der 30-jährige Tom macht sich gemeinsam mit seiner Schwester Bea (Nina Conti) und deren Lebensgefährtin, einer Handaffenpuppe, auf den Weg zu seinem Vater Keith (Michael McKean), der sie überraschend zum Mittagessen eingeladen hat. Ihre Spekulationen über den ungewöhnlichen Schritt reichen über genuine Besorgtheit bis zu offener Süffisanz: „Do you think he's just gonna say: I murdered her.“ Die Rede ist dabei von der etwas vulgären neuen Ehefrau des Vaters, Luba (Lisa Palfrey).
Beim Essen stellt sich jedoch schnell heraus, dass jegliche Sorgen unbegründet waren. Dem Vater, einem ehemaligen Wächter des Tower of London („Yeoman Warder“) und ambitionierten, wenngleich glücklosen Hobbyerfinder, geht es bestens. Er hat lediglich die Nachricht zu verkünden, dass die den Kindern unbekannte Großtante Victoria gestorben sei. Die sowieso schon geheuchelte Beklemmung weicht schnell einem etwas zu euphorischen Enthusiasmus, als der Vater ihnen eröffnet, die Tante habe ihnen etwas hinterlassen.
It's sad seeing a man of that size crying like a little baby
Das Hinterlassene liefert dann jedoch erneut einen Grund zum tieferen Abdriften in die sublime Depression - oder, wie Tom es nennt: „wallowing“. Er bekommt eine Kiste voller nostalgischem Schrott vererbt. Als er sich einige Stunden später aber aus lauter Langeweile über das Fernsehprogramm doch der Box widmet, erhascht eine imposante Fotografie seine Aufmerksamkeit. Vater Keith spekuliert darüber, der darauf abgebildete Armeeangehörige könnte Toms Urgroßvater Harry Chadwick sein.

Das Interesse des arbeits- und frauenlosen Tom - er hat seinen „sexy“ Job bei einer Risikomanagementfirma verloren und ihm wurde von seiner Exfreundin das Herz gebrochen - ist fortan geweckt und so macht er sich gemeinsam mit seinem besten Kumpel Pete Stupples (Tom Bennett) auf die Suche nach der Identität des stolzen Vollbartträgers. Diese führt ihn zuerst zum liebenswürdigen, alten Antiquitätenhändler Mr. Pfister („Mr. Pfister's Bits & Bobs“, gespielt von Jim Piddock), der ihn an den skurrilen alten Bilderexperten Neville St. Aubrey (Christopher Fairbank) verweist.
Dessen Rechercheeifer ist sogleich geweckt und, als er Tom einige Tage später mit den Ergebnissen seiner Nachforschungen überraschen will, ist dieser sogleich Feuer und Flamme. Die Ernüchterung folgt jedoch schnell, als Neville ihm offenbart, dass der auf der Fotografie Abgebildete gar nicht sein Urgroßvater ist, sondern Prince George, der damalige Duke of Cambridge. Die Identität seines echten Urgroßvaters liefert Neville jedoch inklusive Abbildung mit: Der Mann war Chinese.
Fazit
Einige kürzere Erzählfacetten haben in diesem Review keinen Platz gefunden. Toms Schwester Bea hinterlässt ein etwas ambivalentes Gefühl beim Rezensenten. Hier könnte vermutet werden, dass die Drehbuchautoren Christopher Guest und Jim Piddock unbedingt einen Charakter einbauen wollten, der vollständig in einer eigenen Welt existiert. Wegen des Affen kommt es dann jedoch einige Male zu mehr (am Essenstisch) oder weniger (in der Bank) witzigen Pointen.
Nötig war dieses künstlich eingebaute Comedyinstrument nicht wirklich, denn die Chemie zwischen den Hauptdarstellern ist für eine Pilotepisode wahrlich außergewöhnlich. Vor allem das back-and-forth zwischen Tom und seinem Sandkastenfreund Pete ist absolut sehenswert und zeugt von der großen Schauspielkunst der beiden Darsteller. Family Tree führt exemplarisch vor, was so vielen lieblosen Networksitcoms an wahrer Komödie abgeht: die bis in die kleinsten Details ausmodellierte Charakterzeichnung.
Kombiniert man diese mit einem solch exzellenten Drehbuch und herausragenden Schauspielern, erhält man am Ende eine so charmante Comedy wie die vorliegende: leiser Witz, liebenswerte Charaktere. Keine Extreme, sondern solides Storytelling, kein lautes Geschrei, sondern unterschwelliger Humor, keine Slapstickeinlagen, sondern aufrichtiges Interesse und Zuneigung für die eigenen Figuren.
Als gutes Beispiel hierfür lässt sich die Datingszene zwischen Tom und Ally (Amy Seimetz) anführen. Sie ist ein leicht dämliches, gutgläubiges und endlos naives Plappermaul. Tom ist sofort genervt, macht in seinem unendlichen Phlegma jedoch keinerlei Anstalten, die Verabredung frühzeitig zu unterbrechen. Er erträgt. Stoisch. „I'll take that carrot cake now.“