Echo: Kritik zur Marvel-Serie von Disney+

Echo: Kritik zur Marvel-Serie von Disney+

Alaqua Cox, bekannt aus der Marvel-Serie „Hawkeye“, kehrt in ihrer eigenen Serie „Echo“ als Maya Lopez zurück. Dabei handelt es sich gleichzeitig um ein Prequel und eine Fortsetzung ihrer Geschichte, bei der auch Wilson Fisk eine wichtige Rolle spielt.

Alaqua Cox als Maya Lopez in der Serie „Echo“
Alaqua Cox als Maya Lopez in der Serie „Echo“
© Disney+

Bereits in der Serie Hawkeye wurde die Figur Maya Lopez aka Echo (Alaqua Cox) eingeführt. Dort gehört sie zu denjenigen, die durch die Rache der Ronin-Persönlichkeit von Clint Barton (Jeremy Renner) nach den Ereignissen aus „Avengers: Infinity War“ und „Endgame“ zu leiden hatten. Es schien, als hätte Barton ihren Vater ermordet. Fairerweise muss man dazu jedoch sagen, dass er als Handlanger für Wilson Fisk aka Kingpin (Vincent D'Onofrio) gearbeitet hatte...

Im Verlauf der „Hawkeye“-Handlung erfährt Maya dann die Wahrheit über den Auftraggeber des Mordes an ihrem Vater (Alle Reviews zur Marvel-Serie „Hawkeye“). Mayas Geschichte wird nun in der zunächst fünfteiligen Serie „Echo“ beim Streamingdienst Disney+ fortgesetzt.

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Worum geht es in der Serie „Echo“?

In der ersten Episode Chafa gibt es sowohl eine Art Recap als auch neue Informationen zur Figur Maya, deren tragische Kindheit die Zuschauer im Intro sehen. In der Stadt Tamaha, Oklahoma wächst sie bei ihrer Mutter auf und wird Teil eines Verkehrsunfalls, der die Mutter das Leben kostet. Maya redet sich selbst Schuld ein, weil sie unbedingt etwas Süßes aus dem Laden wollte. Dabei verliert Maya außerdem ein Bein und zieht anschließend mit ihrem Vater nach New York, wo sie etwa 20 Jahre verbringt und nach dessen Tod in die Dienste von Fisk rückt.

Nach ihrer Rache an Fisk, dem sie im „Hawkeye“-Finale in den Kopf schießt, was im Auftakt erneut gezeigt wird, zieht es Maya zurück in ihre Heimat, in der sie sich etwa fünf Monate nach dem Vorfall traut, dem Kingpin-Imperium auf die Pelle zu rücken. Der Plan ist: eine Waffenlieferung zu sabotieren und womöglich selbst die vakante Stelle als Queenpin zu übernehmen...

Dabei trifft sie auf die alten Weggefährten und Verwandten, was in manchen Fällen harmonisch verläuft, bei einigen aber auch für Konflikte sorgt.

Flashback in die Vergangenheit von Maya in der Serie „Echo“
Flashback in die Vergangenheit von Maya in der Serie „Echo“ - © Disney+

Pro Folge erzählt die Serie außerdem etwas zur Geschichte der Choctow-Nation, den direkten Vorfahren von Maya und ihrer Familie. Immer wieder gibt es in den Intros kleine Exkurse in die Vergangenheit. In der Comic-Vorlage, die von David Mack und Joe Quesada im Jahr 1999 für die Daredevil-Comics geschaffen wurde, hat die gehörlose Maya sich die Fähigkeit angeeignet, die Bewegungen ihrer Gegenüber perfekt nachahmen zu können, ein bisschen so wie die Figur Taskmaster, die es ebenfalls im Marvel-Universum (und auch im MCU in abgewandelter Form in „Black Widow“) gibt. Hier scheint es - zumindest suggerieren das die Szenen aus den ersten drei Episoden, die vorab der Presse zur Verfügung gestellt wurden - darauf hinauszulaufen, dass sie auf die Fähigkeiten ihrer Ahnen zurückgreifen kann.

Wie erwähnt hat die erste Folge dabei mehrere Rollen als Erinnerungsauffrischung, als Vorstellung der Figur, aber auch als Fortsetzung von sowohl „Hawkeye“ als auch der „Daredevil“-Serie, die einst bei Netflix lief und inzwischen bei Disney+ heimisch ist. Besonders eine Aussage von Wilson Fisk rund um seinen Vater scheint zu bestätigen, dass die Ereignisse durchaus stattgefunden und Teil der Kontinuität sein könnten. Oder eben rein zufällig in den Marvel-Cinematic-Universe-Plan passen. In der ersten Folge gibt es außerdem bereits einen netten Auftritt inklusive Kampf gegen Daredevil (Charlie Cox) zu sehen. Seit „Spider-Man: No Way Home“ und She-Hulk ist dessen Darsteller Cox wieder Teil des MCUs, was durchaus zu begrüßen ist.

Persönlich hat mir die erste Folge bisher am besten gefallen und ich würde ihr wahrscheinlich vier Sterne geben. Folgen zwei und drei reihen sich dann mit drei und dreieinhalb Sternen etwas weniger ereignisreich ein.

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich auf die ersten drei der fünf Folgen und können dementsprechend Spoiler enthalten.

Es ist nicht nur die erste Serie der Disney+-Ära mit einem TV-MA, also einer Alterseinstufung 17+ (wobei die Netflix-Serien beispielsweise ähnlich hart zur Sache gingen), sondern auch die erste vom Marvel-Spotlight-Banner, das Serien und Formate beinhalten soll, die auch fernab des großen Masterplans funktionieren sollen. Dazu ist Maya die erste gehörlose Hauptfigur einer Marvel-Serie, wobei mit Makkari (Lauren Ridloff) aus „Eternals“ ebenfalls schon eine gehörlose Figur debütiert hat, während Matt Murdock als blinde Person natürlich auch Vorreiter ist, in Sachen körperlich beeinträchtige Helden.

Viel Fokus liegt verständlicherweise auf den Hintergründen der Figur, die zu einem Volk der amerikanischen Ureinwohner gehört. Serien wie Reservation Dogs, Dark Winds oder Rutherford Falls haben in den letzten Jahren ebenfalls ein größeres Spotlight auf einen oder mehrere Vertreter dieser sehr vielfältigen Bevölkerungsgruppe gelegt, deren Angehörige meistens mit sehr spezifischen Gebräuchen, Riten und Eigenheiten daherkommen. In Damon Lindelofs Watchmen-Serie gab es im Bereich der Superhelden ebenfalls einen erinnerungswürdigen, unkonventionellen Ansatz, der (fast) vergessene Aspekte der BiPoC beleuchtete und einen Anteil an der großen Faszination des Werkes hatte.

Im Actionbereich hat sicherlich auch „Prey“ (Filmkritik zu „Prey“), das „Predator“-Prequel für manchen Zuschauer Maßstäbe gesetzt, wie man das Genre und die Traditionen erfolgreich unter einen Hut bringen kann.

Gewissermaßen setzt das natürlich auch ein Interesse an besagten kulturellen Aspekten voraus, die man dann in einer solchen Serie zu Hauf erwarten sollte. Manchmal kann man sich da etwas verloren vorkommen, wenn man mit der Zeitreise in eine fremde Welt ohne Kontext katapultiert wird, aber bestenfalls weckt so etwas auch das Interesse, sich damit auseinanderzusetzen. Oder es gibt zumindest genug Hintergründe mit, um zu verstehen, warum sich die Macher dafür entscheiden, einen Fokus darauf zu setzen.

Navajo-Filmemacherin Sydney Freeland und ihr Team finden bei „Echo“ ein gutes Mittelmaß, wie man der Kultur der Choctow gebührend Respekt zollt und sie gleichzeitig als natürlichen, wenn vielleicht auch leicht verdrängten Teil der Hauptfigur darstellt, die fast ihr ganzes bisheriges Leben in New York verbrachte.

Die Performances

Maya Lopez und Wilson Fisk unterhalten sich über ihre Geschäftsbeziehung.
Maya Lopez und Wilson Fisk unterhalten sich über ihre Geschäftsbeziehung. - © Disney+

Alaqua Cox trägt in „Echo“ sicherlich einen Löwenanteil der Laufzeit und macht das in den meisten Fällen sehr gut - und das obendrein nonverbal, weil sie meistens Gebärdensprache einsetzt, um sich zu verständigen. Die anderen Figuren beherrschen diese entweder auch oder bemühen sich zumindest, während manche Antagonisten natürlich darauf verzichten.

Hit-or-miss oder vielleicht auch einfach etwas ungewohnt sind dabei für mich manche Versuche per Gebärdensprache, Humor und Sarkasmus einzubauen. Sicherlich hat man dies auch schon in Rollen von beispielsweise Marlee Matlin gesehen, aber wie bei anderen Marvel-Produktionen ist der Humor eben sehr subjektiv und funktioniert mal gut und mal weniger gut. Bei „A Quiet Place“ oder „Creed“ beziehungsweise auch bei der Geheimtipp-Serie This Close habe ich das teilweise schon etwas besser gesehen.

Onkel Wilson Fisk hat derweil in den Fällen, in denen er und Maya kommunizieren, sogar eine Dolmetscherin an seiner Seite. Für mich und für viele Fans von „Daredevil“ dürfte die Rückkehr von D'Onofrio als Fisk zu den Highlights gehören - und die Rolle ist ihm einfach auf den Leib geschrieben. Die Mischung aus Macht, Verletzlichkeit und Niedertracht ist eine Wonne und die meisten Szenen mit ihm, wovon es in den ersten drei Episoden vielleicht sogar etwas zu wenige gibt, sind toll. Das Ende der dritten Folge deutet derweil ein Wiedersehen an. Denn, wie schon in den Comics, wird man einen Kingpin nicht so leicht los, wie man denkt - trotz Pistolenkugeln...

Sympathisch ist auch Cousin Biscuits (Cody Lightning), der Maya als einer der ersten in der alten Heimat wiedersieht und quasi zu etwas wie einem ungewollten Sidekick für ihre Mission wird. Er steht ein wenig unter der Fuchtel von Großmutter Chula (Tantoo Cardinal), die vor allem mit Mayas Mutter und deren Mann Probleme hatte und diese irgendwie auch auf die Enkelin projiziert, dabei aber vielleicht auch unterschwellig geholfen hatte, sie auf die schiefe Bahn zu bringen... Sie ist eine Respektsperson, die mit vielen der Figuren in Tamaha verbunden ist.

Henry „Black Crow“ Lopez ist Mayas Onkel und Bruder ihres ermordeten Vaters. Er betreibt den örtlichen Skatering, als wären die 90er nie zu Ende gegangen, hat aber auch undurchsichtige geschäftliche Verwicklungen mit Fisk. Am Tod seines Bruders fühlt er sich irgendwie mitschuldig. Eigentlich will er in Mayas Pläne nicht verwickelt werden, hat dann jedoch irgendwann keine Wahl mehr.

Devery Jacobs mimt Bonnie, die Cousine von Maya, mit der sie vor ihrem Umzug nach New York sehr eng befreundet war. Mittlerweile arbeitet sie als EMT, also als Sanitäterin im Ort. Maya meidet sie zunächst und will ihr nichts von ihrer „Durchreise“ erzählen. Doch das klappt natürlich nicht so gut, als sie sich mit Fisks Männern anlegt und diese nach einem Zugüberfall in die Stadt und die Skatehalle lockt.

Graham Greene aka Skully war einst mit Chula zusammen und ihm gehört das örtliche Pfandhaus. Allerdings ist er auch ein Bastler und eine Art Großvaterfigur für die örtlichen jungen Erwachsenen. Er baut Maya etwa eine neue Prothese, als ihre bei ihrem Heist kaputtgeht und ist ein weiterer Sympathieträger.

Manche Cast-Mitglieder - abseits von D'Onofrio und Alaqua Cox - wirken zwar stellenweise etwas unbeholfen oder liefern nicht ganz so polierte Darbietungen ab, allerdings kann man das größtenteils verzeihen. Am wenigsten Erfahrung scheint die Bonnie-Darstellerin mitzubringen, ihre Screentime war bisher allerdings auch begrenzt.

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Action und Effekte

Maya Lopez wehrt sich in der Skatehalle.
Maya Lopez wehrt sich in der Skatehalle. - © Disney+

Die Actionhighlights werden - nach den ersten drei Episoden zu urteilen - am ehesten in der Auftaktfolge gesetzt. Etwas zu greenscreenig ist die Zugszene in der zweiten Folge, Lowak. Allerdings dürfte so etwas auch schwer zu faken sein, ohne ein ganz großes Budget reinzustecken, wobei Disney-Produktionen wie „Solo - A Star Wars Story“ und „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“, aber auch The Mandalorian ebenfalls auf ähnliche Set-Pieces gesetzt hatten, was in allen Fällen etwas besser aussah.

In Folge drei aka Tuklo verlagert sich die Action dann in die Skatehalle, in der man Stunts in der echten Welt erwarten kann, die dann größtenteils ordentlich aussehen. Auch die bereits erwähnten Flashbacks in die Vergangenheit sehen meist von der Ausstattung und Setting her recht schick aus. In einem geht es um ein schicksalweisendes Lacrosse-Spiel und in einem anderen Intro wird in Form eines altmodischen Abenteuerfilmreels eine kurze Geschichte erzählt.

Persönlich glaube ich allerdings, dass die Stärke der Serie ohnehin in der Beziehung von Maya und Wilson Fisk liegt. Zumindest für mich sind die Dialoge und Interaktionen zwischen den beiden Highlights und ich freue mich, was die Episoden vier und fünf dahingehend noch bringen werden, vor allem, da wir auch in „Daredevil“ und „Hawkeye“ schon einen Fisk im Rachemodus gesehen hatten, mit dem nicht zu spaßen war...

Gerüchte gehen zudem in die Richtung, dass wir in naher Zukunft vielleicht auch in Daredevil: Born Again oder dem nächsten „Spider-Man“-Film den Kingpin als eine Art Street-Level-Thanos sehen könnten. Etwas, das man wohl besser auch bei Marvel's The Defenders hätte probieren sollen.

Fazit

Echo“ ist wegen der Thematik, der sehr spezifischen kulturellen Hintergründe und der wenig prominenten Hauptfigur sicherlich nicht gerade eine Serie für alle und besetzt somit eine klare Nische. Dennoch bieten die Verbindung mit „Hawkeye“ und „Daredevil“ sowie Wilson Fisk genügende Einschaltgründe für neugierige Marvel-Fans. Da das Serienformat von Disney+ nur fünf Folgen umfasst, die zudem direkt als Binge herausgekommen sind und meist auch noch unter einer Stunde Laufzeit pro Folge haben, ist es auch kein zu langes Ansehprojekt.

Trotzdem eignet es sich gut, um über den eigenen Tellerrand zu blicken und in einen weiteren Kulturkreis einzutauchen, über den man vielleicht bisher wenig wusste. Dazu kommen ein paar Portionen Superhelden-Eskapismus, eine Gangsterstory und fertig ist das Rezept für eine Marvel-Farbe, die wir seit Hawkeye oder den Netflix-Serien nicht mehr hatten. Dreieinhalb bis vier Echos für „Echo“.

Hier abschließend noch ein aktueller Trailer zur neuen Serie „Echo“ beim Streamingdienst Disney+:

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