Doctor Who 14x04

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73 Yards
73 Yards ist eine der kurioseren Episoden von Doctor Who, bei der Ruby (Millie Gibson) nach wenigen Minuten allein das große Rätsel lösen muss. Denn der Doctor (Ncuti Gatwa) verschwindet plötzlich, nachdem er aus Versehen auf einen Fairy Circle getreten ist und Ruby ein paar der im Kreis platzierten Botschaften gelesen hat. Dafür erscheint - stets im Abstand der titelgebenden 73 Yards - eine alte Frau, die Ruby fortan verfolgt. Andere Personen können diese alte Frau ebenfalls sehen und sich ihr - im Gegensatz zu Ruby - auch nähern. Aber jede Kontaktaufnahme führt dazu, dass die jeweilige Person Ruby anschließend einen angewiderten Blick zuwirft und davonrennt. Mysteriös.
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Ohne eine Idee, was sie tun könnte, macht sich Ruby zum nahegelegenen Ort auf und versucht, im dortigen Pub ein paar Antworten zu erhalten. Die Einheimischen erlauben sich dabei mitunter einen Scherz, wenn sie dem zerstörten Fairy Circle eine übernatürliche Bedeutung geben und meinen, dass Mad Jack (der Name stand in einer der Botschaften) nun von den Toten zurückkehren würde. Wobei das Übernatürliche aber doch irgendwie eine Rolle zu spielen scheint, nachdem Joshua (Sion Pritchard) sein Gespräch mit der alten Frau hatte und erst wieder zum Pub zurückkehren will, wenn „sie“ fort ist. Ruby ist damit nicht länger willkommen.
Sie reist nach London zu Carla (Michelle Greenidge) und Cherry (Angela Wynter) zurück, die über den Doctor keine guten Worte verlieren, weil sie der Meinung sind, er hätte Ruby einfach alleingelassen. Carla hat eine Idee und geht auf die alte Frau zu, während sie am Handy die Verbindung zu Ruby aufrecht erhält. Aber auch Carla nimmt Reißaus und will nichts mehr von ihrer adoptierten Tochter wissen, die jetzt der Verzweiflung nahe ist und sich eine neue Wohnung suchen muss. Ein Jahr später gibt es einen Gastauftritt von UNIT und Kate Lethbridge-Stewart (Jemma Redgrave), aber auch diese Spezialeinheit kann dem Einfluss der alten Frau nicht entgehen und verschwindet wieder.
Fortan muss Ruby ihr Leben allein beschreiten, ihre Beziehungen wollen nicht funktionieren und die alte Frau folgt ihr weiterhin über Jahrzehnte hinweg. Erst als sie Roger ap Gwilliam (Aneurin Barnard) im TV erblickt und von seinem Spitznamen Mad Jack erfährt, fasst sie einen Plan, der die Lösung ihres Dilemmas bedeuten könnte. Aber ob sie damit richtig liegt?

Ruby Sunday
Es kommt hin und wieder vor, dass die Begleiter des Doctors ein Abenteuer allein lösen müssen. Das sind stets besondere Folgen, denn eine Episode fast im Alleingang zu tragen, ist für den jeweiligen Darsteller eine ganz andere Herausforderung, als wenn man Teil eines Ensembles ist. Das Abenteuer dieser Woche hat mich mit Blick auf die Story entfernt an Turn Left erinnert, wo eine gewisse Donna Noble (Catherine Tate) falsch abbiegt und anschließend nie auf den Doctor (David Tennant) trifft.
Aber zurück zu Ruby und 73 Yards. Millie Gibson hat mich als Darstellerin hier auf ganzer Linie überzeugt und ist damit der größte Pluspunkt dieser Folge. Sie gibt Ruby stets die passenden Emotionen mit, die hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) aus Verzweiflung und Angst bestehen. Bestes Beispiel an der Stelle, wo Ruby nach Hause kommt und feststellen muss, dass Ziehmutter Carla die Schlösser ausgetauscht hat und nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte. Da ist selbst mir als Zuschauer ein wenig das Herz zerbrochen.
Aber Ruby kommt selbst an der Stelle nicht als schwache Figur rüber. Ihre Stärke liegt darin, nicht aufzugeben und weiter zu hoffen. So setzt sie auch nach diesem Erlebnis einen Schritt vor den anderen, hat ein Jahr später einen kleinen Wutanfall, nachdem Kate und UNIT keine Lösung liefern und lebt daraufhin ihr Leben weiter. Stets verfolgt von der alten Frau, weswegen sie ihre Beziehungen nicht aufrechterhalten kann. Aber auch davon lässt sie sich nicht unterkriegen und bleibt kämpferisch.
Autor Russell T. Davies schickt Ruby hier auf eine grausame Reise, die den Rest ihres Lebens beinhalten soll. Eine Station nach der nächsten wächst die Ernüchterung in Ruby und selbst, als sie meint, sie hätte endlich die Lösung in Form von Gwilliam gefunden, soll sich die anschließende Rettung der Welt vor einem „nuklearen“ Premierminister als Finte erweisen. Erst am Ende und mit Rubys vermeintlich letztem Atemzug erwartet uns die Auflösung, über die ich gleich noch diskutieren werde. Was für ein endloser Horrortrip für Ruby - da hofft man inständig, dass sie sich später (beziehungsweise Jahrzehnte früher) nicht an diese Geschichte erinnern wird.

In Sachen Staffelthema - Rubys Herkunft - lässt sich nun diskutieren, ob ihre Besonderheit darin liegt, die Vergangenheit auch ohne TARDIS manipulieren zu können. Schließlich entpuppt sich die alte Frau als die alte Ruby (Amanda Walker) und die hat es irgendwie geschafft, zurück zu dem Punkt zu reisen, als alles schiefgelaufen ist und mehr noch: zu verhindern, dass diese Geschichte jemals stattfand. Die alte Frau ist ferner während der gesamten Folge zeitlos unterwegs und altert nicht. Sie kann ihren Ort von einem Augenblick zum anderen wechseln, da scheint es lediglich eine Abstandsregel von sich selbst zu geben. Alles zusammen kommt da schnell die Vermutung, dass Ruby eine Art organische TARDIS sein könnte, die sich ihrer Fähigkeiten nur noch nicht bewusst ist. Aber vielleicht interpretiere ich auch ein bisschen zu viel in die Geschichte hinein. Was meint ihr?
Eine andere Lösung würde sich mit Blick auf das Übernatürliche anbieten, welches seit Wild Blue Yonder ebenfalls ein großes Thema darstellt. Selbst UNIT hat das schon aufgegriffen und das Verschwinden des Doctors lässt sich doch bloß magisch erklären, weil er den Fairy Circle zerstört hat, oder? Ist Ruby damit vielleicht ein übernatürliches Wesen aus einer Fantasy-Welt? Vermutungen gerne in den Kommentaren. Ich bin jedenfalls gespannt, worauf Rubys Geschichte hinauslaufen wird und liebe dieses Rätselraten mit stark begrenzten Hinweisen.
Zwischen Faszination und Frustration
Nun aber zur Story an sich, die sich mit Blick auf das Ende leicht als paradox entpuppt. Denn wie kann die alte Ruby am Ende eine Warnung geben und verhindern, dass der Doctor den Fairy Circle kaputt macht, ohne die Episode als solche erlebt zu haben? Rein logisch macht das keinen Sinn, womit wir wieder bei Magie wären. Und irgendwie weiß Ruby ja doch, dass sie einmal mehr in Wales war als zuvor. Hmm, vielleicht kommen ihre Erinnerungen an diese parallele Geschichte noch zurück? Abwarten.
Für mich als Zuschauer war diese Geschichte und trotz der großartigen Darstellung von Millie Gibson jedenfalls frustrierend wie faszinierend gleichzeitig. Ich hatte zu Beginn erwartet, dass sich die gesamte Handlung in Wales abspielen würde und uns tatsächlich eine Story um Hexen und Druiden erwartet, die den Doctor entführt haben und jetzt Ruby zusetzen wollen. Oh, mein lieber Russell, wie hast du mich da hinters Licht geführt. Zwar deutete bereits die „pay by phone“ Szene an, dass wir es im Pub nicht mit Hinterwäldlern zu tun haben, aber nachdem Ruby vom unterbrochenen Fairy Circle erzählt hat, wurde ich von den Kneipengästen genau so ins Boxhorn gejagt wie Ruby. Das war sehr stimmungsvoll und unheimlich, ehe der Lieferant hinter der Tür stand und die Gäste anschließend lachten (auch über mich, hatte ich das Gefühl). Irgendwie großartig, aber doch auch ein bisschen frustrierend, weil Holzweg.

Mit Rubys Rückreise nach London und dem anschließenden Geschehen wird der Fokus immer wieder auf die alte Frau gelenkt, die das eigentliche große Mysterium der Episode darstellt. Und Auflösung am Ende hin oder her, hätte ich doch gerne gewusst, was sie den verschiedenen Personen erzählt hat, damit die anschließend Ruby einen abstoßenden Blick zuwerfen und davonlaufen. Haben sie erkannt, dass es sich dabei um eine ältere Ruby handelt? Gut möglich und könnte auch erklären, weshalb die ersten Personen davonrennen. Aber bei Carla muss es doch schon anders gewesen sein, oder? Außerdem haben UNIT und Kate diverse Sicherheitsmaßnahmen an Bord gehabt, die ihnen nichts nützten. Da bleibt halt weiterhin die Frage im Raum, weshalb alle davonlaufen und mit Ruby nichts mehr zu tun haben wollen. Eine Frage, dessen Antwort uns Russell T. Davies schuldig bleibt und damit die Frustration des Zuschauers erwirkt. Denn der Fokus wird immer wieder auf die alte Frau und ihre Sätze gegenüber den Personen gelenkt, die daraufhin die Flucht ergreifen und nichts mehr mit Ruby zu tun haben wollen. Mag ja sein, dass es mit Rubys Herkunft zu tun hat, aber ohne eine Erklärung wächst halt meine Frustration über das große Ganze der Folge.
Das macht sich auch später bemerkbar, wenn Ruby den frisch gewählten Premierminister ins Auge fasst und meint, den Sinn und Zweck der alten Frau gefunden zu haben. Aber es wird auch in dieser Zeitepoche deutlich, dass der Autor der Folge kaum Interesse daran hat, Gwilliam ordentlich vorzustellen. Der wirkt stets wie eine Marionette (ist er das vielleicht sogar?), weil er kaum Fleisch auf seine charakterlichen Knochen erhält. Es wird immer darauf verwiesen, dass er gerne so schnell wie möglich Nuklearwaffen benutzen möchte und mitunter auch, dass er Marti Bridges (Sophie Ablett) zusetzt (heftig, auch wenn Marti das nicht näher ausführt). Insofern ein Bösewicht, weil Bösewicht, aber weit davon entfernt, eine interessante Figur zu sein. Dazu ist seine Einführung einfach zu kurz und an dieser Stelle lässt sich auch anmerken, dass das gesamt Pacing der Episode nicht wirklich funktioniert. Vieles passiert zu schnell, anderes kommt zu kurz und das Gesamtbild bleibt damit fragwürdig. Hätte ich besser erwartet, auch wenn ich die Folge an sich recht faszinierend fand. Aber was bleibt am Ende? Doch eher der Frust darüber, dass eine adäquate Auflösung fehlt und diese gesamte Geschichte nie wirklich stattgefunden hat.
Fazit
Millie Gibson ist und bleibt großartig, kann diese Folge ohne Doctor mit Leichtigkeit tragen und sorgt entsprechend auch dafür, dass die Wertung hier relativ hoch wird. Die Geschichte an sich wirft aber verschiedene Fragen auf, die nur begrenzt beantwortet werden. Das macht zwar neugierig auf Rubys Herkunft und eigentliche Rolle, aber die Antwort auf den eigentlichen Aufhänger der Folge wird schlichtweg nicht gegeben, ebenso wie die Episode an sich am Ende als fast belanglos deklariert wird. Von meiner Seite gibt es dreieinhalb von fünf Sternen. Und von euch?
Verfasser: Christian Schäfer am Sonntag, 26. Mai 2024(Doctor Who 14x04)
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