Die nettesten Menschen der Welt: Review zur ARD-Serie

© Das Erste
„Die nettesten Menschen der Welt“: Das passiert
In Anthologie-Form folgt die Miniserie Die nettesten Menschen der Welt einer Reihe unterschiedlichster Menschen auf eine skurrile Reise in ihr Innerstes. Doch was ist Realität und was Fiktion?
Neu ist nicht immer gut
Den Mut, etwas Neues zu wagen, kann man der hierzulande ja gerne gescholtenen ARD/Das Erste nicht absprechen, jedenfalls nicht, wenn man einen Blick auf „Die nettesten Menschen der Welt“ geworfen hat. Die sechsteilige Miniserie bietet Stoff, den man nicht gerade an jeder Ecke findet. Das Problem dabei ist, dass man nach zwei der je rund 20-minütigen Episoden keinen blassen Schimmer hat, was uns die Serienerfinder Eva Wehrum und Alexander Adolph mit ihrer Anthologie nun genau sagen wollen.
Laut Pressetext geht es um „menschliche Urängste“, die mit „speziellem Humor“ vorgetragen werden. Im Fokus stehen demnach „Die Angst zu versagen, die Angst vor Krankheit, die Angst vor Nähe“ sowie „die Angst vor der falschen Entscheidung“, wobei es primär „um Begegnungen mit dem Bösen“ gehen soll.
Allerdings erscheint die Auswahl der Themen dabei wahllos und im ersten Teil sogar vollkommen aus der Luft gegriffen. „Lill“ dreht sich um ein Teenagermädchen, das an einer schweren Allergie leidet und deshalb die schützende Umgebung ihrer Wohnung nicht verlassen darf.
Jetzt das Angebot der ARD Mediathek kostenlos entdecken
Zwischen Groteske und Sinnlosigkeit
Sie vertreibt sie die Zeit in einem Online-Videospiel, als sie plötzlich einen mysteriösen Telefonanruf von ihrem Vater bekommt, in dem er ihr mitteilt, dass sie fliehen muss und über Superkräfte verfügt. Unwillkürlich fragt man sich, ob man gerade einer Mystery-Geschichte folgt, als der Plot ins Groteske abdriftet und sich schließlich herausstellt, dass Lill das Ganze nur geträumt hat. Aber wo war nun die Konfrontation mit dem Bösen, wo der Diskurs über menschliche Urängste, wo der kritische Ansatz? Und noch weiter gefragt: Wo genau setzt der eigenwillige Humor des Autoren-Duos an?
Es mag sein, dass der Rezensent den Gedankengängen der Showrunner schlicht nicht zu folgen vermag. Für ihn präsentierten sich jedenfalls bereits die ersten zwanzig Minuten so wirr, dass er den tieferen Sinn hinter der Geschichte nicht verstand und die Episode eher als zwanghaft bedeutungsschwanger empfand.
Sicherlich, das Storytelling ist absichtlich asymmetrisch gehalten und will am Ende mit einem Aha-Moment punkten. Leider verfehlt die Idee aber schon aufgrund der unpassenden Konzeptionierung ihren Sinn, da die Zeit einfach nicht reicht, um den Plot vernünftig auszubauen. Statt einer stringenten, knackigen Erzählweise, die die Zuschauenden zumindest ein wenig an die Hand nimmt, setzt man auf einen sperrigen Sense of Wonder, der sich am Ende dann auch noch quasi ins Nichts auflöst. Das kann man mögen, muss man aber nicht.
Letztlich sind die fantastischen Elemente nämlich der ausufernden Fantasie von Lill entsprungen, die damit ihre Einsamkeit - und ja - auch ihre Ängste vor ihrer Krankheit zu kompensieren versucht. Es ist schade, dass die eigentlich gute Absicht hinter der Herangehensweise dabei nur vom marginalen Interesse ist, und man sich am Ende verwundert fragt, was das Ganze nun eigentlich sollte.
Asimov lässt grüßen
Der zweite Teil mit dem Titel „Junior“ macht es in Sachen Stringenz schon besser, wobei hier allerdings der erste von zwei Twists recht vorhersehbar ist. Die hochintelligente Kay bewirbt sich um eine Führungsposition, die auch die doppelt so alte, erfahrene Petra ergattern möchte. In einem Keller müssen sie sich einer Reihe skurriler Prüfungen stellen, die anscheinend keinen Sinn ergeben, in Wirklichkeit aber ein psychologischer Test sind.
Am Ende treiben es die Autorin und der Autor erneut auf die Spitze und inszenieren als letzten Test einen Überfall von Umweltaktivisten. Als sich Kay für Petra opfern will, stellt sich heraus, dass sie in Wahrheit ein Androide ist und Petras Firma versucht, die drei Asimov'schen Robotergesetze auszuhebeln.
Die Prämisse an sich ist interessant und die Auflösung, dass Kay ein künstliches Wesen ist, klug geschrieben. Allerdings muss das Publikum auch hier wieder mit dem extravaganten Humor des Schreibteams leben, der hier und da mehr ein Kopfschütteln, als ein Schmunzeln provoziert. Allerdings sei an dieser Stelle explizit erwähnt, dass Humor stets auf individuellen Vorlieben basiert, dem Rezensenten in diesem Fall aber schlicht zu viel des Guten ist. Immerhin ist die zweite Story von „Die nettesten Menschen der Welt“ aber insgesamt etwas leichter verdaulich, so dass man als Zuschauender schnell erkennt, dass Versagensangst das große Thema der Folge ist.
Jetzt das Angebot der ARD Mediathek kostenlos entdecken
Fazit
Was soll man mit „Die nettesten Menschen der Welt“ nur anfangen? Die erste Episode will sich so gar nicht in ein Korsett zwängen lassen, was einerseits gut ist, andererseits aber auch Probleme in sich birgt. Ein möglicherweise nicht geringer Teil des Publikums dürfte angesichts der verrückten Ideen und des verwirrenden Erzählstils schon nach 20 Minuten in der Mediathek weiterscrollen, um zugänglichere Kost zu finden. Andere haben vielleicht an dem ungewöhnlichen Storytelling und den abgedrehten Ideen ihre Freude.
Ob das Gesamtkonstrukt letztlich der gewählten Aufgabe, Urängste der Menschheit zu erforschen, gerecht wird, muss das geneigte Publikum zudem ebenfalls für sich selbst entscheiden. Der im Pressetext erwähnte Tiefsinn schwelt allerdings mehr an der Oberfläche und weitet sich nicht wirklich zu einem Flächenbrand aus. Metaphern und eigensinniger Humor sind ja schön und gut. Aber dann auch bitte in einem Format präsentiert, das ein ausgewogenes Storytelling erlaubt. Die erwähnten großen Vorbilder wie „The Twilight Zone“ oder Black Mirror erreicht dieses Konzept jedenfalls in keiner Sekunde. Drei von fünf Punkten.
Einen Trailer zu „Die nettesten Menschen der Welt“ findet man in der Mediathek.