Kritik der neuen Netflix-Serie Everything Sucks!

© ie ersten Tage an der High School sind für Luke (Jahi Di'Allo Winston) besonders aufregend. (c) Netflix
Die 90er kommen mit voller Kraft zurück, das kann man in Berlin und anderswo auf der Straße längst beobachten. Allmählich hält das letzte Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende aber auch in der Popkultur wieder Einzug, und das nirgendwo so deutlich wie in der neuen Netflix-Dramedy Everything Sucks! von Ben York Jones und Michael Mohan. Bereits die sehr gelungene Auftaktepisode Plutonium platzt beinahe vor Referenzen an diesen Zeitraum, die bei mir, im Jahre 1996 ungefähr gleich alt wie die Protagonisten, natürlich besonders wohlige Gefühle hervorrufen.
High hopes, low expectations
Alleine in den ersten Minuten wird Hackysack gespielt, es gibt diese merkwürdigen Schnallen, die man sich ums Handgelenk schnappen lassen konnte, wir sehen um die Hüfte gebundene Holzfällerhemden, Phish-T-Shirts, Rollerblades und vieles mehr. Ganz so überdeutlich geht es in der Folge glücklicherweise nicht weiter, allerdings hören die Anspielungen nie wirklich auf. Immerhin sind sie später jedoch so eingebaut, dass sie auch die Handlung - oder wenigstens einen Dialog - vorantreiben. Nostalgie ist schön und gut - übertreiben sollte man es damit allerdings nicht.
Nachdem sich Jones und Mohan in den Anfangsszenen ausgetobt haben, besinnen sie sich zum Glück darauf, eine ebenso witzige wie emotionale und sensible Coming-of-Age-Geschichte zu erzählen. Sie handelt von Luke (Jahi Di'Allo Winston) und seinen Sidekicks McQuaid (Rio Mangini) und Tyler (Quinn Liebling), drei Neuankömmlingen an der High School, die sich möglichst schnell und geräuschlos integrieren wollen und dazu als Filmnerds den AV Club wählen. Dort trifft Luke auf Kamerafrau Kate (Peyton Kennedy), auf die er sogleich ein Auge wirft.
Im Laufe der Episode stellt sich allerdings heraus, dass er sich wohl nicht allzu große Hoffnungen machen sollte. Zwar machen die beiden recht zügig eine Art Date aus, bei dem Luke seiner älteren Mitschülerin zeigen will, wie man eine Kameralinse reinigt, jedoch offenbart sie am Ende, als sie alleine auf ihrem Bett sitzt, dass sie am eigenen Geschlecht interessiert sein könnte. Zuvor erzählen sich die beiden ihre Familiengeschichte. Sie hat ihre Mutter verloren, als sie fünf Jahre alt war, was sie nicht nur in tiefe Trauer stürzte, sondern in der Schule auch isolierte: „I wanted to disappear. I actually did, kind of.“

Seitdem wohnt sie alleine mit ihrem Vater Ken (Patch Darragh) zusammen, dem jovialen Schulleiter, der mit großer Euphorie seinen Job macht und sich gerne mit gleichem Engagement um seine Tochter kümmern würde, wenn die ihn nur ließe. Ihr ist jedoch das Gegenteil lieber: Am ersten Schultag bittet sie ihn darum, nicht mehr von ihm angesprochen zu werden. Für ihn gleicht das einem Stich ins Herz, auch wenn er sich das nicht anmerken lässt. Kate steckt gerade mitten in dieser merkwürdigen Pubertätsphase, in der man lieber im Boden versinken würde, als mit einem Elternteil gesehen zu werden.
More like an adult than a teenager
Es ist nicht die einzige Niederlage, die Ken am ersten Schultag einstecken muss. Eine Kollegin, mit der er offensichtlich in den Sommerferien angebandelt hat, macht ihm unzweideutig klar, dass diese Affäre nun beendet ist. Am Ende ist er dann auch noch der Protagonist des einzigen Slapstick-Witzes, den man als geübter Comedy-Zuschauer aus meilenweiter Entfernung hat kommen sehen. Da sitzt Kate auf ihrem Bett, hört das Oasis-Album, das ihr von Luke geschenkt wurde, liest das dazugehörige Booklet (ja, Kinder der Nullerjahre, so etwas gab es mal!) und blättert in dem Pornoheft, das sie aus seiner Garage hat mitgehen lassen. Natürlich platzt in dem Moment ihr Vater rein.
Solche absehbaren Szenen sind dem Format aber leicht zu verzeihen, da es Mohan und Jones von Anfang an gelingt, sympathische Figuren zu etablieren, die an nachvollziehbaren persönlichen Schicksalen zu knabbern haben. Luke hat nämlich auch einen Elternteil verloren, zwar nicht für immer, aber doch permanent, denn sein Vater ist abgehauen, als er sieben Jahre alt war. Mit ihm verbindet er allerdings die Liebe zum Film, was ihn in eine komplexe emotionale Lage versetzt. Eigentlich verachtet er seinen Vater fürs Abhauen, aber irgendwie liebt er ihn auch und wünscht ihn sich zurück.
Winston und Kennedy spielen diese Verletzlichkeit hervorragend. Das Drehbuch lässt ihnen genug Raum, damit sie sich nicht andauernd gegenseitig vollplappern müssen, wie es zum Beispiel in Dawson's Creek der Fall war (was noch lange nichts Schlechtes bedeutet). Das gibt vor allem den Szenen mit Luke und Kate einen realistischen Anstrich, ihre Unsicherheit wirkt wahnsinnig echt. Man kann sich als Zuschauer ganz einfach in die Situation hineinversetzen: Wie komme ich rüber? Was soll ich als Nächstes sagen? Oh Gott, fand sie das jetzt blöd? Soll ich mich entschuldigen? Soll ich cool bleiben oder ich selbst? Diese Fragen quälen Teenager seit jeher - und das überall, nicht nur in Boring, Oregon.