Dogs of Berlin 1x01

© ??Dogs of Berlin“ (c) Netflix
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten vier Folgen der ersten Staffel von „Dogs of Berlin".
Manchmal weiß man zu Beginn einer Serienkritik gar nicht so richtig, wo man denn eigentlich anfangen soll. Mit ein paar allgemeinen Informationen zu dem Titel, der zur Diskussion steht, mit einer klassischen Beschreibung, um was es eigentlich geht, oder aber mit einem eher persönlichen Einblick in die eigene Gedankenwelt, wie man im Vorfeld zu dem Format eingestellt war, dem man nun seine Aufmerksamkeit etwas genauer widmet. Auch Dogs of Berlin, Netflix' neuester deutscher Serienstreich nach dem Mysterythriller Dark aus dem letzten Jahr, stellt mich vor die schwierige Frage, wie ich denn an den Krimi-Thriller-Gangster- und Polizeidrama-Hybrid von Regisseur und Serienschöpfer Christian Alvart („Antikörper“) herangehen soll.
Fair, aber auch ehrlich, das sollte der Standard sein. Gleichzeitig macht es einem der Neustart, dessen erste Staffel insgesamt zehn Episoden umfasst, alles andere als einfach. Ich möchte kein Geheimnis daraus machen, dass meine Erwartungshaltung gegenüber „Dogs of Berlin“ von Beginn an gering war und die Prämisse der Geschichte mich ziemlich kaltließ. Schauen wir aber trotzdem mal rein in diese in Berlin angesiedelte Erzählung, die sich größtenteils um den Mord an dem besten Fußballer Deutschlands dreht, der von zwei ungleichen Polizisten untersucht wird, die wiederum in den verschiedensten Milieus beheimatet sind und es bei ihren Ermittlungen mit brutalen Neonazis und kaltblütigen, türkischen Familienclans zu tun bekommen.
Die Idee erscheint mir folgendermaßen: „Dogs of Berlin“ soll eine finstere, aber gleichzeitig erleuchtende Serie sein, kalt und cool, mitreißend, schockierend und divers. Um in dem Duktus der Drehbücher zu bleiben, „Dogs of Berlin“ soll den Zuschauer „bei den Eiern packen“, es soll ihnen ein Berlin zeigen, das im pechschwarzen, amoralischen Sumpf der Sünde und der organisierten Kriminalität versinkt, ach was, schon längst darin versunken ist. Das Konzept und die Ambitionen von Alvart und seinen Mitschaffenden in allen Ehren: Nein. Das funktioniert nicht. Nicht einmal in den ersten vier Episoden, die ich nun vor dem Start der Serie angesehen habe.
„Dogs of Berlin“ reißt nicht mit, es langweilt. Es verstrickt sich in absurden Lächerlichkeiten und lässt mich als Zuschauer immer wieder unangenehm berührt zusammenzucken - nicht, weil die Handlung unter die Haut geht oder explizite Gewaltszenen den plakativen Schockwert der Serie stetig in die Höhe treiben. Nein, es ist alles so furchtbar unangenehm, weil man schwer glauben kann, dass die Verantwortlichen das Gezeigte wirklich ernst meinen. Von Authentizität ist hier leider nicht viel zu spüren, jeder Konflikt, jede Darbietung, jeder stumpfe, nuancenbefreite Dialog in „Dogs of Berlin“ schreit förmlich danach, so konstruiert zu sein, um einen besonders coolen Effekt zu erzielen. Dabei dürfen natürlich auch extrem viel nackte Haut und flotte Sprüche von kernigen Antihelden nicht fehlen, die uns unentwegt daran erinnern, wie echt, wie krass, wie abgebrüht das alles doch ist.
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Wuff wuff wuff
Man versucht sich in Dogs of Berlin daran, ein komplexes Konstrukt an Charakteren und verschiedenen Konflikten aufzubauen, die teilweise in Wechselwirkung zueinander stehen. Das Resultat ist jedoch ein undurchsichtiger Mischmasch an Figuren, die in ihren eigenen, uninteressanten Welten leben und deren Namen man vergisst, sobald es zum Szenenwechsel kommt. Einzig die beiden Ermittler im Zentrum der Erzählung, Kurt Grimmer und Erol Birkam, gespielt von Felix Kramer und Fahri Yardim, haben Wiedererkennungswert. Das liegt jedoch weniger an den Darbietungen des Duos oder den ausgefeilten Persönlichkeiten ihrer Charaktere, sondern an der schamlosen Übertreibung und extremen Überinszenierung beider Figuren, die so unglaublich verschieden sind, sie müssen einfach ein eigenwilliges Team bilden!
Der Holzhammer ist ein beliebtes Werkzeug in dieser Serie, die keine Zeit für Subtext hat und jede Motivation, jede Gefühlsregung immer wieder ausformulieren muss. Allein am Ende der Pilotfolge wird für alle, die die Idee der Serie noch nicht verstanden haben, noch einmal in einem pseudotiefsinnigen, taffen Monolog von Kurt Grimmer zusammengefasst, was für ein Höllenloch doch dieses Berlin ist. Dass hier niemand eine Wahl hat und jeder nur versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, bis ein neuer Tag anbricht. Man möchte in diesem Moment so fest wie nur möglich seinen Schädel auf die nächstliegendste Holzfläche hämmern. Diese Art Serie war doch vor mehr als zehn, 15 Jahren gefragt! Schwer zu glauben, dass man derartig alte, ausgelutschte Kamellen jetzt noch einmal hervorkramt...
Was besonders frustrierend ist und bisweilen bei der Sichtung förmlich wütend macht: „Dogs of Berlin“ möchte so kantig sein, es will das Gefühl der Straße und der Stadt begreifen und wiedergeben, macht sich dabei aber allen voran lächerlich. Möglicherweise ist an ein paar der Geschichten ja sogar ein Fünkchen Wahrheit dran, dargestellt werden diese jedoch so überspitzt und lachhaft, dass sich keinerlei Glaubwürdigkeit oder ein authentisches Gefühl von Ort und Zeit aufbaut. Insbesondere, wenn man in Berlin groß geworden ist oder über mehrere Jahre in dieser Stadt gelebt hat, findet man sich mehrfach auf verlorenem Posten wieder, weil stets der einfachste, platteste Weg genommen wird, um den Handlungsort zu illustrieren. Auf dem Papier hat man sich allem Anschein nach wunderbare Grauzonen ausgedacht, in der Realität offenbart sich allerdings ein oberflächliches Bild aus Schwarz und Weiß.
Ein paar der kreativen Entscheidungen (Das Hauptquartier des Sondereinsatzkommandos befindet sich im Steglitzer Bierpinsel? Der fiktive Ortsteil Kaiserwarte steht stellvertretend für bestimmte Viertel in Kreuzberg?) kann ich ja noch verzeihen, doch bei der technischen Umsetzung vieler Szenen lässt „Dogs of Berlin“ ebenfalls derartig eklatant Federn, man möchte fast den Hörer in die Hand nehmen und telefonisch nachfragen, ob das so jemals auf Netflix rausgehen sollte. Seltsame, hochdramatische Zooms; verwirrende Bildeinstellungen, in denen Figuren halb angeschnitten von anderen Figuren verdeckt werden; die uninspirierte Belichtung, vorzugsweise in Rot- oder Blautönen; teils asynchron wirkende Dialogszenen; Green-Screen-Effekte, bei denen es einem die (Fußball-)Schuhe auszieht - nein, „Dogs of Berlin“ tut sich mit all diesen Dingen keinen Gefallen und liefert nur noch mehr Argumente gegen sich selbst.
Als ich mir die ersten vier Episoden von Dogs of Berlin angeschaut habe, geisterte sehr oft eine bestimmte Frage durch meinen Kopf: „Glauben die Verantwortlichen wirklich, dass das, was sie hier abliefern, sehenswert und packend ist?“ Diese gewaltige Ansammlung von Krimiklischees, dieses lieblose Zusammenwerfen von brandaktuellen, gesellschaftlichen Problemthemen, die so simpel heruntergebrochen werden, dass man es eigentlich gleich sein lassen kann. Ehrlich gesagt: Ich verstehe es nicht. Soll das alles ein bisschen The Shield sein, ein wenig 4 Blocks und eine ganze Menge von den vielen generischen style over substance-Formaten, die nicht ohne Grund über die Jahre immer weniger geworden sind? Ich lasse es mir gerne von jemandem erklären, der Dogs of Berlin tatsächlich etwas abgewinnen kann...
Der Trailer zu „Dogs of Berlin":
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 7. Dezember 2018Dogs of Berlin 1x01 Trailer
(Dogs of Berlin 1x01)
Schauspieler in der Episode Dogs of Berlin 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?