Dexter 7x08

Das Element, das sich in der Episode Argentina durch die entscheidenden Handlungsstränge zieht, ist die Liebe. Während LaGuerta quasi auf der Stelle tritt und Quinn nur noch Mitleid hervorruft, liebt Dexter Hannah, Deb Dexter und Sirko seinen Viktor. Das Blutvergießen wird in der achten Episode von Dexter zur Randerscheinung.
Liebeslügen
Debra (Jennifer Carpenter) war in der Folge Chemistry zu dem Entschluss gekommen, dass die starren Grenzen des amerikanischen Rechtssystems beizeiten im Dienste der Gerechtigkeit überwunden werden dürfen. So beauftragte sie nach reiflicher Überlegung Dexter (Michael C. Hall) mit dem Mord an Hannah McKay (Yvonne Strahovski). Doch von allen Mörderinnen steht ausgerechnet Hannah gerade in Dexters Küche, um ein Omelett zuzubereiten. Dexter profitiert von vielen Jahren der konsequenten Halbwahrheiten und findet so problemlos einen Weg, um Debra seine Verweigerung schmackhaft zu machen: „Deb, I care about you too much to let you do something you are going to regret.“
Dexters missliche Lage, zwischen den Ansprüchen der beiden Frauen in seinem Leben gefangen zu sein, ruft wieder einmal seinen Mentor Harry (James Remar) auf den Plan. Dieser zwingt Dex zur Auseinandersetzung mit sich selbst: „I am not going to stop seeing Hannah just because she is a murderer - and my sister wants to kill her.“ Nicht nur in Harrys Augen ist Dexters neuerliche Misere reichlich verzwickt.
Ein Mordsspiel
Etwas Ablenkung für den gestressten Serienmörder bietet sich aus der Richtung der Koshka Brotherhood. Isaak Sirko (Ray Stevenson) will Rache. Indem er seine polizeilichen Überwacher problemlos in die Irre führt, bekommt er die Möglichkeit, Dexter bei seinem täglichen Donutkauf zu erschießen. Genau wie dieser gradlinige Plan, schlägt auch Dexters Versuch fehl, sich seines Feindes zu entledigen. Im Gegenteil: Bei seinem Einbruch in Sirkos Domizil erledigt Dexter sogar einen weiteren Killer, der Isaak ausgerechnet durch seinen Partner George (Jason Gedrick) auf den Hals gehetzt wurde. Der neuerliche Mord geschieht so schnell und energisch, dass es einem in guter alter „Dexter-“Manier die Haare zu Berge stehen lässt.
Deb vs. Hannah
Deb ist in Hochform, was sich in einem neuerlichen Feuerwerk der Schimpftiraden manifestiert: Nicht nur lässt sie Astor, Cody und Harrison bei sich unterkommen, weil Isaak wahrscheinlich bereits einen „fucking“ Schlüssel für Dexters Apartment hat. Auch sieht sie es nicht ein, warum Hannah „happily fucking ever after“ weiterleben sollte.
Carpenter und Strahovski sorgen bei ihrem Aufeinandertreffen durch authentisches Spiel dafür, dass das verbale Kräftemessen der beiden Protagonistinnen ebenso intensiv wirkt, als hätten sie sich geprügelt. Die passionierte Lügnerin trifft auf die ehrgeizige Ermittlerin. Während Hannah an ihrer Fassade der geläuterten Sünderin festhält, geht Deb mit eindrucksvollen Drohgebärden in die Offensive: „You haven't even begun to feel sorry.“
Ein Hoch auf Ray Stevenson!
Isaak begeistert vor allem durch seine arrogante Unantastbarkeit: Er signalisiert seinen uniformierten Verfolgern in einer fabelhaft abwertenden Geste, dass er gedenkt, essen zu gehen. Selbst, als ihm die Hintermänner in Kiew und auch George (Jason Gedrick) in den Rücken fallen, löst das in ihm nicht mehr als als ein verbales Schulterzucken aus: „So much for Brotherhood.“ Obwohl sein treuer Bodyguard Jurg Yeliashkevych (Andrew Kirsanov) als einziger noch auf Isaaks Seite ist, lässt sich dieser keineswegs entmutigen. Auf herrliche Weise traktiert er Dexter mit Anspielungen, während dieser seinen eigenen Mord untersucht.
... und der Rest.
Die Handlung, die in Bezug auf die Morgans, McKay und Sirko voranschnellt, stagniert in den Nebenschauplätzen.
Wie bereits erwartet, misslingt es Quinn (Desmond Harrington), sich gegen die wirklich harten Jungs durchzusetzen. Dadurch, dass er im Auftrag der ukrainischen Mafia Beweise hatte verschwinden lassen, hat er sich nun erpressbar gemacht. Somit hat der Polizist jeden ermittlerischen Spielraum eingebüßt und ist endgültig zu einer Marionette geworden. Als er in der Schlusssequenz den Wachhund für die Brotherhood spielt, wünscht man sich fast, dass jemand ihn von seinem Leiden erlösen würde.
Batista (David Zayas) hat endlich sein Restaurant eröffnet. Obwohl er sich mit polizeilichen Aktivitäten in der Episode Argentina zurückhält, ist es doch angenehm, ihm in seiner ausgelassenen Freude zuzusehen. Nur schade, dass das Glück in Dexter meist nur eine geringe Halbwertzeit hat.
In der unverändert wirkenden Strandbar treffen wir auch zum ersten Mal seit langer Zeit Astor (Christina Robinson) und Cody (Preston Bailey) wieder. Sie sind größer und pubertärer geworden. Die geschwisterlichen Auseinandersetzungen der beiden sind so nervig wie realistisch. Besonders Astor, die mittlerweile Gefallen an der drogeninduzierten Realitätsflucht gefunden hat - wer kann es dem leidgeplagten Mädchen verübeln -, liefert Anlass für einfühlsame Vater/Tochter-Konversationen mit Dexter. Zu Astors Glück haben ihre Erziehungsberechtigten gerade weit größere Sorgen, als ihr wegen der Joints Probleme zu machen.
Liebeswahrheiten
„No judgement, no fear, no panic:“ Dexter fühlt sich so wohl in der Anwesenheit von Hannah, dass er sie in die unmittelbare Nähe seiner Familie vordringen lässt. Im Angesicht von Cody, Astor und Harrison wird erkennbar, dass die Killerin es insgeheim bereut, durch die Entscheidungen ihrer Vergangenheit das Anrecht auf ein normales (Familien-)Leben verwirkt zu haben. Doch vielleicht hat sie ja bis jetzt einfach noch nicht den richtigen Partner gefunden...
Nachdem Dex seine Schwester in den letzten Episoden im Unklaren über seine Beziehung zu Hannah gelassen hatte, hat er das Versteckspiel satt und präsentiert ihr in einer bewussten Entscheidung deren Schlüssel.
„Being with Hannah is worse than me being a serial killer?!?“ Deb beantwortet die Frage ihres Bruders mit einem energischen Ja. Die Enttäuschung über Dexters neuerliche Halbwahrheiten und ihr Hass auf Hannah sind genug, um ihr größtes Geheimnis herausplatzen zu lassen: Deb ist in Dexter verliebt. Oder sie war es einmal. Sie weiß es nicht. Davon ist Dexter so überrascht, wie Deb durch seine Beziehung zu Hannah verletzt ist. Der Zeitpunkt für Debs Geständnis ist merkwürdig. Schließlich sind die Chancen, dass ihre Gefühle erwidert werden, gerade jetzt geringer denn je. Doch die großartige Carpenter - man kann es nicht oft genug betonen - trägt eine derartige Impulsivität und Verletztheit nach außen, dass sie jegliche Zweifel an der Plausibilität sprichwörtlich überspielt.
Unter anderen Umständen
Ausgerechnet mit Sirko bietet sich für den aufgewühlten Dexter die Gelegenheit, sich über das Leben als Außenseiter und die Irrwege der Liebe auszutauschen. Victor war tatsächlich mehr als nur ein Freund für Isaak. Er war der einzige, der das Leben des Gangsters wahrlich lebenswert gemacht hatte. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass er seinen Rachefeldzug gegen Dexter auf keinen Fall abbrechen kann. Das ist auch in Isaaks Augen schade. Schließlich hätten Mr. Morgan und er wohl - bei allen Gemeinsamkeiten - tatsächlich zwei gute Freunde abgegeben.
Mithilfe der Nahaufnahmen wird die Intensität dieses Zwiegespräches noch verstärkt. Selbst Sätze wie „He was the one thing that money and power can't bring back“, die in einem anderen Zusammenhang vielleicht abgedroschen gewirkt hätten, machen dank der tiefen Traurigkeit, die Ray Stevenson auf Isaaks Gesicht zaubert, einen stimmigen Eindruck. Isaak hat nichts mehr zu verlieren, was ihn gefährlicher macht denn je.
Fazit
Argentinien steht für einen sicheren Ort, an dem man sich nicht verstellen muss. Für Isaak wurde das symbolische Land in dem Moment zerstört, als Victor das Zeitliche segnete. Jetzt, da in Gestalt von Hannah auch für Dexter wieder ein Argentinien in Sicht ist, wird es durch Sirkos alttestamentarische Vorstellungen von Vergeltung bedroht. Doch auch Deb, die in ihrem Feldzug gegen Hannah nicht länger nur durch Rache und den Drang nach Gerechtigkeit angetrieben wird, sondern auch durch Eifersucht, stellt eine unberechenbare Gefahr dar... Und dann ist da selbstverständlich auch LaGuerta. Sie treibt ihre Nachforschungen zwar seeehr bedächtig voran, hat aber endlich Gewissheit darüber erlangt, wer der wahre Bay Harbor Butcher ist.
Sirkos Plädoyer für die Liebe gehört neben Debras Geständnis zu den herausragenden Sequenzen von Argentina. Zu schade, dass die beiden Killer nicht einfach ihre Differenzen ruhen lassen, um sich gemeinsam dem Kampf gegen George und den Rest der Brotherhood zu stellen.
Durch Debras Offenbarung ist die Beziehung der Geschwister Morgan so kompliziert wie nie. Zwischen all den schwerwiegenden Entwicklungen bleibt in dieser Mittelfeldsepisode noch immer Platz für ein bisschen Galgenhumor, bei dem sich neben Debra und Sirko auch Harry hervortun kann: „Is that your plan to keep Debra from going over to the dark side? Give her a massive sugar rush?“ Doch egal, wie Dexter sich mit seiner Schwester arrangieren wird: Es bleibt in dieser hervorragenden siebten Staffel so spannend wie selten zuvor.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 19. November 2012(Dexter 7x08)
Schauspieler in der Episode Dexter 7x08
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