Euer Ehren: Review zur Pilotfolge des sechsteiligen Thriller-Dramas in der ARD

Euer Ehren: Review zur Pilotfolge des sechsteiligen Thriller-Dramas in der ARD

Mit der neuen Thriller-Miniserie Euer Ehren hat die Das Erste einen potentiellen Hit gelandet, der vollgepackt mit Dramatik und persönlichen Verstrickungen absolute Hochspannung verspricht. Hier unsere Kritik zur Pilotfolge.

Szenenfoto aus der Serie Euer Ehren (c) Das Erste
Szenenfoto aus der Serie Euer Ehren (c) Das Erste
© zenenfoto aus der Serie Euer Ehren (c) Das Erste

Worum geht es?

Julian (Taddeo Kufus), der Sohn des angesehenen Richters Michael Jacobi (Sebastian Koch) aus Innsbruck, hat es gründlich versaut. Erst rasselt er durch die Führerscheinprüfung, dann setzt er sich in das Auto seines Vaters und verursacht einen Unfall, bei dem ein Motorradfahrer schwer verletzt wird. Doch es kommt noch schlimmer. Julian begeht Fahrerflucht. Als herauskommt, was er getan hat, überredet Michael ihn, sich bei der Polizei zu stellen, doch gerade als der altgediente Richter in die Wache eintritt, erfährt er, wen sein Sohn beinahe getötet hätte. Es handelt sich um Zlatan Sailovic, Sohn eines berüchtigten serbischen Clanchefs, den Jacobi einige Jahre zuvor zu einer langen Haftstrafe verurteilte. Aus Angst vor Rache und um sein einziges Kind zu schützen, verfängt sich der Richter in einem Netz aus Lügen und Intrigen, in das er auch seine Freunde mit hineinzieht. Doch der Sailovic-Clan ist ihm schon auf den Fersen und Zlatans Schwester Arija (Paula Beer) hat nur eines im Sinn: den Täter so lange leiden zu lassen, bis er um den Tod bettelt.

Eine weitere Adaption aus Israel

Wer hätte gedacht, dass es im kleinen Israel so fantastischen Serienstoff zu entdecken gibt? Bei Apple TV+ ist es der Thriller Suspicion (hier unsere Review zur Serie), in der ARD Euer Ehren. Als Vorlage diente diesmal das in seinem Heimatland als Hit gefeierte Krimidrama „Kvodo“, das es dort bislang auf zwei Staffeln bringt. Regisseur David Nawrath („Atlas“), der auch für das Drehbuch mit verantwortlich zeichnet, übernahm die Prämisse, das Thema und im Groben den Handlungsbogen. Dennoch interpretiert er die Geschichte auf seine ganz eigene Art und lässt einige neue Elemente sowie seinen persönlichen Stil einfließen. In der Bildsprache orientieren sich der Regisseur und sein Kameramann Tobias von dem Borne eindeutig an hochwertigen internationalen Produktionen, ohne dabei aber krampfhaft zu verleugnen, dass es sich um ein deutsch/österreichisches Projekt handelt.

Spannung, Spannung, Spannung

Die Erzählung beginnt mit einem Blick auf den Unfallort, an dem der schwerverletzte Zlatan Sailovic hilflos auf der Straße liegt, weil sich Julian in Panik aus dem Staub gemacht hat, ohne auch nur einen Krankenwagen zu rufen. In der nächsten Szene erfahren wir, dass sein Vater Michael ein integrer und hochangesehener Richter ist, der der organisierten Kriminalität den Kampf angesagt hat. Dass hier zwei Welten kollidieren, ist einleuchtend und so handelt Jacobi genauso, wie es von ihm zu erwarten ist. Erst pfeift er seinen Sohn für dessen unverantwortliches Verhalten zusammen, dann überredet er ihn, sich der Polizei zu stellen. Bisher vermutet man eher ein Familiendrama, was anhand der Art des Storytellings und der Bildführung sicherlich auch in Ordnung gegangen wäre. Als jedoch herauskommt, wen Julian angefahren hat, steigt der Spannungsbogen rasant an. David Nawrath verliert keine unnötige Zeit und spart sich jedwedes Familiengeplänkel oder anderweitige langwierige Dialoge, die im Endeffekt zu nichts geführt hätten.

Stattdessen handelt Jacobi, indem er alles daransetzt, seinen Sohn zu schützen. Er belügt die ihm gut bekannte Polizistin Gabriele Kirchner und zieht seinen langjährigen Freund Franz Brunner (Sascha Gersak) in die Geschichte hinein. Brunner war einst selbst ein Kleinkrimineller, arbeitet aber nun beim Zoll und hilft Michael, den Unfallwagen verschwinden zu lassen. Doch jede Lüge ist ein fragiles Gebilde und wo eine ist, gesellen sich bald mehr dazu, als man auf Dauer verkraften kann. Das Auto wird bereits einen Tag später gefunden und so bleibt dem Richter nichts anderes übrig, als sich immer weiter zu verzetteln.

Ein würdiger Antagonist

Gleichzeitig vergisst das Drehbuch aber auch nicht, sich auf die Sailovics zu konzentrieren, eine brandgefährliche Familie, die bereits im Jugoslawienkrieg für ihre Skrupellosigkeit berüchtigt war. Besonders Onkel Jova (kalt und ruhig von Ercan Durmaz verkörpert) und die Clanführerin Arija stechen hervor. Während Jova in Deutschland eine kleine, jedoch schlagkräftige Armee anführt und kühl, aber intelligent agiert, ist Arjia von Rachedurst getrieben. Der Augenblick, als die Schauspielerin Paula Beer (Bad Banks) das Krankenzimmer ihres fiktiven Bruders betritt, versprüht eine derart berechnende Brutalität, dass es einem eiskalt den Rücken herunterläuft. Der Arzt, der ihr die Nachricht vom hoffnungslosen Zustand Zlatans überbringt, überlebt höchstwahrscheinlich nur, weil es Jova gelingt, sie zu beruhigen. Die Szene ist so eindrucksvoll gespielt, dass man sich drauf freut, die Figur gemeinsam mit der Darstellerin näher zu erforschen.

Gut gezeichnete Figuren, tolle Schauspieler

Das Erste
Das Erste - © Das Erste

Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich fraglos insgesamt auf einem sehr hohen Niveau, was sicherlich auch der stimmigen Figurenzeichnung des Thrillers zu verdanken ist. Sebastian Koch („Bridge of Spies“, Homeland) führt uns bereits in der ersten Episode vor Augen, wie schnell aus einer hochgeachteten Stütze der Gesellschaft ein Getriebener werden kann, wenn die Motivation nur groß genug ist. Als Richter strahlt Jacobi Würde und Selbstbewusstsein aus, doch die Fassade bröckelt, als er sich auf das Terrain derjenigen begeben muss, denen er sonst den Prozess macht. Dabei bleibt sein Handeln und Tun stets nachvollziehbar. Es ist für ihn keine Frage, dass sein Sohn sich der Polizei stellt. Doch er liebt sein einziges Kind und ihm wird schlagartig bewusst, dass ihn der Clan ermorden wird, wenn jemals herauskommt, was Julian getan hat.

Julian Jacobi wird von Jungschauspieler Taddeo Kufus gespielt, der seiner Asthma-kranken Figur eine typisch-jugendliche Naivität, aber auch Zerbrechlichkeit verleiht. Der Charakter hinterlässt nach der ersten Episode einen ambivalenten Eindruck. Seine Taten machen den jungen Mann zunächst nicht gerade sympathisch, wenn die begangene Fahrerflucht auch vom menschlichen Standpunkt her zumindest grundlegend verständlich ist. Das ändert sich jedoch im Verlauf der Folge, erstens weil Julian den Mut aufbringt, seinen Vater zur Polizei zu begleiten und zweitens, weil bald klar wird, dass er im Kern ein guter Kerl ist. Hervorhebenswert ist weiterhin die Leistung von Sascha Gersak als Franz. Er ist ein gutmütiger, herzlicher Mann, den man schon mit seinem ersten Auftritt als Sympathieträger erkennt. Und doch merkt man ihm seine dunkle Vergangenheit an. Mit Tobias Moretti als Großindustrieller und heimlicher Drogendealer Uli Lindner fügt das Drehbuch last but not least einen ebenso schmierigen wie skrupellosen Charakter hinzu. In der Pilotfolge taucht Lindner zwar nur kurz, dafür aber umso aussagekräftiger auf. Das macht Lust auf mehr.

Fazit

Deutsche Produktionen der Öffentlich-Rechtlichen genießen vornehmlich beim jüngeren Video-on-Demand-Publikum einen schlechten Ruf. In Teilen mag die Kritik an der viel zu oft zelebrierten Ideenlosigkeit hiesiger Autoren auch gerechtfertigt sein, im Falle von Euer Ehren ist sie es ganz sicher nicht. Die Pilotfolge verliert keine Zeit, ist spannend inszeniert, routiniert in Szene gesetzt und teilweise herausragend gespielt. Wer Thriller mit tollen Motiven und einem hochgefährlichen Antagonisten mag, dürfte hier genau richtig sein.

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