Die Geschichte meiner Familie 1x01

© Netflix
Das passiert in der Serie „Die Geschichte meiner Familie“
Fausto ist in Die Geschichte meiner Familie ein junger alleinerziehender Vater und schwerkrank. Kurz vor seinem Tod sorgt er sich nur darum wie es für seine Kinder weitergehen soll. Einerseits möchte er auf keinen Fall, dass sie zu ihrer Mutter nach England ziehen, andererseits geht es in seiner Familie aber auch recht chaotisch zu. Deshalb verbringt er seine letzten Lebenstage damit, Mutter Lucia (Vanessa Scalera), seine Freundin Maria (Cristiana Dell'Anna), seinen Bruder Valerio (Massimiliano Caiazzo) und Demetrio (Antonio Gargiulo) auf die Stunde null vorzubereiten. Bald darauf ist es so weit. Fausto bricht in seiner Wohnung zusammen und stirbt in der nächsten Nacht im Krankenhaus. Wie soll es nun für die Kinder und den Rest der Familie weitergehen?
Zum Kehle-Zuschnüren schön
In der von Action, Brutalität und Oberflächlichkeit geprägten Fernsehlandschaft der großen Streaminganbieter geschehen noch Zeichen und Wunder. Eines jener Wunder ist ausgehend von der Pilotfolge zweifelsfrei die italienische, für Netflix produzierte Miniserie „Die Geschichte meiner Famile“ aka „Storia della mia Famiglia“.
In dem Format geht es um den alleinerziehenden zweifachen Vater Fausto, der eigentlich in der Blüte seines Lebens steht, aber todkrank ist und daher nicht mehr lange zu leben hat. Da er nicht möchte, dass seine Kinder bei seiner Exfrau in England leben, versucht er, seine Familie darauf vorzubereiten, als Einheit für die Jungs einzustehen.
Regisseur Claudio Cupellini und sein aus Filippo Gravino und Elisa Dondi bestehendes Drehbuch-Team zeichnen die Hauptfigur Fausto als selbstbewussten, lebensfrohen Mann, der sich gelassen in sein Schicksal ergibt und seine ganze Kraft darauf verwendet, für die beiden Jungs Libero und Ercole vorzusorgen. Um das Publikum mit der Situation vertraut zu machen, setzt das Produktionsteam im Großen und Ganzen auf eine lineare Erzählweise ohne große Schnörkel und Wendungen, die sich voll und ganz auf die Protagonisten konzentriert.
Die für das Verständnis der Situation nötige Vorgeschichte wird zudem in kleinen, aber prägnanten Rückblenden erzählt, die vornehmlich Faustos zunächst glückliche Tage mit der Mutter seiner Kinder namens Sarah (Gaia Weiss) beinhalten. Warum die Beziehung des Paares zerbrach, erfahren wir in den ersten 45 Minuten freilich noch nicht, wobei davon auszugehen ist, dass die Dramaserie im Verlauf der sechs Episoden noch tiefer in die Vergangenheit Faustos eintauchen wird.
Glaubwürdigkeit
Von Anfang an gibt es aber nicht den geringsten Zweifel daran, dass die sympathisch und lebendig von Eduardo Scarpetta gespielte Hauptfigur schon früh in der Handlung sterben wird. Der Weg dorthin ist allerdings sowohl für seine Familie als auch für das Publikum äußerst schmerzhaft.
Geschickt und beinahe übergangslos wechseln sich unbeschwert inszenierte Szenen mit dramatischen Momenten ab, die einen bisweilen sprachlos vor dem Fernseher zurücklassen. Mit viel Empathie und menschlicher Wärme führen uns die Macher durch die letzten Tage Faustos bis zu dem zu Tränen rührenden Moment, in dem er seinen letzten Atemzug tut.
Obwohl man ihn kaum kennt, wird man diesen durch und durch netten, leicht verrückten und mitfühlenden Mann vermissen. Das ist großes Gefühlskino ohne Kitsch und Tand. Statt überschwänglicher Liebesschwüre, und hochdramatischer Schicksalsschläge, erleben wir hier das Lebensende eines Menschen mit, der viel zu früh gehen muss, und das ganz ohne übertriebene Attitüden oder unglaubwürdige Handlungsstränge.
In seiner letzten Nacht sind all seine Lieben bei ihm. Lucia und Maria sitzen weinend am Bett und versprechen ihm tränenerstickt, für die Kinder so zu sorgen, wie er es sich wünscht. Valerio versucht, seine Mutter zu trösten, die gerade ihr geliebtes älteres Kind verliert und Demetrio erweist Fausto die letzte Ehre, indem er ihm einen Kopfhörer ins Ohr steckt und sein Lieblingslied laufen lässt.
Der Moment, indem er stirbt, ist leise, unaufgeregt und respektvoll in Szene gesetzt und gerade deshalb rührend, weil Menschen im Krankenhaus eben meistens nicht so dramatisch sterben, wie es uns vornehmlich US-amerikanische Medical-Dramas gerne glauben lassen möchten. Ein letzter Atemzug noch, dann öffnet Fausto die Augen und im Hintergrund ist leise die Nulllinie zu vernehmen.
So unspektakulär aber dennoch mitreißend kann eine Serie den Tod einer geliebten Figur darstellen. Für den Rest der Familie beginnt das Chaos aber gerade erst. Maria ist zwar Lehrerin und liebt Fausto seit ihrer Jugend, doch Kinder wollte sie eigentlich nie. Dennoch ist sie nun der Situation ausgesetzt, sich um die beiden Jungs kümmern zu müssen und sie erfüllt ihre Aufgabe von Anfang an bravourös.
Positiv denken
Der sonst leichtfertige und Drogen nehmende Valerio zeigt sich plötzlich von seiner ernsten Seite und Demetrio begreift, dass er mehr wert ist, als er bisher glaubte. All diese Gedanken packt die Serie in die Finalszene, die das Publikum hoffnungsvoll stimmt, wobei ein Telefonat zwischen Faustos Sohn Libero und dessen Mutter Sarah eher kühl verläuft. So ist das Leben und so sind die Menschen. Wir er- und überleben für uns unfassbare und schreckliche Ereignisse und wachsen an ihnen und den sich daraus ergebenden Aufgaben. Insofern ist „Die Geschichte meiner Familie“ ein Statement für positives Denken, Lebensbejahung und die menschliche Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen.
Große und ehrliche Emotionen erfordern aber auch starke Leistungen seitens der Darstellerinnen und Darsteller, die hier erfreulicherweise inklusive der Jungtalente Jua Leo Migliore (Libero) und Tommaso Guidi (Ercole) gegeben sind. Man zweifelt keine Sekunde daran, dass Lucia und Maria wirklich trauern, dass Demetrio sichtlich geschockt ist und die Kinder beinahe erstarrt sind.
Vor allem Eduardos Scarpettas tragendes Spiel ist es aber, das uns durch eine Pilotfolge führt, die von der ersten bis zur letzten Sekunde aufwühlt, mitreißt und durchaus eine Achterbahnfahrt der Gefühle in uns lostritt, wie es sie derzeit im Fernsehen viel zu selten zu sehen gibt.
Fazit

In „Die Geschichte meiner Familie“ menschelt es in jeder Sekunde. Trauer, Verlust, Neuanfang und Überwindung sind die großen Themen einer Miniserie, die Wert auf ihre Figuren legt und sich ohne viel Schnickschnack durch eine warmherzige, mitfühlende aber auch interessante Geschichte vorsichtig hindurchtastet.
Hinzu kommen ein Schuss Dramedy, tolle schauspielerische Leistungen und eine wunderschöne Bildsprache.
Übrigens dürfen wir beruhigt davon ausgehen, dass wir Fausto trotz seines Ablebens in der Pilotfolge zumindest in der ein oder anderen Rückblende wiedersehen werden. Denn die von uns Geliebten leben schließlich in unserer Erinnerung weiter. Auch das macht die Miniserie sehr deutlich. Solange wir sie nicht vergessen, sind die, die von uns gegangen sind, bei uns.
Dafür vergeben wir viereinhalb von fünf Punkten.
Verfasser: Reinhard Prahl am Mittwoch, 19. Februar 2025(Die Geschichte meiner Familie 1x01)
Schauspieler in der Episode Die Geschichte meiner Familie 1x01
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