Elvira: Review zur Pilotfolge der Crime-Dramaserie in der ZDFmediathek

© ZDF /Henrik Ohsten/Viaplay
Was passiert in der Serie „Elvira“?
Elvira hat es nicht unbedingt leicht. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, arbeitet in einem Bordell als Empfangsdame und ihr Bruder ist drogensüchtig. Dennoch hat sie das Herz am rechten Fleck und ist eigentlich zu gut für diese Welt. Als das Mädchen Candy in der „Klinik“ plötzlich spurlos verschwindet und ihre Miete nicht bezahlt, bekommt sie darüber hinaus ein riesiges Problem.
Ihr Freund aus Kindheitstagen Køster, ein korrupter Polizist, kann die Besitzer des Etablissements wegen Cindys Verschwinden nicht auszahlen. Er hat nur zwei Tage Zeit, um 50.000 Kronen aufzutreiben, bevor es für ihn ernst wird. Unter dem Druck der Bordellbosse beginnt Elvira zu ermitteln und stößt dabei immer weiter in eine Welt vor, der sie lieber nicht zu nahegekommen wäre.
Pluralismus im Fernsehen
Pluralismus wird in der Film- und Fernsehlandschaft vor allem auch in Deutschland großgeschrieben. Menschen aller Couleur sind in unserer modernen Gesellschaft endlich auch im TV angekommen und Teil von Cast und Crew auch großer Produktionen. Dennoch ist es bemerkenswert, dass vornehmlich zwei Personengruppen dabei im Verhältnis gesehen relativ oft außen vor bleiben: stark übergewichtige Menschen und solche aus den unteren Gesellschaftsschichten nämlich.
Schaut man sich beispielsweise hierzulande produzierte Krimis näher an, fällt auf, dass die Protagonisten überwiegend aus der gehobenen Mittelschicht stammen. Anwälte, Ärzte, Journalisten, Architekten und ähnlich gut dotierte Berufsgruppen bestimmen meist das Bild der Handlung.
Interessanterweise lässt sich dies ebenso für queere Personengruppen recht häufig ausmachen, wobei auch hier gutaussehende, schlanke und bestens gekleidete Menschen im Vordergrund stehen. Weniger vom finanziellen Glück Gesegnete und anderweitig nicht ins erklärte Selbstbild diverser Filmemacher Passende bleiben entweder draußen oder dienen oft als Antagonisten beziehungsweise in anderer negativierender Form der Handlung.
Es geht auch anders
Dass es auch anders geht, bewies kürzlich erst die leider auf einem leicht zu übersehenden Sendeplatz bei Warner TV Serie gesetzte grandiose Serie Boom Boom Bruno (hier geht es zu unserem Review der Pilotepisode von „Boom Boom Bruno“). Auch Elvira schlägt mutig in eine andere Kerbe und schickt sich an, eine unterprivilegierte und zudem stark adipöse Frau zur Heldin eines interessant erzählten Crime-Dramas mit Nordic-Noir-Flair zu erheben.
Elvira hat es nicht gerade leicht. Sie stammt aus einer ärmlichen Gegend und schlägt sich als Empfangsdame in einem privat betriebenen Bordell durch. Sie lebt in einer kleinen Wohnung, spart sich das Geld für einen Entzug ihres drogensüchtigen Bruders vom Mund ab und neigt dazu, bei Frust zu viel zu essen.
Doch Elvira hat etwas, das vielen anderen Menschen heute abgeht: ein gutes Herz. So gibt sie einer alten Dame ihre Geldbörse zurück, die diese beim Vorübergehen verliert, stoppt einen rücksichtslosen E-Scooterfahrer auf dem Bürgersteig und gewährt der Bordellmitarbeiterin Candy einen Zahlungsaufschub, als sie sie darum bittet.
Mit dieser Charakterisierung zeichnen die Serienmacher das Bild einer Frau, dich sich trotz aller Rückschläge ihre Menschlichkeit bewahrt hat und die standhaft ihr Leben meistert. Illegalität, reich sein um jeden Preis, anderen Schaden zum eigenen Vorteil zufügen: so etwas ist Elvira fremd. Das macht die Protagonistin zu einer ebenso sympathischen wie realistischen Person, wie man sie beispielsweise auch in vielen als „schlechte Wohngegend“ verschrienen Vierteln in deutschen Großstädten findet.
Ein solcher Figurenansatz ist erfrischend und hebt sich wohltuend vom mittelschichtigen Einheitsbrei ab, der uns vielerorts in deutschen Serien und Miniserien präsentiert wird. Hinzu kommt die Darstellung von Elviras Jugendfreund Køster, der bei der Mordkommission arbeitet und reichlich Dreck am Stecken hat.
Nordic-Noir-Look
Abgesehen davon passt der düstere, gräulich-braune Look der Serie ebenfalls hervorragend zum Milieu von „Elvira“. Die Pilotfolge wirkt äußerlich kalt, ungemütlich und nah an der Wirklichkeit. Teure Autos, schöne Häuser und Menschen in schicken Anzügen und Kleidern sucht man hier vergeblich.
Køster ist meistens in eine alte Lederjacke und erdfarbene Pullover oder schlichte Hemden gekleidet, Elvira trägt hingegen Jacke und Hose von der Stange, die ihr ein wenig zu groß sind und abgetragen wirken.
Die Damen in der „Klinik“ sind ebenfalls ganz normale Frauen, die ohne allzu viel Schminke, teure Dessous und perfekt gestylte Frisuren auskommen müssen. In Kombination mit dem schlichten Interieur von Elviras Wohnung und Nebenfiguren wie einem schmierigen Hausverwalter, der sie um 20.000 Kronen betrügt, ergibt sich so ein Einblick in den Alltag weniger bevorteilter Menschen. Die Personen in Elviras Umfeld kämpfen eben jeden Tag ums Überleben. Sie versuchen irgendwie das Beste für sich herauszuholen und in der Spur zu bleiben. Das ist ein starker figürlicher Ansatz.
Leichte Lücken
Im Gesamtbild ergibt sich daraus ein sehenswertes Ambiente, das von einem gut gewählten Cast getragen wird und eine Geschichte, die durchaus Spannung verspricht. Als kleiner Wermutstropfen könnte sich indes erweisen, dass es hin und wieder ein wenig mit der Logik zu haken scheint.
So lässt sich Elvira beispielsweise vom besagten Hausverwalter übers Ohr hauen, kommt aber nicht auf die Idee, den körperlich durchaus imposanten Køster auf ihn anzusetzen.
Auch die Tatsache, dass sich Elvira auf die Suche nach der verschwundenen Candy begibt, wobei eben Køster derjenige ist, der Probleme mit den Bordellbossen hat, scheint zumindest ansatzweise an den Haaren herbeigezogen. In seiner Position und mit dem Wissen, dass die Prostituierte ihre Miete nicht gezahlt hat, würde es die Logik gebieten, dass er nach Candy sucht oder Elvira zumindest unterstützt.
Inwiefern sich solche kleinen Unstimmigkeiten letztlich auf den Gesamteindruck auswirken, bleibt abzuwarten, neugierig macht das Ganze aber dennoch. Insofern macht „Elvira“ vieles richtig.
Fazit
„Elvira“ lief bereits am 24. November 2023 bei ZDFneo, scheint dort aber relativ unter dem Radar geflogen zu sein. Schade, kann man da nur resümieren, denn die Pilotfolge der achtteiligen Staffel fühlt sich stellenweise erfrischend ehrlich an und setzt den Fokus auf eine ungewöhnliche Heldin.
Die Hauptdarstellerin Sara Klein Larsen fügt sich hervorragend in die Rolle der Elvira ein. Ihr von Peter Plaugborg gespielter korrupter Jugendfreund Køster bildet einen starken Kontrast zur Hauptfigur und Look und Feel sind herrlich düster und nordisch.
Einen Blick wert ist die Serie also auf jeden Fall. Wer gerade nichts Besseres in der Wunschliste stehen hat, sollte daher einmal einen Blick in die ZDFmediathek riskieren. Vier von fünf Punkten.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie „Elvira“: