Die zweite Welle: Tsunami - Review der Pilotepisode der deutschen Dramaserie

Die zweite Welle: Tsunami - Review der Pilotepisode der deutschen Dramaserie

Die deutsche Miniserie „Die zweite Welle“ im ZDF schickt sich an, ein Drama über Rache und Sühne rund um die Geschehnisse nach dem verheerenden Tsunami am 26. Dezember 2004 in Thailand zu erzählen, scheitert aber in der Pilotfolge an einem lahmen Tempo und einem flachen Spannungsbogen.

Harry Reuter (Johann von Bülow, l.), die kleine Lucy (Mia Minoret, M.) und Chai Sutham (Jiraphat Vongrouempiboon, r.) haben den Tsunami überlebt.
Harry Reuter (Johann von Bülow, l.), die kleine Lucy (Mia Minoret, M.) und Chai Sutham (Jiraphat Vongrouempiboon, r.) haben den Tsunami überlebt.
© ZDF/Friederike Heß

Das passiert in „Die zweite Welle“

Weihnachten 2004, Thailand: Julia (Luise Bähr, ihr Mann Harry (Johann von Bülow und deren Freunde freuen sich in Die zweite Welle auf ihren Urlaub im sonnigen Thailand. Doch Julia hat noch einen anderen Reisegrund, ein Wiedersehen mit ihrer lange verschollenen Schwester Alexandra (Karoline Schuch, mit der sie sich vor Jahren zerstritten hat. Als sich die Geschwister gerade wiederfinden, bricht am 26. Dezember ein schrecklicher Tsunami über den Urlaubsort herein und tötet Tausende.

15 Jahre später leben Harry, Heiko (Tim Bergmann, Britta (Katrin Röver), Matthias (Özgür Karadeniz) und die anderen Überlebenden der Katastrophe ein gut situiertes Leben in Bonn, als plötzlich Alexandra vor Harrys Tür steht. Nach und nach wird enthüllt, dass die Freunde große Schuld auf sich geladen haben. Alexandra mutiert von einer Drogensüchtigen, die eigentlich nur Geld wollte zu einer Frau, die Wahrheit und Gerechtigkeit sucht.

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Vorstellung der Protagonisten

Eingangs soll betont werden, dass sich dieses Review lediglich auf die Pilotepisode der sechsteiligen MiniserieDie zweite Welle“ bezieht, denn leider wissen diese ersten 45 Minuten in vielerlei Hinsicht nicht zu überzeugen.

Die Geschichte beginnt mit der Ankunft der Protagonisten in einem thailändischen Urlaubsparadies, über das bald die Katastrophe hereinbrechen wird, eine Tatsache, die dem Publikum schon allein aufgrund des Titels der Episode, Tsunami nicht verborgen bleibt. Statt aber Spannung aufzubauen und die Zuschauenden auf das Unvermeidliche einzustimmen, befasst sich Drehbuch-Autorin Sarah Schnier, die auch als Creative Producerin fungiert, zunächst einmal mit einem langsamen Abtasten der figürlichen Situation.

So erfahren wir beispielsweise, dass Julia einerseits ihre Schwester sucht und andererseits eine Affäre hat, während Harry nichtsahnend Ausflüge unternimmt. Die Beziehung zwischen Julia und ihrer Schwester Alexandra wird für den weiteren Verlauf der Serie noch wichtig, insofern hätte der Folge schon zu Beginn etwas mehr Drama gutgetan.

Stattdessen erleben wir mit, wie Julias Freunde die Nasen über Alexandras bescheidene Lebensumstände rümpfen, wobei sich die Gründe dafür, dem Publikum diesen Umstand zu vermitteln, nicht erschließen. Letztlich wirkt der Einstieg in die Geschichte auf diese Weise schlicht langatmig und uninteressant und hinterlässt einen völlig unnötigen snobistischen Eindruck.

Abgesehen von Alexandra ist keine der Figuren wirklich bemerkenswert. Niemand hebt sich ansonsten von dem im deutschen Fernsehen leider viel zu oft zelebrierten Mittelschichtselbstverständnis in irgendeiner Form ab, so dass man an dieser Stelle beinahe schon abschalten könnte, zumindest, wenn man einen schwungvolleren Start in die Geschichte erwartet hat.

Billiger Tsunami

Matthias (Özgür Karadeniz) hat vielen Menschen während des Tsunamis das Leben gerettet. Szenenfoto aus „Die zweite Welle“.
Matthias (Özgür Karadeniz) hat vielen Menschen während des Tsunamis das Leben gerettet. Szenenfoto aus „Die zweite Welle“. - © ZDF/Friederike Heß

Doch halt, da kommt ja noch was, der Tsunami, auf dessen Eintreffen man in „Die zweite Welle“ mit einer gewissen voyeuristischen Vorfreude schon wartet. Was dann allerdings nach etwas über 15 Minuten die Bildschirme flutet, ist schlicht und ergreifend der Rede nicht wert. Ein paar Schnitte, ein panikerfüllter Schrei und einige auf der unteren Niveauskala angesiedelte Spezialeffekte, die die Katastrophe nicht einmal im Ansatz erfassen, müssen genügen.

Hier wurde eindeutig an der falschen Stelle gespart, zumal die bedeutungsschwangeren Bilder unter Wasser, die nun folgen, ihren Zweck aufgrund der zu deutlich sichtbaren Künstlichkeit des Ganzen nicht erfüllen. Sicherlich, es geht nicht um das Ereignis als solches, wohl aber um die Folgen. Und wenn man sich schon anschickt, jenen Schicksalsmoment auf Film zu bannen, dann bitte doch auch vernünftig und glaubwürdig. Dass dies nicht gelingt, ist ein Fall falscher Gewichtung seitens des Produktionsteams, denn es sind in Serien oft die kleinen Details, die für Immersion sorgen.

Alexandra

Alexandra (Karoline Schuch) in „Die zweite Welle“
Alexandra (Karoline Schuch) in „Die zweite Welle“ - © ZDF/Friederike Heß

Legen wir zugunsten der restlichen knapp 30 Minuten einmal den Mantel des Schweigens über den zähen und audiovisuell verpatzten Start. Widmen wir uns stattdessen der eigentlichen Kernthematik um Julias Schwester Alexandra, die 15 Jahre später putzmunter an einem deutschen Flughafen mit einer Freundin im Gepäck auftaucht.

Das Schicksal, so viel wird sofort klar, hat es mit der Frau nicht gutgemeint. Sie ist nicht nur ein Junkie und wird vom Zoll entsprechend schlecht behandelt, sondern verdingt sich gemeinsam mit ihrer Begleiterin als Drogenkurier, ein Job, der allerdings nicht unbedingt rund läuft. Denn die beiden Frauen erhalten nicht annähernd die vereinbarte Summe von den auftraggebenden Dealern, was wiederum die Pläne, in Portugal eine Bar zu eröffnen, konterkariert.

Was genau diese Art des Wiedersehens mit Alexandra bewirken soll, wird in der Episode übrigens nicht klar herausgearbeitet. Abgesehen von dem starken Kontrast im Lebensstil zu Harry, den sie bald kontaktiert, ergibt die Figurenzeichnung als Junkiebraut zunächst keinen Sinn.

Man könnte vermuten, dass die Absicht der Autorin darin lag, die Schuld der Überlebenden, die finanziell gut abgesichert ein komfortables Leben führen, mit der Art der Gegenüberstellung noch weiter zu betonen. Allerdings war jene Kontrastierung in „Die zweite Welle“ in gewisser Weise schon 15 Jahre zuvor gegeben, was in oben angesprochenen Lästerattacken der Freundesgruppe bereits hinreichend zum Ausdruck kam.

Immerhin bewirkt die unerwartete Ankunft Alexandras, der es erst einmal nur Geld geht, Klarheit für die Zuschauenden. Harry hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen, und als Julias Schwester ihn um Geld bittet, bietet er ihr sofort 5.000, und dann sogar 10.000 Euro an. Dass eine so hohe Summe das Misstrauen des Publikums und der gescheiterten Frau weckt, die beim Tsunami ihren Mann und ihr Kind verlor, ist evident.

Darauf läuft es hinaus

Es ist offensichtlich, dass sich die Geschichte von „Die zweite Welle“ von einer zunächst geplanten Erpressung hin zu einem Racheakt wandelt, der die Schuld der Freunde ans Tageslicht bringen wird. Inwiefern der Spannungsbogen in den kommenden fünf Episoden anzieht, ist aufgrund der relativ schwachen Debütepisode allerdings nicht voraussehbar.

Vieles wird von der Interaktion zwischen Harry und Alexandra abhängen, die mit Johan von Bülow und Karoline Schuch indes sehr gut besetzt sind. Die Schauspielerin und ihr Kollege könnten es denn auch im Verbund mit dem restlichen Ensemble, das insgesamt einen guten Ersteindruck hinterlässt, raushauen. Die Inszenierung wirkt bisher hingegen eher konservativ und mutlos. Doch auch das kann sich ja noch ändern.

Fazit

In einigen meiner letzten Reviews habe ich die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten noch für ihren Mut gelobt. Serien wie Die Saat - Tödliche Macht und Was wir fürchten zeigen mit großer Hingabe, wozu deutsche Filmemacher in allen möglichen Genres fähig sind und welchen Mut sie haben, starke Geschichten mitreißend zu erzählen.

Die Pilotfolge von Die zweite Welle hinterlässt jedoch den gegenteiligen Eindruck. Der Start gerät langatmig, die Figurenvorstellung ist uninteressant und die audiovisuelle Umsetzung des Tsunamis schwach. Es dauert über eine halbe Stunde, bis langsam so etwas wie Spannung aufkommt, wobei das Ende der Episode allerdings einen starken Anstieg verspricht.

Für diese Hoffnung vergeben wir letztlich drei von fünf Punkten.

Der Trailer zur Serie „Die zweite Welle“:

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