Doctor Who 14x05

© BBC One / Disney+
Dot and Bubble
Mit Dot and Bubble (dt.: „Dot und Bubble“) begibt sich Russell T. Davies erneut in gesellschaftskritische Gewässer und dieses Mal weit deutlicher als zuvor. Ob der Doctor (Ncuti Gatwa) am Ende dieser neuen Staffel von Doctor Who vielleicht den Glauben an die Menschheit verliert? Nach dieser Folge gut vorstellbar und blicken wir auf die bisherigen Episoden zurück, finden wir lediglich in The Devil's Chord eine Ausnahme, die sich nicht mit den Hinterlassenschaften oder Vorhaben böser Menschen beschäftigt.
Dabei fängt es diese Woche eigentlich recht amüsant an, wenn wir Lindy Pepper-Bean (Callie Cooke) begleiten und zusammen mit ihr die Welt von Finetime erkunden. Dort lebt jeder in seiner eigenen (wortwörtlichen) „Bubble“, die lediglich zum Schlafen abgeschaltet wird. Der gesamte weitere Lebensablauf wird den einzelnen Bewohnern vorgegeben, die nur zwei Stunden am Tag „arbeiten“ müssen (dabei wird der „Dot“ aufgeladen, der die Bubble kreiert) und die restlichen Stunden Party machen können. Die Bubble dient dabei als Social Media Plattform, die den Austausch mit Freunden, Arbeitskollegen und Bekannten möglich macht - natürlich die oberste Priorität für jeden - aber führt die einzelnen Bewohner auch wortwörtlich von A nach B und behält die lästigen menschlichen Bedürfnisse im Auge. „Don't waste the day with daily waste.“ - Dr. Pee (Max Boast).
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Dumm nur, dass der Einzelne dabei nichts mehr von seinem Umfeld mitbekommt. Ein paar Leute wundern sich zwar darüber, dass der Kontakt zu manchen Personen abgebrochen ist - auch Lindy erkennt später, dass ihr Freundeskreis ordentlich geschrumpft ist - aber, dass Finetime von Monstern heimgesucht wird, hat vorerst niemand auf dem Schirm. Schließlich werden alle von der Bubble geführt und weichen entsprechend unbemerkt den Monstern aus, ehe sie auf der Speisekarte landen und verschlungen werden.
Der Doctor und Ruby (Millie Gibson) können zwar nicht physisch in Finetime vordringen - die ganze Stadt befindet sich ebenfalls in einer (gut gesicherten) Blase - aber sie statten Lindy in ihrer Bubble mehrere Besuche ab, um sie vor dem schlimmen Schicksal zu warnen. Nur langsam schaffen sie es, Lindy auf die Bedrohung aufmerksam zu machen, ihr Vertrauen zu gewinnen und es gibt ein paar nette Twists, wenn Lindy versucht, allein und ohne Anweisung vor den Monstern wegzulaufen oder später auf Ricky September (Tom Rhys Harries) trifft - den coolsten Typen der Stadt, der aber auch ein paar Überraschungen für uns hat.
Was an sich wie eine lustige Social Media Kritik wirkt - schaut nicht immer auf eure Handys, sonst verpasst ihr die wirkliche Welt und werdet womöglich gefressen! - hat aber noch eine ganz andere Botschaft an Bord, die sich teils während der Episode wittern lässt. Denn einmal sind hier nur junge Menschen im Alter von 17 bis 27 unterwegs, die ihren Aufenthalt von den reichen Eltern spendiert bekommen haben und sich in dieser Pastellfarben-Welt zu Hause fühlen. Und zum anderen haben die alle die gleiche Hautfarbe, es gibt von Lindy ein paar merkwürdige Bemerkungen zum Doctor und überhaupt wollen die Flüchtlinge, auf die wir am Ende treffen, nichts mit dem Doctor und der TARDIS zu tun haben. Hier dreht Russell T. Davies das Messer, welches uns zuvor Lindy unsympathisch gemacht hat - weil sie Ricky opfert, um sich zu schützen - noch einmal um und kommt zur eigentlichen Botschaft dieser Folge: keiner der reichen, jungen Schnösel wird einem farbigen Doctor folgen, sondern nimmt lieber die Fähre in den eigenen Tod. WTF? Kein Wunder, dass der Doctor am Ende weint.

Was habe ich da gerade gesehen?
Diese Frage beschäftigt mich nach Sichtung der Episode sehr und ich bin mir vollkommen unsicher, wie ich sie beantworten soll. Einerseits ist die Folge sicher großartig, weil sie viele Twists und Überraschungen zu bieten hat, mit denen man kaum rechnet. Und ja, sie lädt zum Nachdenken ein, weil im letzten Akt sehr offensichtlich Rassismus das große Thema ist, auch wenn es nie direkt geäußert wird.
Vielleicht ist das auch die große Schwachstelle dieser Folge? Also, dass es nicht eine Person aus Finetime gibt, die lieber mit dem Doctor zu einer besseren Welt reisen möchte als sich in eine ungewisse Zukunft zu begeben? Ich glaube, Ricky wäre dabei gewesen und hätte vielleicht auch seine Follower davon überzeugen können. Aber dank Lindy gibt es keinen Ricky mehr und das gibt mir ebenfalls zu denken.
Mein größter Kritikpunkt für diese Woche ist jedenfalls, dass die Flüchtlinge von Finetime allesamt über einen Kamm geschert werden und die einzelnen beziehungsweise alle (überlebenden) Individuen mehr oder weniger als Rassisten abgestempelt werden. Das ist nicht Doctor Who und auch nicht, wie die aktuelle Welt heute funktioniert. Unsere Welt ist divers und es ist immer schön und gut, wenn auf Probleme aufmerksam gemacht wird, die ja auch tatsächlich existieren. Wir haben ein Social Media Problem, wir haben leider noch immer ein Rassismus Problem, wir haben noch immer Kriege in der heutigen Welt, eine ungleiche Aufteilung zwischen arm und reich und noch so vieles mehr. Alles Probleme, die hoffentlich noch gelöst werden. Hoffentlich.
Für mich ist Doctor Who als Science-Fiction Serie jedenfalls immer mit der Hoffnung auf eine bessere Welt verbunden gewesen. Aber was soll ich hier diese Woche jetzt lernen? Dass alle weißen, reichen Leute im Alter zwischen 17 und 27 unrettbare Rassisten sind, die lieber dem Tod ins Auge schauen würden als mit einem schwarzen Doctor mitzureisen? Das kann es doch nicht sein, oder?

Mit anderen Worten soll und muss diese Serie eine bessere Zukunft aufzeigen und selbst, wenn jetzt eine jüngere Generation als (weitestgehend) nicht lernfähig aufgezeigt wird, kann das mitunter auch spaßig und unterhaltsam sein. Aber das umgedrehte Messer, so wichtig es vielleicht auch sein mag, verfehlt hier die Wirkung und geht genau den anderen Weg, der ebenso wenig wünschenswert ist und fällt seinerseits ein Vorurteil gegenüber allen jungen, reichen und weißen Menschen. Für mich ein klares Fail dieser Folge. Und dabei bin ich weder jung noch reich. Okay, meine Hautfarbe ist hell und vielleicht sollte ich jetzt auch nicht alles überinterpretieren, was eventuell nur der weiteren Story um den Doctor dient. Aber ich bleibe unterm Strich beim Fail, weil es einfach nicht passt, wenn alle weißen Menschen (mit der Ausnahme von Ruby natürlich) über einen rassistischen Kamm geschert werden.
Der Doctor und Ruby
Die Folge erinnert ein wenig an Blink und entsprechend gibt es nicht viele Szenen außerhalb der Bubble mit Ruby und unserem Doctor. Die sollen erst später kommen, wenn es ums Ganze geht. Ist an sich okay, aber ich hätte trotzdem gerne mehr Gespräche zwischen dem Doctor und Ruby gesehen.
Versteht mich nicht falsch, Lindy als Protagonistin zu wählen, die uns in die Welt von Finetime einführt und irgendwann auch mitbekommt, dass etwas nicht stimmt, war großartig. Mir hat auch die Darstellung von Callie Cooke sehr gefallen - das war immer auf den Punkt, auch wenn unsere Sympathien für die Rolle im Folgenverlauf schwinden. Spätestens, wenn sie Ricky ans Messer liefert.
Aber dennoch hätte ich mir vom Doctor und Ruby mehr erhofft. Dass die beiden ein gemeinsames Ziel haben und wie Welt von Finetime retten wollen, steht dabei außer Frage. In der Tat müssen beide sich anstrengen, um überhaupt bei Lindy Gehör zu finden. Hat mir gefallen, zumal diese Rettungsaktion auch vielversprechend wurde und Lindy tatsächlich mal auf Bubble und Dot verzichtet hat, um eigens durch die Gefahren zu steuern. Was mit Blick auf ihr „Gehvermögen“ wieder lustig wurde.

Aber es ist halt alles nicht lustig und Spaß, wenn die Situation lebensbedrohlich wird, obwohl man gerne in seiner Bubble bleiben möchte und nicht wirklich weiß, wie man einen Schritt vor den anderen setzt. Dieses „Wachrütteln“ von Ruby und unserem Doctor hat mir jedenfalls gefallen und machte mir Lindy über weite Teile der Folge auch sympathisch.
Insofern kann ich es verzeihen, wenn die Mystery-Story um Rubys Herkunft pausiert und auch der Doctor einen kleineren Eindruck erhält, ehe er am Ende vor den Kopf gestoßen wird. Unser Team möchte halt einfach nur die Einwohner retten und das machen sie verdammt gut, auch wenn dadurch private Dialoge miteinander ausbleiben.
Sehr schön ist aber der Moment, als Ruby dem Doctor über den Arm streicht. An dieser Stelle wurde die Rassismus-Keule bereits geschwungen und die Flüchtlinge von Finetime haben ihre (unsichere) Bestimmung gewählt. Also, falls der Doctor mit der Menschheit hadern sollte, ist immer noch Ruby an Bord (die noch eine eigene Geschichte bekommen wird - davon gehe ich aus) und die aktuell den Doctor sicher davon überzeugen wird, dass die Menschheit eben nicht von den Einwohnern von Finetime repräsentiert wird.
Sonstiges
Normalerweise würde ich an dieser Stelle noch ein paar Anmerkungen bringen. Zum Beispiel, dass ich Ricky September ganz in Ordnung fand und er seinen vorzeitigen Tod nicht verdient hat. Er war sehr oft außerhalb der Bubble unterwegs und konnte Lindy damit helfen, weshalb ich es sehr schade fand, dass er von seinem love interest verraten wurde.
Es gibt diese Woche viele Gaststars, die mehr oder weniger in der Story involviert sind. Aber ich frage mich tatsächlich, nachdem es von Ruby und unseren Doctor direkt angesprochen wurde, ob Susan Twist (bislang in allen Folgen dabei) nicht doch noch eine größere Rolle spielen wird. Denn gerade der Fakt, dass unser Duo über ihre Auftritte diskutiert, kann doch nur ein größeres Thema andeuten, oder?
Fazit
Sorry, aber diese Woche hat mich kaum etwas überzeugt, obwohl es an großen Botschaften nicht mangelt. Die Frage ist aber, wie das umgesetzt wird und welche Schiene man dafür einschlägt. Lieber mehr Humor? Hier am Ende nicht der Fall, da kommt sogar eine Art „umgekehrter Rassismus“ ins Spiel, wenn es wirklich niemanden gibt, der gerne mit dem Doctor reisen möchte. Auf mich wirkt das viel zu forciert und unnötig, weil gerade die Zuschauer von Doctor Who eben nicht belehrt werden müssen. Die witzige Variante wäre da besser gewesen, ohne das Messer, aber dafür mit Hoffnung. Von meiner Seite sind jedenfalls nur zweieinhalb von fünf Sternen drin. Aber was meint ihr?
Verfasser: Christian Schäfer am Sonntag, 2. Juni 2024(Doctor Who 14x05)
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