
Die neue HBO-Serie Enlightened handelt von der Kosmetik-Managerin Amy Jellicoe (Laura Dern). Als diese durch die Gerüchteküche ihrer Firma erfährt, dass sie aus der Firmenzentrale in eine Außenstelle versetzt werden soll, ist ihr klar, dass ihr verheirateter Geliebter Damon (Charles Esten) seine Finger im Spiel hat. Und bei ihr brennen die Sicherungen durch. Komplett. Sie macht eine riesige Szene vor Kollegen, Angestellten und zahlreichen Besuchern.
Schnitt. Kurzzeitig bekommen die Zuschauer gezeigt, wie Amy sich am Strand von Hawaii wiederfindet, wo sie eine längere Therapie durchmacht. Drei Monate hat sie dort verbracht, wie wir später erfahren. Die eigentliche Serienhandlung setzt mit Amys Rückkehr nach Los Angeles ein, inklusive dem Versuch, ihr Leben mit den neu erlernten Methoden in den Griff zu bekommen. Die Pilotepisode konzentriert sich dabei auf ihre ersten 24 Stunden zurück in der Realität.
Amy muss aus finanziellen Gründen bei ihrer Mutter Helen (Diane Ladd) einziehen, die kein Verständnis dafür hat, dass ihre psychisch kranke Tochter keine Medikamente bekommen hat. Und Amys neue „touchy-feely“-Art, das Sprechen über Gefühle und Meditieren, ist der alten Frau unverständlich. Die Zuschauer folgen Amy bei ihrem Weg über das Büro, wo sie nach ihrer krankheitsbedingten Auszeit ihre Wiedereinstellung durchdrücken muss, zu ihrem koksenden Ex-Mann (Luke Wilson), ihrer schwangeren früheren Assistentin und bei dem mehrfachen vergeblichen Versuch, sich mit ihrem Ex-Geliebten auszusöhnen.
Kritik
In einer Sache überzeugt Enlightened vollkommen, und das sind die schönen, ausdrucksstarken Außenaufnahmen. Sei es die unglaublichen Unterwasseraufnahmen von Hawaii, das spießige Haus von Amys Mutter, oder die Aufnahmen des Firmengebäudes und des dazugehörenden Parkhauses, die Amys Lebensrealität untermalen. Einmal das Grau des Parkhauses, das ihre Existenz als austauschbare Angestellte in der Industrie verdeutlicht, andererseits die Ansicht des imposanten Wolkenkratzers, der den schönen äußeren Schein zeigt und verbirgt, wie dreckig es innen drin zugeht. Doch leider sind die Aufnahmen das einzige, was man am Serienpilot so unkritisiert stehen lassen kann.
Dem Serienpilot zu Enlightend fehlt leider eine klare Linie. Er wirkt weitestgehend eher wie der zweite Akt aus einem Film mit drei Akten: Insbesondere fehlt eine längere Einführung, die dem Zuschauer die Hauptfigur Amy sympathisch machen würde. Im Sauseschritt erleben wir ihren Zusammenbruch und ihre Genesung, bevor die eigentlich Handlung der Serie mit ihrer Rückkehr nach Los Angeles beginnt.
Zwar kann man sich als Zuschauer durchaus mit ihren Nöten identifizieren - wer hatte noch nie eine geniale Idee, wie man das eigene Leben, die Gesundheit und die Umwelt verändern könnte, und ist damit an der gleichgültigen Welt gescheitert, in der die Mitmenschen ihren eigenen Zielen hinterherhetzen? Aber die Figur Amy lädt nicht zum „Mitleiden“ ein. Nein, durch ihren missionarischen Eifer wirkt sie auf den Zuschauer weitestgehend genauso nervend, wie auf ihre Umgebung.
Wie für den Serienfan nicht anders zu erwarten, verläuft Amys Rückkehr anders, als sie sich das vorgestellt hatte - vom Konflikt lebt schließlich eine Serie. Während Amy sich bei ihrer Rückkehr vor allem auf die Beziehungs-Arbeit mit ihrer Mutter, ihrem Ex-Geliebten und mit der Personalabteilung konzentriert hat, ist es ihr Ex-Mann, der als einziger für ihre neue Art offen ist. Wenn er sich auch nicht auf ihre neuen Einsichten stürzt, um sie sich zu eigen zu machen, so ist er doch bereit zu akzeptieren, dass Amy nun die von der Gesellschaft vorgegebenen Pfade verlassen hat. Denn er als Suchtkranker hat auch seinen eigenen Weg gewählt - wenn der auch deutlich destruktiver ist, als Amys Wahl.
Was der erfahre Serienfan auch wittert, ist im Serienpiloten Konfliktpotential zwischen Amy und ihrer bisherigen Assistentin Krista (Sarah Burns). Die erwähnt, dass sie nach Amys großer Szene am Arbeitsplatz sogar eine Beförderung erhalten habe und präsentiert, dass sie jetzt im fünften Monat schwanger ist - wobei sie sich aber durchaus auch ausweichend in Sachen der Vaterschaft gibt, wenn auch Amy das nicht auffällt. Die Situation schreit förmlich danach, dass Amys Ex-Geliebter Damon der Vater von Kristas Baby ist. Solch eine Dreieckskostellation wäre auch eine gute Erklärung dafür, warum die Firma Amy aus dem Hauptquartier abschieben wollte.
Last but not least bleibt zu erwähnen, dass auch Enlightened nur nominell eine Comedyserie ist. Zwar ist die anfängliche „Fahrstuhlszene“ mit Laura Dern ein wirklicher Brüller, danach gibt es aber kaum mehr einen einzigen Schmunzelmoment.
Mitten im Nichts
Wie gesagt fehlt dem Serienpiloten zu Enlightened deutlich die klare Linie, von Anfang zum Ende. Und so fehlt auch ein klarer Ausblick. Der Serienpilot endet mit einer frohgelaunten, energiegeladenen Amy, die im Fahrstuhl auf dem Weg zu ihrem ersten Arbeitstag ist.
Der Serienfan kann aus dem Trailer zur Serienvorstellung bereits wissen „34370“, das Amy schließlich eine böse Überraschung erwartet. Wie schon zuvor im Serienpilot klar gemacht wurde, ist für Amy eigentlich keine Stelle frei. Damit würde man die Personalabteilung sie gerne vor die Tür setzen, doch Amy kann erfolgreich mit einer Klage drohen. Also greift die Firmenleitung zum nächstbesten Schritt: Man gibt Amy einen deutlich unter ihren Qualifikationen liegenden Job. Statt aus einem Büro mit Aussicht arbeitet sie fortan im Keller. Und nicht mehr in einer Führungsposition.
Das alles fehlt aber im Serienpiloten noch - nebst den ganzen Charakteren, mit denen sie sich in ihrem neuen Job auseinandersetzen muss. Und es stellt sich unwillkürlich die Frage, ob man bei HBO nach dem Serienpiloten die Ausrichtung der Serie noch herumgerissen hat, oder ob dies schon immer so geplant war.
Fazit
Als Serienpilot ist Enlightened sicherlich ungewöhnlich. Die Frage ist nur, ob das gut oder schlecht ist. Nach Stand der Dinge, vor Ausstrahlung der zweiten Episode, dürfte der Serienpilot nur bedingt aufschlussreich über den Rest der Serie sein, weil eben zahlreiche essentielle Figuren erst später eingeführt werden. Auch darf bezweifelt werden, dass in der Folge noch Zeit und Gelegenheit für die Piloten hervorstechenden Außenaufnahmen ist.
Die Pilotepisode zu Enlightened fühlt sich so an, wie das mittlere Drittel eines Films. Und während noch neun Episoden Zeit bleibt, das „letzte Drittel“ zu ergänzen, wird es wohl schwierig sein, das fehlende „erste Drittel“ je nachzureichen.