Doctor Who 14x06

© BBC One / Disney+
Rogue
Mit Rogue aus der Feder von Kate Herron und Briony Redman erwartet uns nach Boom eine weitere, herausragende Folge von Doctor Who, die nicht von Russell T. Davies stammt. Auf den ersten Blick mag die Episode irgendwie Standard wirken, weil es ins Jahr 1813 geht, wo der Doctor (Ncuti Gatwa) und Ruby (Millie Gibson) „nur“ die Partygäste der Herzogin von Pemberton (Indira Varma) vor einem schlimmen Schicksal bewahren müssen. Denn unter den Gästen sind die sogenannten „Chuldur“ unterwegs, die als Gestaltwandler in verschiedene Rollen schlüpfen und dabei Leichen hinterlassen - wie uns die Eröffnungsszenen auch direkt demonstrieren.
Die Wege vom Doctor und Ruby sollen sich aber für lange Zeit trennen. Denn während der Doctor Bekanntschaft mit Rogue (Jonathan Groff) macht, der sich als Kopfgeldjäger herausstellt und meint, mit dem Doctor sein Ziel gefunden zu haben, wird Ruby neugierig auf Emily Beckett (Camilla Aiko), die in Lord Barton (Paul Forman) verliebt ist, aber selbst keine hohe Stellung hat. Entsprechend entfalten sich zwei Handlungen, die erst gegen Ende zusammengeführt werden, wenn die Chuldur ihr wahres Gesicht offenbaren und das (persönliche) Drama zum Höhepunkt kommt.
Jetzt das Angebot von Disney+ entdecken (Affiliate Link)
Vorweg sei noch gesagt, dass ich Bridgerton nicht verfolgt habe. In diesem Fall vielleicht ein Nachteil, aber vermutlich auch kein großer. Pluspunkte gibt es jedenfalls direkt für die Kostüme, aber auch für die stets treffende Musik, die hier eine heimliche Rolle für die passende Stimmung einnimmt. Poker Face in klassisch mit Geigen hätte ich gerne länger gehört, aber auch Can't Get You Out of My Head hat mir gefallen, ebenso wie die wirklich klassische Untermalung während der Tänze bis hin zu Eine kleine Nachtmusik von Mozart.
Aber zurück zur Folge. Zwischen dem Doctor und Rogue bahnt sich von Beginn an eine Romanze an, die im Verlauf der Folge immer ernster wird. So nach dem Motto „Ich zeige dir mein Schiff, du zeigst mir deins“ wird nebenbei mit der Technologie gespielt, auf die beide Figuren zurückgreifen, aber es treten auch Gemeinsamkeiten hervor, wenn beide mehr oder weniger alles verloren haben, was ihnen lieb ist. Und es ist wirklich neu, den Doctor hier tatsächlich in einer romantischen Beziehung zu erleben. Das gab es zuvor höchstens mal angedeutet, aber nie so intensiv wie jetzt - ich sage nur: der Kuss. Insofern sticht dieser Handlungsbogen auch hervor und ist sicher derjenige, über den meisten gesprochen werden wird.
Die Nebenhandlung um Ruby nimmt da eher klassische Züge an. Natürlich möchte sie Emily helfen und kann nicht anders, als irgendwie revolutionär gegenüber ihr zu wirken. Anfangs dachte ich noch, dass Ruby vielleicht einen neuen Partner erhält und anschließend, dass sie Emily zu einer besseren Zukunft verhelfen wird. Aber hier sollen sich die Überraschungen gegen Ende noch überschlagen und nein, ich hätte niemals mit den Szenen gerechnet, die am Ende der Folge kommen. Mag nicht alles positiv sein, aber unterm Strich ist diese Episode sicher ein Highlight.

Doctor und Rogue
Die beiden Namen stechen ohnehin schon hervor und gewohntermaßen geht unser Doctor alles immer mit ein bisschen Humor an. Zu Beginn hatte ich daher auch den Verdacht, dass Rogue eine Art Time Lord sein könnte, der vom rechten Wege abgekommen ist und nun eben als Kopfgeldjäger für bessere Welten sorgt. Aber nein, Rogue ist und bleibt vorerst mysteriös, auch wenn wir ein wenig mehr über ihn erfahren sollen. Das gefällt mir an dieser Figur auch, die gerne noch irgendwann einmal vom Doctor gerettet werden darf.
Aber vielleicht gehen wir erstmal noch ein wenig zurück, denn obwohl ersichtlich ist, dass beide quasi auf der gleichen Seite stehen und schlimme Dinge durch die Chuldur verhindern wollen, ist das anfängliche Verhältnis durch Misstrauen geprägt. Jedenfalls von Rogues Seite, der im Doctor zunächst den Feind sieht und erst in einer (in meinen Augen schönen) Sequenz über die Identität des Doctors aufgeklärt wird. Aber nie zuvor habe ich diese Offenbarung als so treffend empfunden wie hier. Denn es ist kein Gimmick, welches nur die vorherigen Inkarnationen aufzeigt. Der Doctor offenbart sich hier gegenüber Rogue, um zu verdeutlichen, dass er eben kein Chuldur ist. Und erst nach dieser Offenbarung können beide sich zum Team aufbauen, aus dem vielleicht noch mehr werden soll.
Damit kommen wir auch schon zum Kern der Episode, denn unser Doctor hat sich verliebt und möchte liebend gerne zusammen mit Rogue durch Zeit und Raum reisen. Beeindruckt hat er ihn ohnehin schon genug, als es in die TARDIS ging und mir persönlich hat diese Entwicklung sehr gefallen, zeigt sie doch, dass unser Doctor „auch nur ein Mensch ist“ und entsprechend am Ende gegenüber Ruby auch nicht verhüllen kann, wie sehr ihn das Opfer von Rogue getroffen hat. Ncuti Gatwa ist wirklich großartig in der Rolle des Doctors und darf hier neue Wege beschreiten, die wir zuvor noch nicht in dieser Serie gesehen haben. Gerne weiter so, auch wenn der Kuss zwischen einem weißen und einem farbigen Mann in dieser Serie vermutlich ein wenig zu spät kommt.
Bei Rogue kommt einem natürlich irgendwie Jack Harkness (John Barrowman) in den Sinn. Aber Jack wäre sicher anders vorgegangen und hätte sich eingangs nicht so schüchtern gegeben, wie es Rogue macht. Insofern wird hier nichts kopiert und Jonathan Groff ist ebenfalls großartig in seiner Rolle, die nur wenige Dialoge beinhaltet, dafür aber mehr auf Gesichtsausdrücke setzt, die Rogues Verwunderung oftmals sehr gut zum Ausdruck bringen. Eine Verwunderung, die vom ersten Treffen mit dem Doctor ausgeht und gleichzeitig eine Unsicherheit, von der er sich erst beim „großen Skandal“ auf der Tanzfläche endlich löst.
Dieser Handlungsbogen hat mir mit Sicherheit am besten gefallen und wird auch das sein, worüber verstärkt gesprochen wird. Da muss auch fraglos eine Fortsetzung her, denn unser Doctor kann doch sein love interest nicht einfach in einer zufällig gewählten Dimension mit den Chuldur zurücklassen, oder?
Im Storyverlauf finde ich auch nur wenige Schwachstellen. Mich verwundert beispielsweise, dass beide die Herzogin tot auffinden und Rogue den Doctor als Täter verdächtigt. Schließlich waren die beiden seit der Balkon-Szene zusammen und da ging es der Herzogin noch gut. Somit wäre es unmöglich für beide gewesen, als Täter in Frage zu kommen. Außerdem fand ich es schade, dass der Doctor den Heiratsantrag von Rogue mit „I can't“ beantwortet und davonläuft. Okay, es sollte ein Skandal werden und am Ende sehen wir doch noch, wie er sich den Ring anlegt. Aber auf mich wirkte diese Szene ein bisschen wie „flirten ist okay und macht Spaß, aber als Time Lord will ich keine feste Beziehung“. Wie gesagt, wird am Ende revidiert und Rogues Opfer mit der Rettung von Ruby wird vermutlich einen weit größeren Eindruck beim Doctor hinterlassen.

Ruby und Emily
Diese Handlung hätte ich zu Beginn noch im Vordergrund gesehen, aber letztlich war es „nur“ die B-Handlung. Verkupplungsversuche stehen also im Vordergrund und die Herzogin ist beeindruckt davon, wie Ruby Lord Barton abgewehrt hat. Emily hat da weniger Glück und wäre Ruby ihr und dem Lord nicht gefolgt, hätte diese Geschichte sicher einen anderen Verlauf genommen. Stattdessen bringt Ruby Emily auf Ideen, die Emily selbst als „revolutionär“ bezeichnet, was uns Zuschauer kaum verwundert.
Verwundert hat mich aber, dass Emily sich als Chuldur entpuppt und Ruby angreift. Okay, mit dem Tod der Haushälterin (Debra Baker) und später der Herzogin musste es mindestens zwei Gestaltwandler geben. Also Lord Barton und die Herzogin. Womöglich noch weitere, die uns nicht offenbart wurden. Aber Cosplay hin oder her, hätte ich niemals Emily in Verdacht gehabt, die mit ihrem Verhalten - auch beim Anblick von Lord Barton in Vogelform - so unschuldig wirkt. Wenn es eine Wendung gibt, die mir nicht gefallen hat, dann die Tatsache, dass sich Emily als Chuldur entpuppt. Als Twist (und mit Blick auf das Ende) vielleicht unverzichtbar, aber damit wird nebenbei mal die ganze Entwicklung zwischen Emily und Ruby als unnötig deklariert, was mir nicht gefallen hat, auch wenn ich dort eine Notwendigkeit sehe.
Bei der Erstsichtung habe ich mich außerdem gefragt, wie Ruby dem sicheren Tod da entkommen konnte. Aber bei der Zweitsichtung ist mir doch aufgefallen, dass Ruby besondere Ohrringe trägt, die u.a. auch einen „Kampfmodus“ haben, den der Doctor eingangs neben dem „Tanzmodus“ erwähnt. Insofern eine gute Lösung, die den Doctor am Ende dennoch zur Verzweiflung bringt und nur durch Rogue aufgelöst werden kann.
Als Zuschauer war ich mir gewiss, dass Ruby diese Folge überleben würde. Aber ich hätte bei der Erstsichtung der Episode eher auf ihre Herkunft getippt, die sie vielleicht immun gegen die Gestaltwandler macht. Und es ist dennoch ein kleiner Kritikpunkt, wenn wir diese Woche über Ruby und ihre Herkunft weniger erfahren als in den Wochen zuvor. Kein Schnee, keine kleinen Offenbarungen, lediglich die Botschaft, dass unser Doctor sie als beste Freundin bezeichnet und sie entsprechend in Sicherheit sehen will - was ihm diese Woche nicht gelingt. Denn einzig Rogue ist in der Lage, Ruby zu retten. Was ein anderes Opfer bedeutet, aber sicher Carla (Michelle Greenidge) zufrieden stimmen wird.

Sonstiges
Als es darum geht, wen Rogue verloren hat, spricht er im O-Ton von „I lost them.“ Ich habe mir aufgrund der ganzen Gender-Diskussionen der Vorwochen dazu auch die deutsche Tonspur in dieser Szene gegönnt und ratet mal, was Rogue dort sagt: „Ich habe sie verloren.“ Toll, oder? Im Englischen hätte er dafür „I lost her.“ sagen müssen, hat er aber nicht. Unsereins weiß natürlich, dass es zuweilen sehr bequem ist, sich Serien in synchronisierter Form zu gönnen. Aber genau dieser Moment hat mir (wieder einmal) aufgezeigt, dass der O-Ton stets mehr bietet und durch Synchronisation verschiedene Aspekte verloren gehen können. In diesem Fall halt die Beziehung, die Rogue zuvor hatte und eben nicht mit einem weiblichen Wesen verbunden war. Diese Info wäre schon relevant für die Story, geht mit der Übersetzung aber verloren. Und nein, ich möchte sicher niemanden dafür kritisieren, dass er/sie auf Deutsch schaut. Das soll lediglich eine Anmerkung sein. Als Zusatz hätte ich aber noch hinzuzufügen, dass mir die deutschen Stimmen (vor allem die des Doctors) überhaupt nicht gefallen.
Die Chuldur mögen Cosplay. Schön und gut, aber wie kommt es, dass sie TV-Signale von Bridgerton auserwählt haben und dann nicht in unserer Gegenwart auftauchen? Können die Chuldur in der Zeit reisen? Und falls sie dazu fähig sind, müssten sie dann nicht auch in der Lage sein, die Bedrohung durch den Doctor und Rogue zu erkennen? Überhaupt wirken die Bösewichte auf mich nicht sonderlich durchdacht, wenn das eigentliche Ziel sich als „We'll Cosplay this World to Death.“ herausstellt. Da wäre vielleicht ein wenig mehr drin gewesen.
Susan Twist kommt diese Woche als Gemälde vor, was auch von Ruby und unserem Doctor bemerkt wird. Die Herzogin erwähnt dort etwas von „Judgment“. Klingt für mich nach „Valeyard“. Und für euch?
Die Kostüme der damaligen Zeit waren gut gewählt. Aber wenn es um die Kostüme der „Vogelmenschen“ geht, hätte ich doch etwas mehr erwartet. Die sahen jedenfalls vergleichsweise billig aus, weil sie als Masken erkennbar waren.
Fazit
Für mich ganz klar ein Highlight dieser Staffel und Ncuti Gatwa ist wie immer großartig in seiner Rolle als Doctor, wird hier sogar in unbekannte Gewässer geschmissen und absolviert seine Aufgabe mit Bravour, ähnlich wie der anfängliche Gegenspieler Rogue (Jonathan Groff). Rubys Story mit Emily hat mich am Ende weniger überzeugt, obwohl sie sehr gut anfing, ebenso wie die Bösewichte an sich, die am Ende doch sehr blass bleiben. Trotzdem würde ich viereinhalb von fünf Sternen vergeben, weil die Folge sehr einzigartig ist. Und ihr?
Verfasser: Christian Schäfer am Sonntag, 9. Juni 2024(Doctor Who 14x06)
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?