Diggstown: Review der Pilotepisode

© zenenfoto aus „Diggstown“ (c) CBC
Wer heutzutage nicht schon mindestens eine Anwaltsserie gesehen hat, dem fehlt es entweder an dem nötigen Interesse oder an einem Zugang zur Zivilisation. Zu beliebt sind die Produktionen rund um Gerechtigkeit und Gesetz, die dem Laien ein grobes Bild über den komplexen Themenbereich geben. Die kanadische Serie Diggstown des Senders CBC wollte auch ein Stück vom Kuchen abhaben und änderte das altbekannte Schema leicht ab. Statt alter weißer Männer bekommen wir die Geschichte der afroamerikanischen Protagonistin Marcie (Vinessa Antoine) erzählt, die aus ganz persönlichen Gründen den kapitalistischen Geschäften einer großen Firma den Rücken gekehrt hat und sich stattdessen für die weniger Privilegierten der Gesellschaft einsetzt. Die Pilotepisode Willy MacIsaac steigt dabei auf solider Basis in den Anwaltsalltag ein. Eine herausragende Leistung, die letztendlich zum Binge-Watching animiert, legt es hingegen nicht ab.
Bitte pusten
Zu Beginn der Pilotepisode spielt sich sofort ein Familiendrama vor unseren Augen ab, als der Familienvater Willy MacIsaac (Billy MacLellan) wegen Trunkenheit am Steuer von der Polizei verhaftet wird. Die Situation eskaliert, nachdem die Polizei auch die widerwilligen Kinder mit aufs Revier nehmen will und Willy sich gegen die Polizisten auflehnt. Wie sich herausstellt, ist Marcie seine Anwältin.
Marcie war in der Vergangenheit in einer größeren Kanzlei tätig. Zu den Motiven ihrer Entscheidung, einer kleineren Rechtsberatung beizutreten, erfahren wir im Laufe der Episode anhand einiger Rückblenden mehr. Ebenfalls involviert war der jetzige Staatsanwalt Avery (Dwain Murphy), der damals für die Verteidigung von Marcies zu Unrecht angeklagter Tante zuständig war. Von ihrer Gemeinde und dem Pastor verstoßen, nahm diese sich daraufhin das Leben. Ausgerechnet ihre Tochter versucht nun, Marcie davon zu überzeugen, einer Trauung, die ebenjener Pastor durchführen wird, beizuwohnen.
Neben Marcie lernen wir noch ein weiteres Mitglied der Rechtsberatung besser kennen: Pam (Stacey Farber). Pam stammt aus einer wohlhabenden Familie und trifft im Laufe der Episode auf eine alte Highschoolfreundin, der sie ihre juristische Hilfe anbietet. Außer, dass sie und Marcie einen schwierigen Start aufgrund ihrer unterschiedlichen Hintergründe haben, bietet ihre Story allerdings wenig Spannung und als große Sympathieträgerin kann sie sich auch nicht wirklich behaupten. Ganz anders als Marcie, die - trotz ihres schwierigen Falles und eines Klienten, gegen den immer mehr Fakten sprechen - ihre professionelle und doch empathische Art beibehält und aus der Pilotepisode als Heldin hervorgeht.

Bei Unschuld muss ich gähnen
Wer sich mit Anwaltsserien besser auskennt und mit den legalen oder illegalen Tricks vertraut ist, den wird der Start von „Diggstown“ vermutlich nicht vom Hocker hauen. Es geht mal wieder um falsche Anschuldigungen, emotionale Motive, den Kampf um Gerechtigkeit und die bürokratischen Hürden, die dafür überwunden werden müssen. Dabei fällt die Serie im Gegensatz zu anderen Anwaltsserien vor allem in einer Hinsicht ab. Statt sich der ambivalenten Darstellung von Wahrheit zu stellen und durchaus auch mal zu Recht Zweifel an einem zuerst unschuldig erscheinenden Klienten zu sähen, treffen wir lediglich auf Menschen, die natürlich zu hundert Prozent die Wahrheit erzählen und frei von jeglicher Schuld sind. Wie einfach und unglaublich langweilig...
Aller Anfang ist schwer und ebenso der Einstieg in eine neue Serie samt ihrer Charaktere, Handlungen und Hintergründe. Der größte Fehler ist hierbei, den Zuschauer schon von Sekunde eins an mit so vielen Namen zu konfrontieren, dass dieser sich unmöglich ein Bild von der Gesamtsituation machen kann. Genau diesem einfachen Grundsatz sind die Produzenten von „Diggstown“ nicht nachgekommen und verwirren den Zuschauer mit der Nennung etlicher Personen und ihrer jeweiligen Geschichte. Und das, obwohl über die Hälfte der Namen für den Verlauf der Episode absolut irrelevant sind.

Positiv zu vermerken sind die gelegentlichen Rückblenden in Marcies Vergangenheit, die nicht nur eine nette Abwechslung zur linearen Handlung bieten, sondern auch wichtige Informationen nur stückweise präsentieren, was wiederum die Spannung der Serie erhöht. Die atemberaubenden Aufnahmen vom Strand und der surfenden Marcie können sich ebenfalls sehen lassen.
Fazit
Die Kinnladen bleiben zugeklappt, das Popcorn bleibt im Schrank und von Gänsehaut sind wir auch noch weit entfernt. Als Standard-Anwaltsserie bietet Diggstown uns zwar einen soliden und interessanten, aber auch keinen bahnbrechenden neuen Verlauf des Formates. Spannender könnte es höchstens werden, wenn die nach Gerechtigkeit lechzende Marcie mal auf einen Klienten trifft, der sich tatsächlich schuldig gemacht hat und ihre moralischen Vorsätze auf die Probe stellt.
Der Trailer zur Pilotepisode Pilot der neuen Serie Diggstown (1x01):