Die Kreatur: Kritik zur türkischen Frankenstein-Serie bei Netflix

© Netflix
Horrorfans, denen im Spuktober schon jetzt der Gruselstoff ausgegangen ist, sollten bei Netflix Die Kreatur (im Original: „Yaratilan“) im Hinterkopf behalten. Die türkische Miniserie, von der pünktlich zum Wochenende alle acht Episoden online gingen, ist inspiriert vom Schauerliteraturklassiker „Frankenstein“ - oder auch „Der moderne Prometheus“ - von Mary Shelley. Angesiedelt wurde die Geschichte in der Ära des Untergangs für das einst so mächtige Osmanische Reich.
Als Serienschöpfer gilt der Regisseur und Autor Çağan Irmak, den man international vor allem für seinen 2005er Erfolgsstreifen „Mein Vater und mein Sohn“ kennt. Als Producer sind zudem auch Ayşe Durmaz und Cengiz Çağatay (Der Club) beteiligt. Die Hauptrollen spielen derweil Taner Ölmez, bekannt aus The Protector (2018), und Erkan Kolçak Köstendil („Çukur“, „Ulan İstanbul“).
Den Anfang macht die 38-minütige Pilotfolge mit dem Titel Heilt ihn!, welche eine düstere Stimmung setzt...
Worum geht's in der Serie „Yaratilan“ alias „Die Kreatur“?
Die Serie beginnt mit einer eisigen Expedition und tapferen Männern, die nach einem mysteriösen Schatz suchen. Als sie nachts ihr Lager aufschlagen und sich am Feuer wärmen, taucht plötzlich eine fürchterliche Kreatur im Camp auf. Doch hat sie gar nicht vor, einen der Männer mit sich in die Dunkelheit zu reißen. Im Gegenteil: Das Monster bringt sogar einen Mann zur Gruppe dazu, der aber schwer verletzt scheint. Während sie den Fremden pflegen, lernen wir die Backstory des jungen Arztes Ziya (Ölmez) kennen.
Alles beginnt in einer kleinen Stadt, die von den politischen Verwerfungen des Osmanischen Reichs wenig mitkriegt. Dafür grassieren die tödlichsten Krankheiten quasi gleichzeitig - wir haben es buchstäblich mit Pest und Cholera zu tun. Die Familie von Ziya, allen voran sein Vater (Engin Benli), hat sich auf die Fahne geschrieben, die Gesundheit der Gemeinschaft sicherzustellen. Mutig wagen sie sich in die Epizentren vor, um den Notleidenden zu helfen. Ziya eckt dabei immer wieder mit seinem Vater an, da er offenbar zu unvorsichtig mit dem Thema Ansteckungsgefahr umgeht und zudem eine Neigung zur Nekromantie hat...

Als schließlich Ziyas Mutter (Sema Çeyrekbaşı) krank wird und stirbt, schwört der angehende Mediziner, dass er beim Studium in Istanbul allen geheimnisvollen Krankheiten auf den Grund gehen wird, um der Menschheit endlich das Geschenk der Unsterblichkeit zu machen. Angekommen in der Großstadt ist unser kleiner Junge vom Land schnell aufgeschmissen. Ein missglücktes Treffen mit einem Fremden (Bülent Şakrak), der ihm ein altes Zauberbuch verkaufen soll, sorgt dafür, dass Ziya all sein Geld für die Ausbildung verliert und zu allem Überfluss auch noch obdachlos wird.
Der Held muss schon ganz zu Anfang zahlreiche Rückschläge einstecken. Leider weckt das vermutlich nicht bei allen Zuschauer:innen viel Mitgefühl, da Ziya einfach sehr weinerlich rüberkommt. Auch ist sein Verhalten teils sehr dumm, wenn er sich zum Beispiel einer Frau mit Pestbeulen an den Hals wirft, den klugen Rat seines Vaters niederbrüllt und - warum auch immer das hier in die Geschichte mit rein musste - eine verbotene Beziehung zu seiner Stiefschwester (Sifanur Gül) beginnt. Das blauäugige Nepo Baby nervt schon ein nervig.
Spannend wird es dann auch erst wieder ganz am Ende, wenn Ziya die schicksalhafte Begegnung mit Ihsan (Köstendil) macht. Er soll wohl sein neuer Mentor werden und ihm die okkulten Tricks der Medizin zeigen, die man an der Uni nicht lernt. Ziya hat endlich gefunden, wonach er gesucht hat, doch genau das dürfte sein Verderben werden...
Wie ist die Serie „Yaratilan“ alias „Die Kreatur“ gelungen?
Alles in allem kein großartiger, aber auch kein katastrophaler Auftakt zur neuen Netflix-Miniserie Die Kreatur. Das größte Problem beim Schauen hat mit dem wenig sympathischen Protagonisten in dieser Neuinterpretation der Frankenstein-Geschichte zu tun. Die Stimmung, die der Showrunner Çağan Irmak in Folge eins etabliert, kann sich derweil sehen lassen. Rein produktionstechnisch ist nur wenig an dem Format aus der Türkei auszusetzen. Zumal auch die Synchronisierungen hochwertig erscheinen.
Am meisten Potential liegt vielleicht im Setting selbst. Die letzten Tage des Osmanischen Reichs wirken ähnlich spannend wie der Untergang der Weimarer Republik in Babylon Berlin. Auch spiegelt sich sehr schön der sich ständig wiederholende Generationskonflikt zwischen den Alten und den Jungen wider, die glauben, dass sie nun alles besser machen werden und in der Vorsicht ihrer Väter und Mütter Feigheit vermuten. Sie sind bereit zu gefährlichen Experimenten, nun, da die Welt ja ihnen gehört. Drei von fünf Arztkitteln.
Hier abschließend der Trailer zur neuen Netflix-Serie „Die Kreatur“: