
Wir schreiben das Jahr 1983: US-Präsident Ronald Reagan hat die Sowjetunion zum Reich des Bösen ausgerufen. Die Spannungen der Großmächte haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Jede der beiden Seiten glaubt, dass von der anderen ein unmittelbarer Angriff droht. Und Deutschland ist das Aufmarschgebiet. Im Westen werden Pershing-Raketen stationiert, im Osten SS-20.
In dieses potenziell verheerende Schachspiel der Großmächte wird der 24-jährige DDR-Grenzsoldat Martin (Jonas Nay) verwickelt. Weil er von Aussehen und Profil her dem neuen Adjutanten eines hochrangigen Bundeswehr-Generals (Ulrich Noethen) entspricht, wird er von seiner Tante (Maria Schrader), die für die Auslandaufklärung der Stasi arbeitet, als Spion rekrutiert.
Martin weigert sich zunächst. Er will seine Heimat, seine Familie und seine Freundin nicht verlassen. Weil seine Mutter (Carina N. Wiese) jedoch dringend eine Nierentransplantation braucht und seine Tante verspricht, für eine bevorzugte Behandlung zu sorgen, lässt er sich schließlich auf die Mission ein. Er nimmt die Identität des - von der Stasi mittlerweile liquidierten - Moritz Stamm an. Sein erster Auftrag: an streng geheime NATO-Pläne zu kommen...
Deutschland 83 ist die erste deutsche Dramaserie, die auf einem US-amerikanischen Kabelsender laufen wird „65660“. Und nach Sichtung der ersten beiden Folgen hat sie sich das auch durchaus verdient.
Die Skepsis vieler Leser gegenüber allem, was von RTL kommt, ist groß. Ich weiß. Und das ist auch keineswegs unverständlich. Gerade die gestrigen News sollten jedoch Anlass dazu geben, die Serie einfach mal für sich zu betrachten. Schaut sie Euch im Herbst doch einfach so an, als ob Ihr gar nicht wüsstet, dass sie von RTL stammt. Tut einfach so, als ob es eine Sundance-Serie wäre. Was Deutschland 83 ja jetzt auch gewissermaßen ist (wenn auch „nur“ als Lizenzeinkauf).
Hätte man mir die ersten zwei Folgen von Deutschland 83 gezeigt, ohne dass ich gewusst hätte, welcher deutsche Sender dahintersteht - auf RTL hätte ich nicht getippt. Was kurioserweise jedoch trotzdem nicht bedeutet, dass Deutschland 83 nun ganz und gar nicht zu RTL passen würde.
Deutschland 83 ist nicht Weissensee, obwohl beide Serien in einem ähnlichen Zeitabschnitt spielen. In Deutschland 83 steht jedoch bei weitem nicht so sehr die ideologische Auseinandersetzung zwischen Ost und West im Mittelpunkt. Vielmehr steht - und das zeichnet die Serie als Thriller aus - die Gefahr im Vordergrund, in der Deutschland zu jener Zeit schwebt. Und zwar eine Gefahr, die genau dadurch heraufbeschworen wird, dass beide Seiten - Ost wie West - eine Bedrohung abzuwehren versuchen, die vom jeweils anderen Block auszugehen scheint.
Hier zeigt sich die Komplexität von Deutschland 83: Ohne einseitig auf den bösen Russen oder den bösen Ami zu setzen, entfaltet die Serie eine Symmetrie (und gegenseitige Verflechtung) der Bedrohung: Jede der beiden Seiten glaubt, im Namen der eigenen Sicherheit zu handeln - was ja eine völlig nachvollziehbare Motivation ist. Auch der junge DDR-Spion, mit dem wir als Zuschauer mitfiebern, wird nicht zuletzt davon angetrieben.

Zumindest für mich funktioniert Deutschland 83 - ja, ich weiß, das werden für manche Leser geradezu blasphemische Worte sein - in dieser Hinsicht sogar besser als The Americans. Was daran liegen mag, dass die Distanz zu Martin/Moritz eine geringere ist - und seine Motivation dadurch eindringlicher erfahren wird. Wenn er auf die NATO-Pläne schaut und sieht, wo in seiner Heimat, der DDR, im Falle eines Falles die US-amerikanischen Raketen einschlagen würden, dann hat das für den deutschen Zuschauer durchaus noch mal eine andere emotionale Relevanz.
Die Einbindung zahlreicher Ausschnitte aus damaligen Nachrichtensendungen gibt der Serie quasi-dokumentarische Authentizität und Dringlichkeit.
Deutschland 83 ist clever, modern und spannend erzählt; mit einem starken fortlaufenden Bogen und vielen Bällen drumherum (etwa die Frage, wie es Martin und seine Freundin mit der Treue halten werden), mit denen die Serie jongliert. Sie ist komplex, ohne dabei aber auf Teufel komm raus düster zu sein.
Ich weiß nicht, ob ich gleich nach der ersten Folge so überzeugt gewesen wäre, dass ich sie hätte weiterschauen wollen. Nach dem Ende von Folge 2 war ich jedoch hooked. Und werde im Herbst bei der deutschen TV-Ausstrahlung definitiv dranbleiben.