Dickinson 1x01

© zenenfoto aus der Apple-TV+-Serie Dickinson (c) Apple TV+
Diese Kritik bezieht sich auf die ersten drei Episoden von Dickinson.
Von den vier Serien, die uns Apples neues Streamingangebot Apple TV+ am heutigen Freitag, den 1. November präsentiert, macht Dickinson ohne Zweifel den jugendlichsten Eindruck. Mit der halbstündigen Coming-of-Age-Retro-Dramedy (griffig!) hat man es recht offensichtlich auf ein jüngeres Publikum als Konsumenten abgesehen, vorzugsweise solche, die sich mit der zentralen Figur und ihren Ängsten, Sorgen und Problemen identifizieren können: Emily Dickinson, ihres Zeichens eine, wenn nicht sogar die bekannteste Dichterin Amerikas im 19. Jahrhundert, deren größtenteils nach ihrem Tod im Jahr 1886 veröffentlichtes Lebenswerk von mehr als 1800 Gedichten nach wie vor - und auch völlig zu Recht - große Bedeutung beigemessen wird. Dickinson war ihrer literarischen Zeit voraus, sowohl stilistisch als auch inhaltlich, und ihr wahres Genie blieb den meisten während ihrer Lebenszeit verborgen.
Nun zollt Serienschöpferin Alena Smith (The Newsroom, The Affair) dieser historischen Persönlichkeit auf ganz eigene Art und Weise Tribut, und zwar im Form einer recht ungewöhnlichen Historienserie, die Genrekonventionen ignoriert und mutig verschiedene Stile kombiniert, wodurch eine auf dem Papier nicht uninteressante Kombination aus zugeknöpfter Vergangenheit und wilder Moderne entsteht. Die Geschichte folgt dabei der jungen Emily Dickinson (Hailee Steinfeld), die uns bisher immer als sehr verschlossen und zurückgezogen verkauft wurde. In „Dickinson“ jedoch wird sie als selbstbestimmte, burschikose Protagonistin präsentiert, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen ihrer Zeit zu erheben versucht, dem Patriarchat die Stirn bietet und nebenbei die ganz normalen Prozesse durchlebt, die ein jeder jugendlicher Geist im Laufe seiner irdischen Existenz durchläuft.
Interview mit Showrunner Alena Smith zu Dickinson auf Serienjunkies.de
Der Ansatz von Chefautorin Alena Smith ist belebend und frisch, was sich sogleich in der sehr dynamischen Erzählweise von „Dickinson“ niederschlägt. Die Idee, die Bilder einer bestimmten historischen Epoche mit Musik aus der Jetztzeit (in diesem konkreten Fall harte Drum-Beat-Bässe und Songs von Künstlerinnen wie zum Beispiel Lizzo und Billie Eilish) zu untermalen, ist nicht neu - siehe Filme wie „Marie Antoinette“ von Sofia Coppola, „The Great Gatsby“ von Baz Luhrmann oder auch „Django Unchained“ von Quentin Tarantino. Die Umsetzung ist rein handwerklich betrachtet aber stimmig und trägt zum wilden, aufgeweckten Charakter bei, der in der Serie schlummert und speziell über Hauptdarstellerin Hailee Steinfeld immer wieder Ausdruck findet. Steinfeld, die übrigens als Produzentin fungiert, ist es auch, die das größte Argument liefert, „Dickinson“ eine Chance zu geben. Denn so lebhaft und aufregend der Apple-TV+-Neustart phasenweise ist, man kommt nicht umher festzustellen, dass sich das Format bereits früh in seiner zehnteiligen ersten Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) in einer kleinen Identitätskrise wiederfindet.
Ganz ähnlich wie seine Hauptfigur befindet sich „Dickinson“ permanent auf der Suche nach sich selbst, was man eher einem Charakter als einer gesamten Serie verzeihen kann. Die eigenwilligen, musikalischen Einschübe und Momente, in denen stilvoll gekleidete Teenager zügellos das Leben feiern, stellen sich immer wieder als durchaus unterhaltsam heraus. Gleichzeitig sind die tonalen Diskrepanzen zu Szenen, in denen man auf den Pfaden biederer Historienschinken wandelt, extrem auffällig, was wiederum dazu führt, dass man sich mehr als einmal fragt, was „Dickinson“ eigentlich für eine Serie sein will. Smith und ihr Team legen es sehr bewusst auf diese krassen Kontraste an, doch mehr als einmal entsteht der Eindruck, als würde es sich nur um ein amüsantes Stilmittel oder einen Auszug aus einem kurzweiligen Sketch (siehe „Drunk History“ von Comedy Central) handeln, als dass man tatsächlich etwas Substantielles zu sagen hätte.

Dickinson fühlt sich nach einer leichten, harmlosen, aber teilweise eben auch recht nichtssagenden Spaßserie für zwischendurch an, der es zu selten gelingt, in die Tiefe zu gehen. Wenn überhaupt, erreicht man das über den Hauptcharakter und die Einbindung von Gedichten aus der Feder der echten Emily Dickinson, die als eine Art roter Faden in den jeweiligen Episoden dienen und diesen auch ihre Titel geben. Werden diese Zeilen in einen fast schon poetischen Einklang mit der komplizierten Gefühlslage unserer Protagonistin gebracht, entfaltet sich noch am ehesten das schwer abzustreitende, jedoch zu sporadisch abgerufene Potential der Serie. Auf diese Weise ergründen wir die junge Emily Dickinson in all ihrer Komplexität, von ihren ambitionierten Zielen, den gesellschaftlichen Zwängen von Frauen im 19. Jahrhundert mutig und bestimmt entgegenzutreten, bis hin zum Erwachen und Ausleben ihrer eigenen Sexualität.
Die Freiheiten, die sich „Dickinson“ in diesen Momenten nimmt, zum Beispiel hinsichtlich der Beziehung von Emily zu ihrer besten Freundin Sue (Ella Hunt), die mit Emilys Bruder vermählt ist, sind erfrischend und fügen sich gut in die klassische Coming-of-Age-Formel ein, die man hier durchexerziert. Die jugendlichen Charaktere in „Dickinson“ sind oft schrecklich ratlos, unbeholfen, naiv und unsicher, was ihre Zukunft bringt. Sie lassen sich auf Experimente ein, überschreiten Grenzen, wollen irgendwie die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen, aber gleichzeitig auch unabhängig und selbstständig sein. Nicht wenige junge Zuschauerinnen und Zuschauern werden sich also hier wiedererkennen. Und dennoch geht dem Format (noch) die Fähigkeit ab, intelligente, vielschichtige Aussagen über das Erwachsenwerden zu formulieren, die hängen bleiben. Viel eher erkennt man klassische Tropen des Coming-of-Age-Genres wieder, nur eben etwas prunkvoller und spezieller verpackt als üblich.
Dieser Prunk - die fabelhaften Kostüme und das ansehnliche Setdesign - soll keinesfalls unerwähnt bleiben, weiß „Dickinson“ rein äußerlich doch absolut zu überzeugen. Ohnehin sind die Probleme der Serie eher struktureller Natur, als dass sie bei der gelungenen Ausstattung oder bei der Besetzung liegen. Steinfeld führt das Ensemble mit Bravour an und stellt exakt die Art komplexe Serienheldin dar, der man durch ihr verzwicktes Leben folgen möchte. Das Zusammenspiel von ihr und Ella Hunt (Cold Feet) zeichnet indes eine wunderbare natürliche Chemie aus, so dass von dem Duo Emily und Sue und deren inniger Freundschaft respektive Beziehung zueinander der größte Reiz ausgeht. In einer Nebenrolle glänzt derweil Anna Baryshnikov (Superior Donuts) als Emilys jüngere Schwester Lavinia (oder auch Vinnie), die mehrfach ein hervorragendes Gespür für komödiantisches Timing beweist. Etwas enttäuschend ist hingegen der Auftritt von Jane Krakowski (30 Rock, Unbreakable Kimmy Schmidt), die grundsätzlich eine großartige Schauspielerin ist, in „Dickinson“ jedoch fehl am Platze und ihren Stärken beraubt wirkt.
Interview mit Hailee Steinfeld und Jane Krakowski zu Dickinson auf Serienjunkies.de
Ein besonderer Castingcoup ist übrigens in Person des Rappers Wiz Khalifa gelungen, der in der Serie Gevatter Tod spielt. Richtig gehört: Emily, die sich als Dichterin zu morbiden Themen wie Sterblichkeit und Tod hingezogen fühlt, agiert in surrealen Traumsequenzen mit dem grim reaper höchstpersönlich, was „Dickinson“ eine unerwartet fantastische, passenderweise sehr poetische Note gibt. Von dieser kann man sich durchaus verzaubern lassen, ebenso wie von dem selbstbewussten Auftreten der Hauptdarstellerin und den dynamischen, ungezügelten Einzelmomenten, in denen „Dickinson“ einfach nur freidreht - man stelle sich hemmungslos twerkende Millennials in extravaganten Kleidern und feinem Zwirn vor, die mit Opium zugedröhnt so exzessiv feiern, als gäbe es kein Morgen. Doch das ist wie bereits erwähnt eben nur die halbe Miete. Inhaltlich fällt das Resultat nach drei Episoden nämlich leider viel flacher aus, als man es sich zu Beginn erhofft hatte.
Eventuell ist es ein Vorteil, dass die erste Staffel von Dickinson im Gegensatz zu den anderen Apple-Serien wie The Morning Show, See und For All Mankind auf einen Schlag veröffentlicht wird. So kann das Format nämlich möglicherweise aus dem Stand einen mitreißenden Rausch erzeugen, der einen vergessen lässt, was alles möglich wäre, wenn die Verantwortlichen eine klarere Idee hinter ihrer Serie verfolgen würden. Die vermeintliche Devise für „Dickinson“ lautet im Endeffekt nämlich: Alles kann, nichts muss. Und das ist nach den ersten drei Episoden gefühlt eher ein Hindernis als ein Vorzug.
Hier noch der Trailer zur neuen Serie „Dickinson“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 1. November 2019Dickinson 1x01 Trailer
(Dickinson 1x01)
Schauspieler in der Episode Dickinson 1x01
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