„Dexter: Original Sin“ ist ein schlechtes Cover vom Original - Kritik zur neuen Serie

© Paramount+, Showtime
Paramount+ und Showtime sehen in Dexter großes Franchisepotential, und müssen gleichzeitig aufpassen, dass sie die Marke nicht versehentlich killen. Nachdem schon die 2021 gestartete Sequel-Serie, „Dexter: New Blood“, bestenfalls ganz nett war, ist das neue Prequel, Dexter: Original Sin nun ein klarer Fehlschlag. Auf den ersten Blick sieht das Ganze vielleicht aus wie „Dexter“, fühlt sich aber nicht wie „Dexter“ an. Ähnlich wie bei einem Coversong, der wie das Original klingen mag, aber einfach nicht das einzigartige Gefühl vermitteln kann.
Schlechte Vorzeichen für die Serie „Dexter: Original Sin“
Im Vorfeld war von Paramount darauf verzichtet worden, Screener zur zehnteiligen Auftaktstaffel von „Dexter: Original Sin“ bereitzustellen. Aus Erfahrung weiß man mittlerweile, dass das leider oft schon auf die Qualität eines Neustarts schließen lässt... Doch im Fall des „Dexter“-Prequels waren die negativen Vorzeichen schon deutlich früher zu sehen: Allein der Titel „Original Sin“ löste sofort ein Cringe-Gefühl aus, weil er mehr zu Pretty Little Liars als zu „Dexter“ passt.
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Etwas tiefer sitzt das grundlegende Problem, dass Prequelserien besser beraten sind, sich einem Nebencharakter zu widmen statt der Hauptfigur. Better Call Saul hat so gut funktioniert, weil Saul Goodman (Bob Odenkirk) in Breaking Bad eine beiläufige Karikatur war, die später in der Vorgeschichte angereichert wurde. Bei „Dexter“ droht nun genau das Gegenteil einzutreten: Man nimmt einen Protagonisten, der bereits über viele Staffeln entwickelt wurde und verzerrt ihn nachträglich zum Abziehbild.
Da man ja genau weiß, wo „Dexter“ zu Beginn der allerersten Season steht, gibt es für „Dexter: Original Sin“ klare Limits. Man kann nur wenig Neues entdecken, da schon beim Original durch die zahlreichen Flashbacks die Vergangenheit der Figur abgegrast erschien. In der Pilotepisode des Prequels, And in the Beginning... (1x01), werden bereits ganze Passagen aus dem Leben des jungen Dexters wiederholt. Hommage oder Einfallslosigkeit?
Alter Showrunner, neue Probleme
Das Drehbuch hat also Schwächen, was besonders traurig stimmt, wenn man bedenkt, dass extra für das Prequel (wie schon bei „New Blood“) der frühere Showrunner Clyde Phillips zurückgeholt wurde. Lange Zeit dachten die Fans, dass der qualitative Einbruch beim Original-„Dexter“ damit zu tun hatte, dass er die Serie nach der vierten Staffel verließ. Die Season mit dem Trinity Killer gilt bis heute als die Stärkste im gesamten Franchise - übrigens ist derzeit auch ein Prequel über den Schurken in Entwicklung.

Zurück zu „Original Sin“: Bevor man den jungen Dexter-Darsteller Patrick Gibson (Shadow and Bone) kennenlernt, tritt noch mal der alte auf, sprich Golden-Globe-Gewinner Michael C. Hall. Er ist das Gesicht vom Franchise - und auch die Stimme, denn er bleibt im Voiceover erhalten. Trotzdem macht sein kurzer Auftritt gleich am Anfang wenig Freude, weil es sich um ein durchkalkuliertes Cross-Promo-Manöver handelt, das einzig das Ziel verfolgt, das große Revival mit Dexter: Resurrection anzukündigen.
ASMR-Intro neu erfunden
Etwas erfreulicher ist das neue Intro von „Dexter: Original Sin“, weil es das einzige Exempel gelungener Hommage darstellt. Man hört das legendäre Opening Theme von Komponist Rolfe Kent und sieht diverse Anspielungen auf Dexters gute alte Morgenroutine. Die kleinen Abweichungen sind durchaus charmant - wenn etwa Vater Harry (Christian Slater) die Rasur übernehmen muss, weil es Babyface Gibson offenbar am Bartwuchs mangelt. Auch die Idee, den Fokus auf die gesamte Familie Morgan (also auch Molly Brown als Schwester Debra) zu legen, ist eine gute. So nimmt man Druck von der Titelfigur.
Um beim Positiven zu bleiben: Gibson hat tatsächlich ein paar starke Momente in der Pilotepisode. Besonders schön ist die Szene, als Dexter in seinem Jugendzimmer sitzt und sich ausmalt, was mal sein Name als Serienkiller werden könnte. Wie ein Kind, das davon träumt, ein Superheld zu sein - und auf eine gewisse Art, hat „Dexter“ ja auch schon immer ins Superheldengenre reingepasst. Das für die Serie so zentrale Zusammenspiel mit Slater wirkt ebenfalls vielversprechend.

Ansonsten sorgen auch die Superstars Sarah Michelle Gellar (Buffy the Vampire Slayer) und Patrick Dempsey (Grey's Anatomy) jedes Mal für Freude, wenn sie auf dem Bildschirm sind. Dempsey trägt einen wunderbaren Schnurrbart, was seine Hauptqualifikation für das Amt des damaligen Captains der Miami Metro Police sein dürfte - der Look kommt umso besser, wenn man sich daran erinnert, dass Dempsey 2023 zum „Sexiest Man Alive“ gewählt wurde. Leider sieht man ihn und SMG als brillante Gerichtsmedizinerin in der ersten Episode viel zu selten. Konnte man sich diesen Elite-Cast vielleicht nur mit begrenzter Screentime leisten?
Kostüme statt Charaktere
Was bekannte Figuren wie Vince Masuka, Angel Batista und Maria LaGuerta angeht - die hier gespielt werden von Alex Shimizu (The Blacklist), James Martinez (Love, Victor) und Christina Milian (Grandfathered) -, muss man leider wieder feststellen, dass das Karikative überwiegt. Angel wirkt aufgrund seines distinkten Modestils wie eine lustige Verkleidung, in der sein neuer Darsteller Martinez zwangsläufig untergeht. Man kann nur hoffen, dass diese Nebenrollen im weiteren Verlauf mehr Möglichkeiten kriegen, sich neu zu erfinden.
Im Stilistischen stechen immer wieder kleine Details negativ hervor: mal als sehr wenig subtile Referenz auf den Roman „American Psycho“, mal in Form eines seltsamen Kommentars zu Katzen (die Dexter plötzlich für sich entdeckt haben soll?). Etwas peinlich ist auch der defekte Krankenhausschriftzug, der „Emergency“ und gleichzeitig „Emerge“ buchstabiert - kurz, bevor wir zur Geburtsszene Dexters springen. Immerhin macht die Serie damit früh ihr eigenes Niveau klar. Aber, dass man wirklich bei der Geburt der Hauptfigur anfängt, kann nur ein Witz sein. Oder?

Die Inszenierung der ersten Episode übernahm interessanterweise der „Heathers“-Regisseur Michael Lehmann (er und Slater hatten also 1988 bereits ein gemeinsames Projekt). Mit am meisten stört bei „Dexter: Original Sin“ die Musikauswahl. Immer wieder sind Songs zu hören, die einfach gar nicht zu „Dexter“ passen. Hängen geblieben ist besonders „Ice Ice Baby“ - was höchstens mit einer Anspielung auf den Kühllasterkiller entschuldigt werden kann, der aber sonst keine Rolle spielt.
Wiederholungen und Abweichungen
Als erste Gegenspielerin für den jungen Dexter hat man sich Nurse Mary ausgesucht. Sie ist der Todesengel, der Dexters Vater vergiftete und dann selbst zum ersten (menschlichen) Opfer überhaupt für die Hauptfigur wurde. So gesehen ein logischer Anfangspunkt für das Prequel, doch leider wird hier eben vieles wiederholt, was im Original bereits in Flashbacks zu sehen war. Vielleicht wollen Phillips und Konsorten so auch neue Zuschauer*innen abholen, doch für die alten ist es nervig.
Nun ein kleiner Spoiler-Absatz (der bei Bedarf übersprungen werden kann): Mit Blick auf die alten Fans sorgt „Dexter: Original Sin“ im Pilot womöglich für Verwirrung, indem ein neues Detail zu Harry addiert wird. Ich selbst habe die ersten vier „Dexter“-Staffeln mindestens fünfmal gesehen und erinnere mich absolut nicht daran, dass Dexters Adoptivvater vor ihm einen Sohn hatte, der im Schwimmbecken ertrank, während er besoffen Football geschaut hat. Eine Szene, die in ihrer Drastik so gar nicht ins Gesamtbild passt. Obwohl theoretisch die tragische Vorgeschichte von Harry genau der Bereich wäre, wo das Prequel hingehen muss. Zumal man sich so auf Slater als stärkstes Mitglied im Haupt-Cast stützen kann...
Abschließend auch noch kurz was zum Setting und der Prämisse (das hätten wir vor lauter Ärger fast vergessen). Die Geschichte spielt 1991 in Miami: Dexter hadert mit dem Medizinstudium, weil es nicht blutig genug ist; und fängt ein Praktikum in der Blutspurenanalyse an. Doch wie kommt er dazu? Hier hätte das Prequel sich so viel einfallen lassen können, gerade da sein Vater eine direkte Verbindung zur Polizei hat. Also? Ganz einfach: Dexter geht zu einer Berufsorientierungsmesse. That's it.
Fazit
Alles in allem bleibt festzuhalten, dass die Premiere von „Dexter: Original Sin“ wenig Freude macht. Das Prequel weckt eher Zweifel daran, ob das erweiterte „Dexter“-Franchise, das gerade aufgebaut wird, überhaupt tragfähig ist. Vielleicht war die erste Hälfte vom Original-„Dexter“ damals in den 2000er Jahren einfach das Zufallsergebnis eines perfekten Sturms. Vielleicht lässt sich dieser Geist gar nicht gezielt beschwören - wenn inzwischen auch Mastermind Clyde Phillips daran scheitert.
Ihm möchte man gar keine Vorwürfe machen, denn die Fehlentscheidungen wurden vermutlich auf Senderebene gefällt. So steht das neue Prequel „Dexter: Origin“ schon jetzt im Schatten des sich abzeichnenden Sequels „Dexter: Resurrection“, das mit Michael C. Hall auftrumpfen soll. Patrick Gibson und die anderen neuen Stars von „Original Sin“ trifft auch keine Schuld. Sie sind noch das beste Argument dafür, dem Neustart bei Paramount+ eine Chance zu geben.
Von uns gibt es für den Auftakt daher zwei von fünf bitter enttäuschten Messern.