Dr. Brain: Review der Pilotepisode von Apple TV+

Dr. Brain: Review der Pilotepisode von Apple TV+

Wartet der Streamingdienst Apple TV+ nach dem Netflix-Hit Squid Game mit seiner eigenen koreanischen Erfolgsserie auf? Der psychologische Sci-Fi-Thriller Dr. Brain von Filmemacher Kim Jee-woon macht schon mal einen sehr guten Ersteindruck. Hier ist unser Pilotreview.

Poster zur Serie Dr. Brain (c) Apple TV+
Poster zur Serie Dr. Brain (c) Apple TV+
© oster zur Serie Dr. Brain (c) Apple TV+

Die Eigen-Produktion Dr. Brain von Apple TV+ war natürlich schon sehr viel länger in Arbeit, als Squid Game in aller Munde ist, aber es ist schon tolles Timing vom Netflix-Konkurrenten, mitten im Tintenfischspielhype eine eigene koreanische Thrillerserie anzubieten, mit welcher der Launch des Streamingdienstes in Südkorea begangen wird. Es ist auch nicht irgendeine von dort stammende Serie, sondern die erste von Filmemacher Kim Jee-woon, der mit dem Horrorfilm „A Tale of Two Sisters“, dem Serienkillerthriller „I Saw the Devil“ oder zuletzt der „Jin Roh“-AdaptionIllang: The Wolf Brigade“ bewies, ein Händchen für spannende Genrekost mit starkem emotionalen Kern und mit visuellem Flair zu besitzen.

Mit „Dr. Brain“ (fka „Mister Robin“) adaptiert Kim den gleichnamigen, populären Webtoon (wie Webcomics im Gegensatz zu digitalen Manhwa in Korea heißen) von Autor Hongjacga. Schauspieler Lee Sun-kyun, den man als (wohlhabenden) Vater aus dem Oscar-Abräumerfilm „Parasite“ kennt, ist hier als Neurologe Dr. Sewon Koh zu sehen, der nicht nur Gehirne erforscht, sondern selbst über ein außergewöhnliches Exemplar im eigenen Schädel verfügt. Wie wir durch den anfänglichen Flashback in seine Kindheit erfahren, besitzt er einen fast doppelt so großen Hippocampus wie gewöhnlich, wohingegen seine Amygdala nicht einmal ein Viertel so groß ist, wie sie sein müsste... Aufgrund seiner Fähigkeit, Dinge auseinanderzunehmen und zu analysieren sowie seiner Schwierigkeit, Verbindungen mit anderen Kindern aufzubauen, legten die Ärzte seiner Mutter nahe, dass er sich auf dem Autismusspektrum befinden könnte.

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Das tragische wie prägende Ereignis, seine liebevolle Mutter durch einen Verkehrsunfall zu verlieren, erhält schließlich ein dramatisches Echo in Sewons Erwachsenenleben, als sein ganz ähnlich gestrickter Sohn Do-yoon durch ein Feuer ums Leben kommt, was auch die Beziehung zu seiner Frau Jaeyi (Lee Yoo-young) in Mitleidenschaft zieht, die den Verlust nicht wahrhaben will. Bei seiner neurologischen Forschung kann er einige Zeit später immerhin einen Erfolg verbuchen, was die Pionierarbeit an einem Gerät betrifft, das es mithilfe von Quantenquatsch ermöglicht, zwei Gehirne zu synchronisieren, um somit die Erinnerungen einer verstorbenen Person zu absorbieren. Nach dem ersten erfolgreichen Test an einer Ratte, führt er ohne Genehmigung oder Rücksicht auf das eigene Wohl einen menschlichen Selbsttest mit sich und einem vermeintlichen Unfallopfer durch, doch das Verfahren hat Nebenwirkungen...

Es ist nicht nur, dass Sewon unerwarteterweise Eigenheiten und Gewohnheiten seines synchronisierten Gegenübers annimmt - wie etwa Alkoholgenuss und Linkshändigkeit -, es fällt ihm sichtlich schwer, zwischen sich und seinem Testsubjekt zu unterscheiden. Die Grenzen der Persönlichkeiten fangen an zu verschwimmen, was natürlich auch bedeutet, dass Erinnerungen Gefahr laufen, ineinander überzugehen. Wir als Publikum des Ganzen sollten daher keiner Information, Darstellung oder Szene aus der Sicht des waghalsigen Erinnerungsexperten vertrauen...

Als Sewon sich beispielsweise mit einem toten Bekannten seiner verschwundenen Frau synchronisiert, nachdem ein Privatermittler (Park Hee-soon) ihn wissen lässt, dass dieser nach ihr suchte, gräbt er kryptische Erinnerungen an dessen Tochter aus, die eine Katze mit demselben Namen wie sein Sohn hatte. Irgendetwas verhält sich hier eindeutig nicht so, wie es uns aufgetischt wurde. Hatte Sewon überhaupt eine Familie, wie wir sie in seinen eigenen Erinnerungen gesehen haben? Können wir überhaupt dem Flashback vom Anfang der Episode zur tragischen Geschichte der Mutter Glauben schenken? Und was hat es mit den monsterhaften Erscheinungen auf sich, die ihn neuerdings heimsuchen? Handelt es sich dabei lediglich um Nebenwirkungen in Form von audiovisuellen Halluzinationen oder hat er sich nicht nur mit den Hirnen der Personen, sondern gar mit dem Totenreich verbunden, das ihn jetzt heimsucht? Ist dies noch ein Cyberthriller über Erinnerungen und Wahrnehmung oder schon eine ausgewachsene Horrorserie?

Wie sich gegen Ende der ersten Episode herausstellt, pflegt Sewon seine komatöse Frau Jaeyi bei sich zu Hause, was zum einen noch mehr Fragen über das zwischenzeitlich Geschehene aufwirft, ihm aber zum anderen die Möglichkeit gibt, eine Synchronisierung mit ihrem Gehirn auch in diesem halblebendigen Zustand zu wagen. Was wird er sehen, wenn er diesen Versuch unternimmt? Ist am Ende doch etwas an ihrer damaligen, weit hergeholten Behauptung dran, der Sohn sei noch am Leben, wie er es inzwischen auch von einem Geistermädchen aus einer seiner Visionen gehört hat? Wird das Synchronisieren mit einem geschädigten Hirn ihn nur noch weiter verwirren? Und wie weit wird er letztendlich gehen, um an weitere Erinnerungen von noch nicht verstorbenen Personen heranzukommen...?

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Fazit

Der Auftakt von Dr. Brain ist eine aufwendig und geschmackvoll inszenierte Stunde an futuristischem Psychothriller, die sich trotz allem nicht für exzentrische Horrorfilmausschläge zu schade ist, was bei Filmemacher Kim Jee-woon in besten Händen liegt. Mit vielen emotionalen Flashbacks und notwendigen Hintergrundinfos, ehe die eigentliche Geschichte ins Rollen kommt, könnte man die erste Episode als slow burn bezeichnen, die nicht sofort mit offensichtlicher Aufregung mitreißt, wenn die meisterhaft ausgeleuchteten und eingefangenen Szenen sowie das zurückgehaltene, aber eindringliche Schauspiel von Lee Sun-kyun nicht so fesselnd wären... Offenbar wird hier viel Vorarbeit für einen Haufen dramatischer Wendungen und Twists geleistet, denn sobald es sich um eine Story über Erinnerungen handelt, müssen wir alles auf dem Bildschirm Erscheinende mit einer guten Portion Skepsis anzweifeln. Und wenn eine Serie schon auf so spektakuläre Weise anfängt, mit ihrer erzählten Realität zu spielen, würde es nicht wundern, wenn diese Mischung aus „Inception“, „Flatliners“ und koreanischem Horror am Ende sogar in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“-Gefilde abdriftet...

Dr. Brain“ liegt mit sechs Episoden bei Apple TV+ vor, die im koreanischen Original mit optionalen Untertiteln oder in der deutschen Synchronfassung angesehen werden können. Weitere Sprachen und auch Audiodeskriptionen liegen ebenfalls vor.

Hier der Serientrailer zur Serie „Dr. Brain“ auf dem Streamingdienst Apple TV+:

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