Disenchantment: Kritik zur neuen Matt-Groening-Serie bei Netflix

Disenchantment: Kritik zur neuen Matt-Groening-Serie bei Netflix

Nach The Simpsons und Futurama bringt Matt Groening bei Netflix seine dritte Animationsserie an den Start. Statt im Science-Fiction-Genre spielt diese in der Welt der Fantasy inklusive Königreichen, Sagenwesen wie Elfen und Dämonen und Zwangsheiraten.

Das Trio aus „Disenchantment“ (c) Netflix
Das Trio aus „Disenchantment“ (c) Netflix
© as Trio aus „Disenchantment“ (c) Netflix

Matt Groening steckt als Schöpfer von The Simpsons hinter der langlebigsten Comedy- und Animationsserie der USA. Die 30. Staffel ist hier bereits sicher und die Animationsserie ist eine wahre Institution im US-Fernsehen, auch wenn ihre Glanzzeiten längst vorbei sind. Mit Futurama haben er und seine Crew zur Jahrtausendwende bewiesen, dass sie kein One-Hit-Wonder sind, auch wenn die TV-Sender rund um FOX und Comedy Central der Serie eine wechselhafte Laufbahn beschert haben, sie zum mehrfachen Comeback-Kid werden musste und viele Sendeplatzwechsel zu schultern hatte.

Nun feiert also Disenchantment seine weltweite Premiere bei Netflix und lässt das Sci-Fi-Genre zurück, um sich dem Reich der Fantasie zu widmen. Bereits im Auftakt werden ein paar Einflüsse deutlich: Monty Python, „Der Herr der Ringe“, „Game of Thrones“, „Adventure Time“, „The Princess Bride“ und auch die Grunddynamik mit einem Trio dürfte dem einen oder anderen Futurama-Fan bekannt vorkommen. Doch was machen Groening und sein kreativer Partner Josh Weinstein daraus?

Die Serie spielt im Fantasiereich Dreamland und im Zentrum steht Prinzessin Bean (Abbi Jabobson), deren Vater, der König, sie am liebsten mit einem Prinzen vermählen will, um sich ein größeres Reich zu sichern - was man eben so als König macht. Bean ist jedoch keine übliche Prinzessin, sondern verdingt sich in Glücksspielen, Saufgelagen und Prügeleien. Eines Tages trifft sie auf den Dämon Luci (Eric Andre), der Spaß daran hat, anderen Wesen Unsinn in den Kopf zu setzen, und den Elfen Elfo (Nat Faxon), der genug von seinem immer fröhlichen Elfenreich hat und dem Alltag entflieht, um die echte Welt kennenzulernen. Gemeinsam gehen sie auf die große Reise und lernen bald Oger, Trolle, Zwerge, Sirenen, Diebesbanden und viel mehr kennen und landen so in anderen Königreichen.

Neben den drei Hauptsprechern hören wir auch alte Bekannte aus Futurama, wie John DiMaggio, Billy West, Maurice LaMarche, Tress MacNeille oder David Herman.

Keine Regeln, keine Limits

Das Trio aus Disenchantment
Das Trio aus Disenchantment - © Netflix

Etwas, das Serienmacher häufig dazu bewegt, zu Netflix zu gehen, ist die grenzenlose Freiheit, die der Streamingdienst verspricht. Während Network- und auch Kabelsender gewissen Zwängen und Regeln unterworfen sind, was etwa Lauflänge, Werbeflächen, Sprache und Gewaltdarstellung angeht, haben sie bei VoD-Diensten freie Hand, wie Josh Weinstein mir auch im Interview bestätigte. Deswegen müssen die Serienmacher eigene Regeln festlegen. In diesem konkreten Fall ist etwas mehr Gewalt und Mord und Totschlag okay, während Schimpfworte tabu sind. Das ist okay und passt zu dem von Groening etablierten Stil und seinen Erzählwelten.

Die neue Freiheit bringt aber trotzdem Probleme mit sich, etwa beim Pacing. So ist die Pilotepisode 35 Minuten lang und die anderen sechs Episoden, die vorab zur Verfügung standen, haben ebenfalls Lauflängen weit über 22 Minuten. Bisweilen kratzen sie an der 30-Minuten-Grenze. Persönlich bin ich bei Animationsserien ein Freund von kürzeren Folgen. Futurama hat auf der vom Sender vorgeschriebenen Lauflänge regelrechte Meisterwerke hinbekommen, die eine Welt oder ein Problem etabliert, eine schöne Reihe von Gags abgefeuert und im besten Fall auch die emotionale Komponente nicht vernachlässigt haben und dennoch wieder zurück zum Status quo finden konnten.

Als Fan beider anderer Groening-Produktionen war meine Erwartungshaltung eventuell auch relativ hoch. Andere Animationsfreunde in der Redaktion, die vorab reinschauen konnten, bestätigen aber meinen Ersteindruck. Vom Start weg fehlt ein wenig der letzte Schliff, der Disenchantment einzigartig machen könnte. Man wird den Eindruck zunächst nicht los, dass das Futurama-Muster auf ein anderes Setting angewendet wird, wobei es schlechtere Blaupausen gibt, denen man folgen könnte. Allerdings fehlt auch ein wenig der Biss, der „Futurama“ von Beginn an ausgezeichnet hatte. Womöglich bietet das Zukunftsszenario und der große Fokus auf wissenschaftliche Innovationen eine größere Bandbreite, die mich als Zuschauer etwas mehr beeindrucken konnte. Prinzipiell bevorzuge ich allerdings auch Science-Fiction gegenüber Fantasy, wenn man mir die Wahl lässt...

Ein Königreich für mehr Gags

Das Trio aus Disenchantment
Das Trio aus Disenchantment - © Netflix

Den Humor von Disenchantment könnte man freundlich oldschool oder, wenn man etwas fieser ist, altbacken nennen. Es wird deutlich, dass man mit einigen Slapstick-Einlagen, Kämpfen und Schlachten auch jüngere Zuschauer erreichen möchte, aber es fehlen manchmal kreative Impulse und Innovationen, denn seit Futurama und The Simpsons hat sich das Humorverständnis weiterentwickelt. Wir befinden uns als Zuschauer in einem Zeitalter, in dem es im US-Animationsbereich durchaus einige starke und beliebte Serien gibt. Die Konkurrenz wie Rick and Morty, „Adventure Time“, Big Mouth, BoJack Horseman, Archer, Family Guy, South Park oder „Steven Universe“ bietet stellenweise cleverere, frechere oder intelligentere Alternativen an. Das soll natürlich keineswegs bedeuten, dass niemand versuchen soll, etwas Neues zu etablieren. Allerdings ist der Markt inzwischen besser besetzt als etwa Anfang der 2000er, wo nur eine Handvoll komödiantischer Animationsserien für ein älteres Publikum vorhanden waren.

Obwohl der Vergleich unfair ist, aber: Futurama hatte damals die stärkere und erinnerungswürdigere Auftaktepisode, die beispielsweise Bender als Figur direkt als frechen Publikumsliebling etablierte (Stichwort „Blackjack and Hookers“). Luci soll in Disenchantment diese Rolle einnehmen und ist durchaus amüsant. Die Figur hat bei meinen beiden Durchläufen der Pilotfolge aber nicht auf die gleiche Weise punkten können, dafür aber in späteren Folgen durchaus einige der besten Gags parat.

Disenchantment ist keinesfalls ein kompletter Reinfall oder gar eine schlechte Serie, aber ein paar Stellschrauben auf dem Weg der Selbstfindung sollten schon gedreht werden, besonders wenn es darum geht, schneller auf den Punkt zu kommen. Vielleicht wäre es ein spannendes Experiment, sich dazu zu zwingen, auf die alte Networklänge zu gehen.

Auch The Simpsons, deren Staffeln drei bis acht bei mir den allerhöchsten Status in meinem Serienjunkies-Lebenslauf genießen, brauchte eben ein paar Staffeln und Folgen, um die bestmögliche Version ihrer selbst zu werden und lief dann so lange weiter, dass sie immer wieder den Fokus verschieben konnten. Somit war es möglich, neue Generationen anzusprechen und sich von alten Zuschauern zu verabschieden, wobei „Simpsons“ eben auch ein ganz großer Sonderfall in der US-Animation ist. Mir wird niemand diese Lieblings-Staffeln nehmen können, aber ein Comeback zu alter Stärke in der aktuellen Marktsituation ist ebenfalls unwahrscheinlich. „Die Simpsons“ waren die perfekte Serie zur perfekten Zeit. Ähnliches dürfte vielleicht für Futurama gelten. Man muss sich auch um die neue Groening-Produktion keine Sorgen machen. Disenchantment dürfte, wenn alles gut geht, ohnehin eine lange Zukunft vor sich haben. Bereits vor dem Start wurden zwei Staffeln bestellt und viele andere Animationsserien („Bojack“, „Voltron“) laufen ebenfalls schon recht lange bei Netflix - wohl solange die Schöpfer Lust haben, weiterzumachen.

Anders als bei Groenings vorherigen Serien spielt Disenchantment mit einer fortlaufenden Handlung, die etwa Kapitelmarken pro Episode einsetzt und zwar auch Einzelabenteuer präsentiert, aber auf eine große Staffelhandlung hinarbeitet. Man kann gespannt sein, worauf die mir noch nicht bekannten restlichen Folgen der Staffel hinaus wollen. Im Interview versprach Josh Weinstein, dass zum Beispiel vor allem die Episoden neun und zehn auch auf emotionaler Ebene punkten sollen.

Tolle neue und alte Synchronstimmen

Das Trio aus Disenchantment
Das Trio aus Disenchantment - © Netflix

Ich werde mir mit Sicherheit alle Folgen und Staffeln von Disenchantment anschauen, weil ich die Machart von Groenings Produktionen einfach mag und durch Game of Thrones und das Comeback von „Der Herr der Ringe“ als Serie sowie anderen Fantasie-Elementen dürften Groening, Weinstein und der Rest der Autoren genug Material für viele Staffeln haben, denn die Grundzutaten sind enorm vielversprechend und vielfältig. Die neuen Hauptsprecher rund um Jacobson, Faxon und Andre sind im englischen Original fabelhaft und überzeugen mich von Anfang an. Dazu kommen die klassischen Futurama-Stimmen, die für mich zu den besten Sprechern ihrer Generation im US-Synchronbereich gehören. Der wunderbar wandelbare Billy West gehört zu meinen absoluten Favoriten und auch DiMaggio höre ich immer wieder gerne.

Während Elfos Unsicherheit bisweilen etwas nervig sein kann, wandelt sich das im Verlaufe der Heldenreise bereits merklich und er gewinnt an Selbstbewusstsein. Der teuflische Luci ist ein Verführer, der perfekt zu Andres frecher Stimme passt und scene stealer-Qualitäten demonstriert. Während Bean in Leelas Fußstapfen tritt und aus dem Patriarchat ausbrechen und ihre eigenen Regeln festsetzen möchte. Als Prinzessin ist sie bekannt wie ein bunter Hund, was für eine durchaus interessante Dynamik sorgt, weil ihr Ruf ihr vorauseilt. Die Sprecher jedenfalls haben merklich Spaß mit den Figuren und dem Material.

In der ersten Staffel gilt es zudem erst einmal, den Kreis der Figuren zu etablieren, die man dann später wieder zurückbringen kann. Die Folgen, die ich gesehen habe, fokussieren sich vordergründig auf das Trio, die königliche Familie und einige potentielle Prinzen. Im Laufe der Zeit habe ich mich bei den „Simpsons“ und „Futurama“ aber natürlich vor allem auch in die Nebenfiguren verliebt - Charaktere wie Mr. Burns, Skinner, Uter, Scorpio, Zap Brannigan, Farnsworth, Zoidberg oder Scuffy, die man erst nach längerer Laufzeit richtig kennen und lieben lernt. Deswegen bin ich bereit, dieses Abenteuer den ganzen Weg über zu begleiten und freue mich drauf, was da noch kommen mag.

Fazit

Das Trio aus Disenchantment
Das Trio aus Disenchantment - © Netflix

Disenchantment ist eine Animationsserie mit viel Potential, das sie in den ersten Episoden aber noch nicht ganz abrufen kann. Die Grundzutaten stimmen und jetzt geht es um die Verfeinerung der magischen Formel, um die Zeichentrickserie zu einem Volltreffer zu machen, der ein würdiger Futurama-Nachfolger werden kann. Das Fantasygenre eignet sich nämlich durchaus, um Humor, Herz, Abenteuer und emotionale Heldenreisen zu erzählen - man muss sich nur „Adventure Time“ anschauen. Vielleicht kriegt die Serie zum Ende der ersten Staffel noch die Kurve, aber zum Einstieg läuft noch nicht alles rund. Dennoch kann man sich als Genrefan und Liebhaber der Vorgängerserien ein Wochenende nehmen, um zu schauen, ob Bean, Luci und Elfo zu dauerhaften Begleitern des gemeinen Serienjunkies werden können.

Diese Serie passen auch zu «Disenchantment»