
Dr. Joan Watson (Lucy Liu, Ally McBeal) ist eine ehemalige Chirurgin, die heute in der Drogentherapie tätig ist - und Leuten dabei hilft, clean zu bleiben, indem sie sie über mehrere Wochen hinweg auf Schritt und Tritt begleitet. Ihr neuester Klient ist ein in New York lebender Brite, dessen Vater eine entsprechende Begleitung für seinen Sohn im Anschluss an dessen Entziehungskur gebucht hat. Der Name des Klients ist Holmes. Sherlock Holmes (Jonny Lee Miller, Eli Stone).
Holmes arbeitet als Berater für die Polizei von New York. Insbesondere Captain Tobias Gregson (Aidan Quinn, The Book of Daniel) von der Mordkommission geht er hilfreich zur Hand. So auch beim Fall einer in ihrem Haus ermordeten rothaarigen Frau, wohinter Holmes schon bald einen Serientäter vermutet. Watson, die ihren Klienten auch zu dessen Arbeit begleitet, ist von dessen Beschäftigung anfangs nicht gerade sonderlich angetan. Schon bald kommt sie jedoch auf den Dreh, dass auch ihr das Ermitteln von Mordfällen mehr Spaß bereitet als einfach nur irgendwelche Ex-Junkies auf Entzug zu begleiten. So unausstehlich ihr Holmes mit seiner Mischung aus gefühlloser Arroganz und Genialität bisweilen auch vorkommt...
Es gibt (mindestens) zwei Sichtweisen auf Elementary. Wenn man die britische Serie Sherlock aus der Feder der beiden Doctor Who-Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss nicht kennt, dann ist Elementary eine leidlich unterhaltsame Krimiserie - mit einem Ermittler-Duo, das im Laufe der Pilotfolge eine angenehm anspielungsfreie und platonisch-freundschaftliche Chemie entwickelt. Und mit einem Fall, der vielleicht nicht sonderlich clever ausgearbeitet ist, dafür aber mit einem herrlichen fiesen Gegenspieler aufwartet (gespielt von dem - Achtung Spoiler! - wunderbaren Dallas Roberts, der hier zeigt, dass er noch weitaus mehr kann als Alicias schwulen Bruder in The Good Wife zu spielen).
Wenn man Sherlock allerdings kennt, dann steht man bei Elementary vor einem ziemlichen Problem: Denn dann muss einem die US-Produktion einfach nur lahm und langweilig und langsam und - irgendwie ohne jede Kraft und Energie vorkommen. Blutleer wäre auch noch ein gutes Adjektiv.
Im Vorfeld haben sich die Macher von Sherlock große Sorgen gemacht, dass sich Elementary wegen der Grundidee eines in die Gegenwart verlegten Sherlock Holmes zu dicht an ihrer eigenen Version entlang bewegen könnte. Schließlich hatte CBS wohl ursprünglich versucht, die Adaptionsrechte für Sherlock zu erwerben, was aber nicht gelungen war. Die BBC wiederum hat in Reaktion auf die Ankündigung von Elementary bereits ihre Anwälte in Stellung gebracht. Diese können nun ganz beruhigt nach Hause gehen und ihren Fünf-Uhr-Tee trinken. Denn eines kann man Elementary ganz gewiss nicht vorwerfen: Es ist kein Abklatsch von Sherlock. Die Serie ist trotz des gemeinsamen Kerngedankens, Holmes in der Jetztzeit spielen zu lassen, völlig anders.
Genau hier liegt allerdings auch das Problem von Elementary. Sherlock ist in jeder nur denkbaren Hinsicht brillant: Die Art, wie die Original-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle zum Teil werkgetreu bis auf die Dialogebene umgesetzt und doch mit völlig neuen, cleveren Twists in die Gegenwart transportiert werden. Die emotionale Vielschichtigkeit, die in Holmes' Verhältnis zu seiner Umwelt - und natürlich insbesondere in seiner Freundschaft zu Dr. Watson - liegt. Der Witz und der Esprit der Dialoge. Die inszenatorischen Einfälle wie die ins Bild eingeblendeten SMS. Die Wucht und energetisierende Wirkung der Musik von David Arnold und Michael Price. Und dann natürlich auch noch das durch und durch begeisternde Spiel von Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Das alles ist von der ersten bis zu letzten Minute einfach nur brillant und mitreißend und unterhaltsam. Jede Folge ist ein 90-minütiges Erlebnis. Das Screening von A Study in Pink auf dem letztjährigen Festival Großes Fernsehen wurde immer wieder von Szenenapplaus begleitet.
Sherlock ist brillant. Und Elementary ist anders. Muss anders sein. Und hier ist man fast geneigt, den Machern der Serie so etwas wie Mitleid auszusprechen. Im Schatten des britischen Sherlock blieb ihnen ja gar nichts anderes übrig, als aus Elementary eine sehr konventionell erzählte Serie zu machen, die im Grunde wenig bis gar nichts mit dem Doyle'schen Holmes zu tun hat.
Genialer Ermittler mit Suchtproblem und seine Begleiterin, die ihn auf dem rechten Pfad halten soll - das hätte auch jede x-beliebige andere Krimiserie sein können. Man bedient sich zwar der bekannten Namen, aber eigentlich sind die Figuren und Fälle (soweit man das von der Pilotfolge her beurteilen kann) so weit von der Vorlage entfernt, dass man das Ganze auch genau so gut unter anderem Titel und mit anderen Figurennamen hätte drehen können. Damit hätte man sich auf jeden Fall einen großen Gefallen getan: Denn damit wäre der Vergleich zu Sherlock, der hier einfach fast zwangsläufig zu Ungunsten von Elementary ausfallen muss, gar nicht erst aufgekommen. Aber CBS musste sich ja unbedingt an den in Film und Fernsehen kursierenden „Sherlock Holmes“-Hype dranhängen. Schlechte Entscheidung.
Fazit
Für Sherlock-Liebhaber ist Elementary keinesfalls als Ersatz, noch nicht einmal zur Überbrückung bis zur dritten BBC-Staffel geeignet. Für alle anderen ergibt die Serie durchschnittliche Krimikost, die man sich anschauen kann. Aber nicht muss.