Die Lüge: Review zur Pilotfolge des Netflix-Crime-Dramas aus Schweden

Die Lüge: Review zur Pilotfolge des Netflix-Crime-Dramas aus Schweden

Mit „Die Lüge“ adaptiert Netflix den gleichnamigen Thriller von Mattias Edvardsson und stellt in der sechsteiligen Miniserie die Aufklärung eines schrecklichen Mordes dem Drama um eine zerrüttete Familie gegenüber. Warum die Geschichte sehenswert sein könnte, erfahrt Ihr in unserem Review zur Pilotfolge.

Poster zur Serie „Die Lüge“
Poster zur Serie „Die Lüge“
© Netflix

Was passiert in der Serie „Die Lüge“?

Das Leben der 19-jährigen Stella (Alexandra Karlsson Tyrefors) ist in Die Lüge nach einer vier Jahre zurückliegenden Vergewaltigung aus den Fugen geraten. Obwohl sie sehr intelligent ist, hat sie die Schule abgebrochen und arbeitet nun als Verkäuferin in einer Bäckerei. Auch ihren gut situierten Eltern gelingt es nicht, sie auf einen vernünftigen Weg zu führen, so dass Stella vor sich hinlebt, bis sie eines Tages den reichen Yuppie Christoffer Olsen (Christian Fandango Sundgren) kennenlernt.

Als dieser plötzlich ermordet, und Stella schwer belastet wird, bricht die scheinbare Vorstadt-Idylle der Familie wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Verzweifelt versuchen ihre Eltern, die Anwältin Ulrika (Lo Kauppi) und der Pfarrer Adam (Björn Bengtsson) fortan, Stella mit allen Mitteln zu beschützen.

Eine von vielen Lügen

Der Originaltitel der bemerkenswerten MiniserieDie Lüge“ lautet „En helt vanlig familj“ (zu Deutsch: Eine ganz normale Familie) beziehungsweise in Englisch „A Nearly Normal Family“. Tatsächlich lässt sich allerdings nach Begutachtung der Pilotepisode resümieren, dass es die deutsche Fassung ausnahmsweise einmal wesentlich besser trifft.

In den ersten Minuten der Geschichte lernen wir das unbeschwerte 15-jährige Teenagermädchen Stella aus gutem Hause kennen, das sich gerade mit ihrer Handballmannschaft in ein Trainingscamp begibt. Sie schwärmt für einen ihrer etwas älteren Trainer, der die Situation aber schamlos ausnutzt und gegen ihren Willen Sex mit ihr hat.

Als Stellas Vater Adam erfährt, was passiert ist, drängt er darauf, Anzeige zu erstatten. Ihre Mutter, selbst Rechtsanwältin, entscheidet darauf hin aber, die Tat totzuschweigen und das scheinbar idyllische Familienleben weiterlaufen zu lassen, als sei nichts geschehen. Damit wird dem Publikum die erste von vielen Lügen präsentiert, die Stellas Familie immer mehr dem Abgrund zutreiben lässt.

Vier Jahre später hat sich ihr Trauma tief in ihr Bewusstsein gegraben. Stella hat die Schule abgebrochen und arbeitet in einer Bäckerei. Ihre beste Freundin studiert indes Jura, was einen scharfen Kontrast im Lebensstil der jungen Frauen zur Folge hat. Während die eine an der Universität neue Freunde findet, scheut die andere im Nachtclub nicht vor gewagten Experimenten zurück.

Familiendrama oder Krimi (?)

Eines davon ist der Yuppie Christoffer, der Stella in die verrückte Welt der Superreichen einführt, sie aber dennoch mit Respekt behandelt. Doch auch dies erweist sich im Endeffekt als Lüge, denn Christoffer wird ermordet und Stella landet - schwer von einem angeblichen Zeugen belastet - in Untersuchungshaft. Doch damit hat sich noch nicht die ganze, düstere und beinahe schon deprimierende Dramatik der Miniserie offenbart. Denn auch ihre Eltern leben eine große Lüge. Mutter Ulrika betrügt ihren Mann mit einem Kollegen. Wo und wann genau das vorgebliche Familienglück zerbrach, erfahren wir in der Pilotepisode (noch?) nicht, wohl aber, dass Adam um die Affäre seiner Frau weiß und gute Miene zum bösen Spiel macht.

Die Folge geht hierbei recht geschickt vor, weil jede der drei Hauptfiguren einen eigenen Akt innerhalb der Erzählstruktur erhält und wir uns als Zuschauende in diesen Minuten voll und ganz auf die jeweiligen Protagonisten konzentrieren können. Stellas Clubabend, an dem sie Christoffer kennenlernt, bekommt dabei in etwa gleichviel Spielzeit wie Vater Adam und Ulrika spendiert. Die Sympathien liegen zunächst verständlicherweise bei dem Pfarrer, der als liebevoller und verständnisvoller Mann dargestellt wird, während seine karriereverwöhnte Frau ihn betrügt.

Doch die Serie macht ebenso klar, dass in „Die Lüge“ nichts so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint, weil sich viele Fragen stellen, die einer Antwort harren. Wie konnten Stellas Eltern ihr Trauma nur totschweigen? Nahm die Zerrüttung der Familie mit den Nachwirkungen der Tat ihren Anfang? Wie starb Christoffer und ist Stella wirklich die Mörderin?

Das sind die Fragen, aus denen die Miniserie ihre Spannung bezieht, wobei sich die Aufklärung des Mordes letzten Endes als ein Nebenschauplatz erweisen könnte. Nach der Einführung des Familiendramas dürfte es verhältnismäßig schwer sein, die restlichen sechs Teile auf den Crime-Aspekt zu stützen. Vielmehr darf man davon ausgehen, dass wir im Verlauf der restlichen fünf Episoden mehr über die eigentlichen Hintergründe der in den Fall involvierten Personen erfahren. Denn, dass verletzte Gefühle und zerstörte Hoffnungen eine große Rolle spielen, ist offensichtlich.

Kein Noir, aber doch gesellschaftskritisch

Insofern ist die bisweilen für „Die Lüge“ gewählte Genrebezeichnung „Nordic-Noir-Krimi“ vielleicht ein wenig missverständlich. Eine echte Krimiserie, also im Krimisinne eines zu lösenden Puzzles, scheint die Produktion in dieser Form nicht zu bieten. Auch ist zwar ein relativ langsamer, tragender Erzählfluss gegeben, doch rein filmästhetisch betrachtet, fehlt bislang das melancholische Bildelement, das sich in der Regel in entsprechend kargen Landschaften widerspiegelt, die in tristen Farben während rauer Wetterbedingungen eingefangen werden.

Dennoch offenbart die dysfunktionale Familienstruktur der Protagonisten durchaus eine düstere Darstellung der oft romantisch geprägten Vorstellung über unsere nördlichen Nachbarn. Kaputte Familien, deren Finanzsituation über der emotionalen Gesundheit als Bewertungskriterium steht, Stellas Ausgrenzung durch die Kommilitoninnen ihrer besten Freundin, weil sie „nur eine einfache Verkäuferin“ ist, das Kennenlernen Christoffers, der über den Dingen zu stehen scheint: All dies weist auf ein durchaus gesellschaftskritisches Drama hin, welches sich hier vor dem Publikum entspinnt.

Fazit

Im Gegensatz zu manch anderer vorgeblich bedeutungsschwangerer Serie, die auf Netflix in letzter Zeit online gestellt wurde, könnte sich „Die Lüge“ tatsächlich als tief- und feinsinniges Familiendrama im Gewand eines Krimis offenbaren. Die Figurenkonstellation ist gut gewählt, die Idee, dass ausnahmsweise einmal der Ehemann betrogen wird, spannend, und das Verschweigen von Stellas Vergewaltigung hochdramatisch. Dass die junge Frau auch noch in einen Mord verwickelt wird, macht die Pilotfolge des Sechsteilers darüber hinaus interessant.

Ist sie so traumatisiert, dass sie deshalb zur Mörderin wurde? Was tun Stellas Eltern, um sie zu retten? Wozu sind sie bereit und was geschieht mit der Familie? Zu erfahren gibt es also genug. Dranbleiben lohnt daher sicher...

Vier von fünf Punkten

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