Families Like Ours - Nur mit Euch: Diese Pilotfolge ist quälend langsam inszeniert

Families Like Ours - Nur mit Euch: Diese Pilotfolge ist quälend langsam inszeniert

Die dystopische Near-Future-Miniserie „Families Like Ours - Nur mit Euch“ ist in Deutschland gestartet. Doch: Muss man diese unbedingt gesehen haben?

Szenenfoto aus der Serie „Families Like Ours - Nur mit Euch“
Szenenfoto aus der Serie „Families Like Ours - Nur mit Euch“
© Zentropa Entertainments, StudioCanal, CANAL+, TV 2, ARD Degeto Film, Per Arnesen

Das passiert in der Serie „Families Like Ours - Nur mit Euch“

Die Klimakatastrophe nimmt in der nahen Zukunft in der Dramaserie Families Like Ours – Nur mit Euch so dramatische Ausmaße an, dass sich die dänische Regierung für eine Evakuierung des Landes entscheidet. Inmitten des Chaos versuchen Laura und ihre Familie einen Weg zu finden, gemeinsam zu überleben und sich irgendwo in Europa eine neue Existenz aufzubauen...

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Klimakatastrophe

Auch wenn es viele Menschen nicht gerne hören möchten oder sogar gänzlich verdrängen, sind der Klimawandel und die damit verbundenen Folgen eine reale Bedrohung für die Menschheit. Wissenschaftliche Studien weisen darauf hin, dass der Meeresspiegel um insgesamt über 70 Meter steigen würde, wenn die circa 30 Millionen km3 umfassende Eismasse des Planeten komplett schmelzen würde. Ein Meeresspiegelanstieg von „nur“ 60 Metern würde reichen, um Dänemark, große Teile der Niederlande sowie die gesamte Nordküste Deutschlands im Meer versinken zu lassen.

Dieser brisanten Daten bedient sich Oscar-Preisträger Thomas Vinterberg („Der Rausch“), um in seiner siebenteiligen dystopischen Near-Future-Miniserie das erschreckende Szenario des Untergangs seiner dänischen Heimat zu entwerfen.

Wer nun allerdings mit einer europäischen Variante von Filmen wie „Water World“ rechnet, liegt mit der Vermutung gänzlich falsch. Vinterbergs Vision legt den Fokus auf zwei Familien, die sich durch die Wirren der Landesevakuierung wühlen, um sich irgendwo in Europa ein neues Leben aufzubauen, bevor die Grenzen dicht gemacht werden.

Es geht um die Menschen

Das ist eine grundsätzlich gute Idee, die sich problemlos in viele Richtungen entwickeln lässt. Vinterberg geht es offenbar um die menschlichen Aspekte, weshalb er die von uns begutachteten ersten 45 Minuten abgesehen vom Cold Open voll und ganz den Protagonisten widmet.

Die Serie beginnt in der Jetztzeit der Geschichte, in der Menschenmassen am Hafen stehen und darauf warten, an Bord von Schiffen zu gelangen, die sie in Richtung Bulgarien oder Frankreich außer Landes bringen sollen. Die Szenen sind sinnvollerweise betont unaufgeregt inszeniert, da die Regierung schon ein halbes Jahr zuvor per Pressekonferenz auf die Evakuierung des Landes hingewiesen hat und seitdem gezielt auf einen geordneten Verlauf hinarbeitet.

So gut das Ganze gemeint ist, verschenkt der Regisseur und Autor eingangs schon die Chance, in Wort und Bild auf die Dramatik des Themas hinzuweisen. Tatsächlich könnte man nämlich glauben, eine Reihe gestresster Urlauberinnen und Urlauber warten auf das Einchecken für ihre gebuchte Kreuzfahrt.

Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Sorge, Verzweiflung - von all dem spürt man nichts, obwohl solche Emotionen sicherlich in so einer Ausnahmesituation geradezu in übersprudelnder Form vorhanden sein müssten. Für ein Cold Open, das uns adäquat in die Prämisse einführen soll, ist das eindeutig zu wenig.

Von hier aus schwenkt die Erzählung in die Vergangenheit und stellt uns die beiden Familien, um die es im Verlauf der Serie gehen soll, kurz vor der offiziellen Regierungsankündigung vor. Laura (Amaryllis August) und ihre Patchworkfamilie sowie Henrik (Magnus Millang) nebst Gatten führen eigentlich ein recht beschauliches und wohlhabendes Leben, als das Chaos über sie hereinbricht. Da Henriks Mann Diplomat ist, erfährt er frühzeitig von den Plänen, das Land zu schließen und da sich die Protagonisten kennen, sickert die Nachricht auch zu Laura und ihrem Vater durch.

So weit, so gut, doch warum verfolgen wir die Hauptpersonen des Dramas dann über eine halbe Stunde lang dabei, wie sie mehr oder weniger ganz normal vor sich hinleben? So gibt sich die jugendliche Laura etwa heißen Teeniefantasien hin und träumt davon, ihren ersten Sex mit dem gutaussehenden Elias (Albert Rudbeck Lindhardt) zu erleben.

Klar, Vinterberg will uns geradezu mit der Nase draufstoßen, dass wir ganz normale Menschen vor uns haben, die in eine außergewöhnliche Situation geworfen werden. Spannend ist das aber nicht gerade. Wenn man schon ein so dramatisches Dystopieszenario entwirft, dann sollte es doch bitte auch schon in der Pilotfolge einigermaßen dramatisch inszeniert sein, genau das geschieht in dieser aber nicht...

Reden statt handeln

Szenenfoto aus der Serie „Families Like Ours - Nur mit Euch“
Szenenfoto aus der Serie „Families Like Ours - Nur mit Euch“ - © Zentropa Entertainments, StudioCanal, CANAL+, TV 2, ARD Degeto Film, Per Arnesen

Mit anderen Worten hält sich Vinterberg so gut wie überhaupt nicht an die gute alte Regel show, don't tell. Er lässt seine Protagonisten eigentlich nur darüber reden, was sie zu tun gedenken, anstatt uns das auch eindrücklich zu zeigen. Hausverkäufe, Geld bunkern, eine Arbeit auf dem europäischen Festland suchen, die Auswanderung vorbereiten - quasi alles, womit man den Spannungsbogen in die Höhe treiben könnte, läuft in der Episode beinahe quälend ruhig und viel zu oft über Dialoge ab.

Nicht, dass Dialoge nicht wichtig wären und uns über Handlungsebenen aufklären dürften, für die audiovisuell der Raum nicht reicht. Doch in der ausufernden Form, wie sie von Vinterberg verwendet wird, wirkt das Stilmittel ausbremsend und sogar langweilig.

Fairerweise muss man eingestehen, dass „Families Like Ours - Nur mit Euch“ noch 270 Minuten und sechs Teile lang Zeit bleibt, einen hohen Dramatiklevel anzupeilen und zu erreichen. Das Problem ist indes, dass eine Pilotfolge bei aller notwendigen Exposition auch dazu dienen muss, Neugierde beim Publikum zu wecken.

Ohne ein wenig Drama und mit einer völlig unspektakulären Dialogführung dürfte es aber schwer werden, Zuschauende vor dem Bildschirm zu bannen, die von Netflix, Apple TV+ und Co ein ganz anderes Pacing gewöhnt sind. Mit anderen Worten hätte Thomas Vinterberg von Anfang an gerne ein wenig mehr auf die Tube drücken dürfen.

Fazit

Ich möchte nicht unterstellen, dass „Families Like Ours - Nur mit Euch“ nicht noch die Kurve bekommt und sich zu einer hochdramatischen und emotionalen Geschichte entwickelt. Mir persönlich hat die Debütepisode jedoch so wenig gegeben, dass mein Interesse, weiterzuschauen, gegen null tendiert.

Die starken schauspielerischen Leistungen, die tolle Idee und das Label eines Oscar-Preisträgers bringen mir überhaupt nichts, wenn es der Inszenierung an jeglichem Tempo, an Höhepunkten und zumindest einigen Schauwerten mangelt. Dennoch schimmert das große Potential des Formats durch, so dass ich für den weiteren Verlauf der Serie verhalten optimistisch bin - vor allem auch wegen der tollen Darstellerleistungen.

Wir verteilen daher drei von fünf Evakuierungsschiffen.

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