Dracula 1x01

Dracula 1x01

Mit der Miniserie Dracula hauchen die Sherlock-Schöpfer Mark Gatiss und Steven Moffat einem weiteren Literaturklassiker neues Leben ein. Kann Claes Bang als Vampir genauso überzeugen wie Benedict Cumberbatch als Detektiv?

Claes Bang und John Heffernan in Dracula (c) BBC/Netflix
Claes Bang und John Heffernan in Dracula (c) BBC/Netflix
© laes Bang und John Heffernan in Dracula (c) BBC/Netflix

Während die Erfolgsserie Sherlock weiterhin auf unbestimmte Zeit pausiert, präsentiert die britische Rundfunkanstalt BBC in Zusammenarbeit mit dem Streamingservice Netflix nun ein neues Werk des Autorenduos Mark Gatiss und Steven Moffat: den Dreiteiler Dracula. Auch in diesem wird ein längst ausgeleierter Stoff der Weltliteratur neu aufgerollt, was ja durchaus ein gefährliches Spiel sein kann. Zumal eine Horrorgeschichte wie die des Vampirs von Bram Stoker ein weiteres Risiko birgt: Wie oft kann man das titelgebende Monster zeigen, bevor es nicht mehr gruselig erscheint?

Nach der anderthalbstündigen Auftaktepisode The Rules of the Beast, die gestern Abend in Großbritannien erschien und ab Samstag, den 4. Januar auch in Deutschland zur Verfügung steht - genauso wie die zwei übrigen Folgen, die heute und morgen bei der BBC auf Sendung gehen -, kann man allerdings erahnen, dass Gatiss und Moffat alles akribisch durchdacht haben. Herausgekommen ist, wie schon im Fall von Sherlock, eine Adaption, die ihrer Vorlage huldigt und gleichzeitig etwas Erfrischendes an sich hat. Die Zauberwörter lauten Humor und Unberechenbarkeit.

Worum geht's?

Zum ersten Mal Bekanntschaft machen wir mit Dracula, gespielt vom Dänen Claes Bang (The Affair), nach weniger als zehn Minuten. Gatiss und Moffat legen also wenig Wert auf Antizipation, sondern vertrauen darauf, dass die Figur allein durch ihre Präsenz schockiert und eben nicht durch ihren Mythos. Ein weiteres Stilmittel, das der Spannung eigentlich einen Strich durch die Rechnung machen müsste: Der „PoV“-Charakter, aus dessen Sicht wir das finstere Schloss in Transsilvanien betreten, ein englischer Anwalt namens John Harker (John Heffernan), berichtet von seiner Begegnung mit dem Vampir in Rückblenden. Wir wissen also, dass er seinen Besuch in der Hölle überlebt hat. Oder vielleicht doch nicht?

Der Grund für seine Reise Richtung Rumänien: Er will dem ominösen Dracula ein Haus in England verkaufen, denn dort will der alte Greis, um den sich so viele schreckliche Sagen drehen, hinziehen. John erwartet keinen langen Aufenthalt - ein, zwei Unterschriften und dann schnell zurück zu seiner geliebten Verlobten Mina (Morfydd Clark). Aber daraus wird natürlich nichts. Ohne es zu merken, wird er zum Gefangenen von Dracula, der ihm mit jeder Sekunde ein Stück Leben aussaugt. Während der Gast immer schwächer wird, erblüht der Gastgeber auf schier wundersame Art und Weise. So gesehen lernen wir unseren echten Dracula, also den jungen und vitalen, erst jetzt kennen.

Und auch die Nonne Schwester Agatha (Dolly Wells) wird uns vorgestellt, die mit Abstand die unterhaltsamste Figur abgibt. Ihr Zynismus, der so gar nicht zu einer Braut Christi zu passen scheint, sorgt für viele Lacher, was als Ventil auch dringend nötig ist. Und ebenso die Nonchalance, mit der sie John verhört, wirkt herrlich unerwartet. Man kann nur hoffen, dass sie zur Hauptfigur der Miniserie avanciert, was durchaus wahrscheinlich ist, da wir am Ende der ersten Episode eine interessante Enthüllung zu ihrer wahren Identität erhalten. Und das ist keineswegs die einzige Überraschung der Folge...

Dolly Wells in Dracula
Dolly Wells in Dracula - © BBC/Netflix

Doch Gatiss und Moffat wissen auch, wann sie lieber auf Bewährtes setzen sollten. Im Vorfeld galt beispielsweise als fraglich, ob Dracula genau wie Sherlock in die Gegenwart geholt werden sollte, was bis dato nicht der Fall ist. Doch, da der Protagonist prinzipiell als unsterblich angesehen werden kann, besteht für ihn trotzdem noch die Möglichkeit, künftig auch im heutigen London auf die Jagd zu gehen. Dann müssten sich diesmal nicht nur junge Frauen in Acht nehmen, sondern auch Männer. Denn dieser Vampir ist bi, was deutlich wird, als er sein männliches Opfer John als seine Braut bezeichnet. Obwohl Sexualität bislang nur am Rande eine Rolle spielt, als Dracula nämlich aus Langeweile versucht, ein Baby zu zeugen.

Ohnehin wirkt es am Ende der ersten Folge etwas schleierhaft, wie es nun noch weitergehen soll, da Dracula einen Sieg auf ganzer Linie einzufahren scheint. Lernen wir in der nächsten Episode einfach neue Hauptfiguren beziehungsweise Opfer kennen oder können die alten Helden ihre Köpfe doch noch irgendwie aus der Schlinge ziehen? Sie dürften jedenfalls die besten Chancen haben, Dracula zu stoppen, denn sie kennen ihn und auch seine wenigen Schwächen nun am besten. Obgleich sich die Serienmacher diesbezüglich wieder sehr an die gängigen Spielregeln halten, sprich Spiegel, Holzpfähle, Sonnenlicht und christliche Symbole. Draculas größte Schwäche ist jedoch seine Unfähigkeit, ein Haus zu betreten, in das er nicht eingeladen ist. Diese überraschende Einschränkung seiner Macht hat fast schon etwas Amüsantes.

Insgesamt wirkt es so, als ob Gatiss und Moffat gerne dazu bereit sind, den Gruselfaktor der Figur für ein paar kleine Witze hier und da zu opfern. Am meisten fasziniert der Vampir aber eh durch seine Eloquenz, ähnlich wie Benedict Cumberbatch als Meisterdetektiv. Eines der vielen tollen Zitate lautet beispielsweise: „Warum kommt der Tod für Sterbliche nur immer so unerwartet?Sherlock-Sphären bleiben für Dracula aber vorerst unerreicht, zumal die Nebenfigur der Schwester Agatha den Hauptcharakter auch hier wieder in den Schatten stellt. Der beste Beweis dafür ist der Schlagabtausch am Ende der Folge. Auf die Frage, wer sie sei, antwortet sie: „All deine Albträume auf einmal, eine aufgeklärte Frau mit Kruzifix.

Fazit

Wie zu erwarten war, haben Mark Gatiss und Steven Moffat aus Dracula etwas gemacht, das alles andere als langweilig ist. Die meisten anderen Autoren wären vermutlich an dem Stoff gescheitert, da es zu verlockend gewesen wäre, einfach auf die gängigen Klischees zu setzen, statt sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, warum eine Neuauflage der Geschichte überhaupt benötigt wird. Sherlock-Fans werden in dem Dreiteiler vieles wiederfinden, was sie an ihrer Lieblingsserie zu schätzen wissen. Gemeint sind damit besonders der unverkennbare Humor des britischen Kreativteams sowie die überaus ergiebigen Konstellationen an klugen Charakteren, die immer für eine Überraschung gut sind.

Spannend ist aber auch, dass die erste Episode viele Möglichkeiten offenlässt, wie es nun weitergehen könnte. Dass Dracula früher oder später Großbritannien erreichen muss, steht völlig außer Frage. Doch wer wird sich ihm entgegenstellen? Vieles deutet darauf hin, dass Schwester Agatha dieser Jemand sein wird, was wahrlich ein Duell auf Augenhöhe bedeuten würde. Dolly Wells macht Claes Bang jedenfalls schon gute Konkurrenz um den Posten als wahrer Star der Serie. Wer am Ende gewinnen wird, steht auch schon fest: wir Zuschauerinnen und Zuschauer. Übrigens können sich selbstverständlich auch die Schauwerte und Spezialeffekte sehen lassen, was bei zwei so professionellen Produktionspartnern wie der BBC und Netflix allerdings kaum der Rede wert sein sollte. Nach dem Trauma des Filmes „Van Helsing“ vielleicht trotzdem eine wichtige Information...

Hier abschließend noch der Trailer zur neuen BBC- und Netflix-Miniserie Dracula:

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Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 2. Januar 2020
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Dracula 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Die Regeln des Biests
Titel der Episode im Original
The Rules of the Beast
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Mittwoch, 1. Januar 2020 (BBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 4. Januar 2020
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Samstag, 4. Januar 2020
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Samstag, 4. Januar 2020
Regisseur
Jonny Campbell

Schauspieler in der Episode Dracula 1x01

Darsteller
Rolle
Claes Bang
Dolly Wells
John Heffernan
Morfydd Clark
Joanna Scanlan
Lujza Richter

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