Euphoria 2x01

© zenenfoto aus den neuen Episoden der Serie Euphoria (c) HBO
Der Euphoria-Schöpfer Sam Levinson hatte durch die Corona-Zwangspause reichlich Zeit, um sich zweimal zu überlegen, wie er seine Überraschungsserie vom Sommer 2019 neu ausrichten will für Staffel zwei. Am Wochenende fiel bei HBO (und hierzulande parallel bei Sky) endlich der Startschuss zur neuen Season mit der Auftaktepisode Trying to Get to Heaven Before They Close the Door. Die Vorfreude war gigantisch, was wohl einerseits mit der langen Durststrecke für die Fans zu tun hat - von den zwei Weihnachtsspecials im Vorjahr abgesehen -, andererseits ist die Hauptdarstellerin Zendaya, die für ihre Darbietung des drogensüchtigen Teenagers Rue Bennett völlig verdient den Emmy gewann, inzwischen zum Weltstar herangewachsen. Jedenfalls verzeichnete die Streaming-Plattform HBO Max mit der Rückkehr der Serie einen neuen Zuschauerrekord (2,4 Millionen Menschen schalteten allein in den USA ein).
Zu sehen bekamen sie Euphoria in Höchstform, mit allem, was dazugehört: schillernde Neonfarben, effektive Musikeinsätze, großartige Schauspielleistungen und jede Menge destruktive Entscheidungen der jungen Hauptfiguren. Wenn Levinson sein Werk weiterentwickelt hat, dann so, dass die einzelnen Handlungsstränge noch düsterer ausfallen und die Songauswahl vielleicht ein bisschen mehr in den Retrobereich abgleitet (was mich persönlich ziemlich freut). Außerdem widmet sich die allwissende Erzählerin vermehrt Charakteren, die bislang etwas vernachlässigt wurden; darunter beispielsweise Lexi (Maude Apatow), Fezco (Angus Cloud) und ganz besonders Cal Jacobs (Eric Dane), dem in der ersten Staffelhälfte vielleicht sogar die stärksten Szenen zufallen. Auch kommt mit Dominic Fike ein Neuling an Bord, der sich so smooth eingliedert, dass man sich die Serie ohne ihn rückblickend kaum noch vorstellen kann.
Wie ist es?
Wenn man es auf den kleinsten Nenner herunterbricht, geht es bei fast allen Figuren von Euphoria eigentlich nur um eines: die verzweifelte Sehnsucht nach Liebe und das damit verbundene Schuldgefühl, nicht liebenswürdig genug zu sein. Jede Einzelne findet eigene Wege, dieses Loch im Herzen zu füllen: Maddy (Alexa Demie) sammelt digitale Sympathiepunkte durch ihr Aussehen, Kat (Barbie Ferreira) verliert sich in betörenden Fantasien, Cassie (Sydney Sweeney) wirft sich so vielen Männern wie möglich um den Hals, Lexi strebt nach Ruhm und einem Publikum, Jules (Hunter Schafer) inszeniert ihre Schönheit und Rue geht den leichtesten Weg, die Drogen. Levinson selbst findet sich mit seiner Biografie wahrscheinlich am ehesten in Rue und Lexi wieder. Sein persönlicher Bezug zum Suchtthema und natürlich das einzigartige Talent von Zendaya sorgen dafür, dass Rues Storyline erneut eine Liga über der aller anderen spielt.
Zumindest in der Frühphase der neuen Season sticht derweil auch Cassie hervor, was damit zu tun haben könnte, dass die Schauspielerin Sweeney inzwischen zum Hollywood-Shootingstar avanciert ist und nun folgerichtig bei Euphoria mehr Screentime verdient hat. Leider ist die Reise des Charakters eine recht frustrierende, was immerhin konform zur bisherigen Zeichnung scheint. Nach allem, was zuletzt mit McKay (Algee Smith) passierte, ist Cassie nun in der sonderbaren Situation, erstmals in ihrem Teenagerleben single zu sein. Theoretisch die perfekte Gelegenheit, sich selbst zu finden und persönlich zu wachsen. Aber natürlich wartet der Teufel bei Euphoria nicht lang, das Steuer an sich zu reißen. Und so kommt es bald zu einer ungesunden Romanze mit Nate Jacobs (Jacob Elordi) - auch bekannt als schlimmster Mensch auf Erden!
Nate unterstreicht in der neuen Season seinen Status als Krebsgeschwür unter den Charakteren. Wer ihm zu nahe kommt, nimmt Schaden. Für jemanden so Verletzliches wie Cassie gilt das besonders. Ohne allzu große Spoiler vorwegzunehmen, kann man auch schon andeuten, dass selbst Nates Vater Cal allmählich den Glauben an das Gute in seinem Kind verliert. Diese Erkenntnis ist ein entscheidender Teil der genialen Entwicklung, die Cal in den neuen Folgen durchmacht. Der Charakter ließ sich bislang zur Fraktion der Bösewichte zuordnen, was für eine moralisch graugezeichnete Serie wie Euphoria schon was heißen will. Durch Rückblenden lernen wir ihn nun aber ganz neu kennen - und ehrlich gesagt auch ein bisschen lieben. In Folge vier kriegt er einen Monolog, der so heftig ist, dass man nicht anders kann, als lauthals zu lachen. Zumal dem Darsteller Dane dabei eine Penisprothese aus der Hose hängt, die seine Darbietung sehr bereichert.
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Allgemein legt Euphoria trotz der Zunahme an Düsternis weiter viel Wert auf jede Menge unnötige Nacktszenen und Humor. Einige Exkurse, die allein der Aufheiterung dienen, sind noch viel verrückter als alles, was die Auftaktstaffel zu bieten hatte. So darf Rue mal wieder ein kleines Referat halten; diesmal darüber, wie man seinen Liebsten erfolgreich vorspielt, clean zu sein. Und Kat träumt von einem Dothraki, der in ihr Schlafzimmer einbricht. Am lustigsten bleibt derweil Lexis Vorstellung, dass ihr ganzes Leben eine Serie ist, die sie selbst schreibt. Ein weiteres Highlight erwartet uns schon gleich in der allerersten Szene der neuen Staffel, als wir die geniale Backstory von Fezcos Großmutter zu sehen kriegen, die ein verdammter badass war. Hier wird auch erklärt, woher sein kleiner Bruder Ashtray (Javon Walton) seinen merkwürdigen Namen hat...
Wie geht's Rue?
So wie Rue eine bipolare Störung hat, schwankte auch Euphoria stimmungstechnisch stets zwischen übersteigerten Hoch- und erdrückenden Tiefphasen. Die Tiefen werden wie gesagt noch drastischer, doch leider verpasst es die neue Season, gleichzeitig die Hochs anzupassen. So geht das Gleichgewicht etwas verloren, was vor allem anhand der zentralen Beziehung von Rue und Jules - oder wie Fans sie nennen: „Rules“ - deutlich wird. Berauschende Glücksmomente erleben die beiden diesmal kaum, zumindest anfangs nicht. Und diese titelgebende Euphorie, die so wichtig für die Serie war, kann auch nicht durch die genannten humoristischen Noten ausgeglichen werden. Es fehlt derzeit die echte Lebensfreude, was aber Absicht ist, denn gerade Rue steuert voll auf einen persönlich Super-GAU zu.
Tatsächlich wirkte unsere Hauptfigur, die sich zudröhnt, um den Schmerz über ihren verlorenen Vater zu vernichten - und nötigenfalls auch sich selbst -, noch nie so besorgniserregend. Besonders gefährlich ist es, dass sie zunächst sogar ihrer in der neuen Season ziemlich abwesend erscheinenden Mutter Leslie (Nika King), ihrer ebenfalls notorisch vernachlässigten Schwester Gia (Storm Reid) und auch Jules vorspielen kann, auf einem guten Weg zu sein. Nur ihr Sponsor Ali (Colman Domingo) lässt sich nicht bullshiten, also muss sie ihn von sich stoßen, indem sie unverzeihliche Dinge zu ihm sagt. Rue überschreitet in der neuen Season so oft rote Linien, dass man sie am liebsten durch den Bildschirm schütteln würde. Beängstigend ist vor allem, wie egal ihr das alles ist - als wäre sie schon mit einem Fuß im Grab.
Eine große Mitverantwortung dabei trägt auch ihr neuer Freund Elliot, der eigentlich einen sehr sympathischen Ersteindruck macht, aber zugleich einen verhängnisvollen Einfluss auf Rue haben könnte. Denn er versorgt sie mit Drogen und ist dabei längst nicht so verantwortungsvoll wie Fezco, der sich als eine Art großer Bruder für sie sieht. Elliot hingegen will selbst nur seinen Spaß haben und im besten Fall sogar mit Rue schlafen. Das bleibt Jules nicht lang verborgen, wobei ihre Reaktion in eine völlig andere Richtung geht, als man es zunächst erwarten würde. Von all der Freude, dass Rue und Jules wieder zusammengekommen sind, ist damit bald nichts mehr übrig. Während Rue in ihren surrealen Trips wieder heftig mit dem Tod flirtet. Musikalisch ist das Ganze erneut mit einem richtig starken Soundtrack von Labrinth unterlegt.
Alles in allem ein extrem dichter Einstieg in die neue Euphoria-Staffel, der von der ersten Sekunde an das alte Feeling zurückbringt. Dass die Serie nach ihrer vielgelobten Auftaktseason ein paar neue Grenzen austesten muss, scheint irgendwie logisch; obwohl es manche Fans ein wenig ärgern könnte. Auch ich persönlich kann nur hoffen, dass das HBO-Drama nicht zu sehr die Neonlichter dimmt, sondern bald auch wieder die himmelhoch jauchzenden Seiten ihrer Sturm-und-Drang-Seele wiederentdeckt. Jedenfalls steht völlig außer Frage, dass wir es hier mit dem ersten großen Highlight des neuen Serienjahres zu tun haben. Neben Succession ist und bleibt dies momentan meine absolute Lieblingsserie!
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Staffel der Serie Euphoria beim US-Kabelsender HBO beziehungsweise hierzulande bei Sky:
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 11. Januar 2022Euphoria 2x01 Trailer
(Euphoria 2x01)
Schauspieler in der Episode Euphoria 2x01
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